Robert Habeck: Wer wir sein könnten; Montage: rbb
Kiepenheuer & Witsch
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Sachbuch - Robert Habeck: "Wer wir sein könnten"

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In manchen Umfragen liegen die Grünen derzeit über 20 Prozent, teils nur knapp hinter der CDU, deutlich vor der AfD und noch viel deutlicher vor der SPD. Dafür gibt es viele Gründe.

Ein Grund ist augenscheinlich Robert Habeck, der sich seit diesem Jahr den Parteivorsitz mit Annalena Baerbock teilt. Habeck ist Doktor der Philosophie und Autor diverser Bücher. Er ist klug, belesen und rhetorisch versiert. Er sieht gut aus, kommt modo grosso sympathisch rüber und ist weit entfernt vom Klischee des moralisierenden grünen Besserwissers à la Amtsvorgängerin Simone Peter. Kurz: Habeck ist die personifizierte Hoffnung der Grünen, eine richtig große Partei zu werden, die man im Erfolgsfall Volkspartei nennen könnte – wäre den Grünen nicht das "Volk" in diesem Begriff ein Problem.

Exkurs zur Liebe

In "Wer wir sein könnten" nimmt sich Habeck einige recht konkrete Aufgaben vor. Er möchte zeigen, wie die "sprachliche Grenzverschiebung der letzten Zeit funktioniert", durch die immer mehr rechte Begriffe salonfähig wurden, und den generellen Unterschied zwischen "fundamentalistischem und demokratischem Sprechen" skizzieren. Dafür erteilt Habeck zunächst allgemeinverständliche sprachphilosophische Lektionen, darunter diese:

"Nur was wir sagen können, können wir denken. Was wir aussprechen, wird Wirklichkeit. […]  Sprache repräsentiert nicht etwas, was ohne sie da wäre, sondern bringt aktiv Wirklichkeit hervor."

Vielen Lesern aus dem überwiegend akademisch gebildeten Grünen-Milieu wird das gewiss nichts Neues sein, anderen vielleicht schon. Und damit es wirklich jeder kapiert, startet Habeck gleich mal einen – durchaus unerwartbaren – Exkurs zur romantischen Liebe. Die gab es im Gefühlsleben von Liebenden vielleicht schon sehr lange, aber als ein bestimmtes, von hergebrachten Standes- und Einkommensfragen emanzipiertes Konzept in der Tat erst seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert. Folglich resümiert Habeck korrekt: "Liebe ist eine sprachlich Erfindung, die eine gesellschaftliche Wirklichkeit geschaffen hat."

Sprache der Politik

Von der Sprache der Liebe zur Sprache in der Politik. Habeck sieht sich zu einem Bekenntnis genötigt, das angesichts der ausgeprägten jüngeren Selbstkritik linker Denker am Bevormundungs-Gestus des eigenen Lagers (etwa durch Mark Lilla) geradezu verniedlichend wirkt:

"Ja, auch die Sprache linker Politiker ist bei Weitem nicht immer nüchtern und ausgewogen."

Ein Schlenker, dem die sehr viel gründlichere Attacke auf die Sprache der Rechten und deren Zielen folgt:

"Die AfD und die Neuen Rechten streiten nicht nur um die bessere politische Ausrichtung. Sie verändern die Grundannahmen, innerhalb derer gestritten werden kann."

Wenn Beatrix von Storch den Grünen vorwirft, "Klimanazis" zu sein, wenn Björn Höcke Merkels Kanzlerschaft als "dunkelstes Kapitel der deutschen Geschichte" diffamiert, wenn Alexander Gauland die Nazi-Zeit als "Vogelschiss" abtut, dann sieht Habeck darin mit den Worten Nietzsches eine "Umwertung aller Werte". Er teilt aber auch denjenigen großzügig aus, die sich selbst nicht zur Neue Rechten zählen, darunter der Schriftsteller Uwe Tellkamp ("ziemlich wehleidig"), der Medienwissenschaftler Norbert Bolz ("diskreditiert [...] Mitleid"), der "Welt"-Chefredakteur Ulf Poschardt, der Maler Neo Rauch und viele andere.

Habeck stellt die tagesaktuellen Wortgefechte in den ganz großen Rahmen:

"Wir laufen auf eine neue Auseinandersetzung zu: völkisch-nationalistische Politik von rechts (und manchmal links) gegen liberale, internationale Politik."

Konservative und bürgerliche Rechte dürften sich in dieser grob umrissenen Kampfstellung nicht wiederfinden. Überhaupt wirbt das Büchlein immer dann, wenn Habeck konkret wird, unausgesprochen für die Grünen, die neuen Grünen, die Habeck-Grünen. Wogegen gar nichts zu sagen ist, wir lesen hier schließlich das Buch eines recht frisch gewählten Parteivorsitzenden. Dabei weiß Habeck, dass die meisten akuten Probleme zu komplex sind, um sie durch den Triumph einer (inklusive seiner) Position zu lösen:

"Wenn Politik nicht doofer sein will als ihr Ruf, dann muss sie sich von den Ritualen des Sieges und der Niederlage frei machen."

Habeck entlarvt rechte Kampf-Begriffe wie "Volksverräter" als Demagogie, um sodann sein inneres Bildungsbürgertum auszuspielen: Er schreibt seinem Büchlein eine kurze, skeptische Geschichte der deutschen Nation als "Kulturnation" ein. Goethe, Schiller, die Schlegels, Novalis und Hegel – rasch hat Habeck die alten Promis beisammen und resümiert den Grundgedanken der Klassik so:

"Der Weg zum Politischen, zum politischen Bürger führt also über die Kunst. Das Politische wird ästhetisiert. Der deutsche Nationalstaat wird als 'Nationalästhetizismus' entworfen."

Der Nachweis, dass und wie diese Vergangenheit immer noch nachwirkt, gelingt Habeck bestenfalls lückenhaft. Aber sei's drum. Der Autor versucht, seiner Gegenwarts- und Sprachkritik Tiefe zu geben – das ist okay, so abgerissen es auf 127 Seiten bleiben muss.

In der zweiten Hälfte wird "Wer wir sein können" thematisch immer sprunghafter. Die Notwendigkeit von Anerkennung, der wünschenswerte Pluralismus der Lebensstile, die Stärke von Witz und Satire, der "Diskurs der Angst", die Seenotrettung von Flüchtlingen, das Leben an der deutsch-dänischen Grenze – Habeck ruft sich selbst geeignete Stichworte zu, um sein emphatisches Verständnis von Politik auszubreiten:

"Alle Politik ist Fragment. Sie ist nie fertig. Sie ist nie vollendet. Es gibt keine Perfektion. Das Wesen der Demokratie ist Veränderung."

Der Sound tönt voll, erübrigt allerdings nicht die simple Nachfrage: Ja, was denn sonst? Über den Mangel an Selbstverständlichkeiten dürfte sich kein Leser beklagen.

Ein Büchlein der Verteidigung

Summa summarum: Robert Habeck hat ein weitgehend sachliches Büchlein gegen die Eroberung der Sprache und damit der Politik und damit – das ist die beschworene Gefahr – der Demokratie durch die Rechten geschrieben. Ein Büchlein, das Habeck als gebildeten, reflektierten Politiker zeigt, der hinter den rhetorischen Krawallen der Tagespolitik brisante tektonische Verschiebungen bemerkt, darüber aber nicht in Hysterie verfällt, sondern aufs Argumentieren setzt. Ein Büchlein auch, in dem er sich, nicht frei von Eigenwerbung, als leidenschaftlicher, dezent selbstkritischer homo politicus vorstellt. Zum "Spiegel"-Bestseller hat das gereicht. Man darf vermuten, dass die meisten Käufer aus dem Lager kommen, in dem die Grünen derzeit mächtig reüssieren.

Übrigens – Habecks Credo lautet: "So unterschiedlich wir sind: Es gilt ein 'Wir' zu formulieren."

Das kann aber wohl erst ein weiteres Buch leisten. Denn "Wer wir sein könnten" ist eine Verteidigung der linksliberalen Demokratie gegen die Zersetzung durch den Sprachgebrauch der Rechten – eine Verteidigung, der die Unterscheidung von "wir" und "sie" jederzeit zugrunde liegt. Die Arbeit am "Wir" wird Habeck noch viel Mühe kosten, umso mehr, je erfolgreicher seine Partei ist. Indessen weiß er selbst, dass sein Appell für eine "offene Sprache" zunächst nur Willensbekundung ist: "Das sagt sich viel leichter, als es sich einlösen lässt."

Arno Orzessek, kulturradio  

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