Zora del Buono: Gotthard © C.H. Beck
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Belletristik - Zora del Buono: "Gotthard" (Novelle)

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Zora del Buono ist Gründungsmitglied der Zeitschrift "mare" und war dort einige Jahre als Chefredakteurin tätig. Seit zehn Jahren veröffentlicht die Schweizer Autorin Bücher. Im Jahr 2015 erschien eine Novelle mit dem Titel "Gotthard". Darin erzählt sie von den Arbeitern am Gotthardbasistunnel.

Die Bücher, die ich zum wiederlesen empfehle, sind haltbare Bücher: also solche, die noch Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte nach ihrem ersten Erscheinen attraktiv, berührend, überwältigend oder schlicht: interessant sind – unabhängig von der Anerkennung, die sie zum Zeitpunkt ihres Erscheinens erfahren haben.

Hier nun ein noch sehr junges Buch, erschienen erstmals vor drei Jahren, wenig beachtet, nun als Taschenbuch erhältlich. Zoro del Buono, Autorin mehrerer Bücher, die zwischen Reportage, Esaay und Erzählung osziliieren, hat mit diesem Werk das alte Genre der Novelle wiederbelebt – und zwar, wie ein Kritiker freudig anmerkte: "perfekt".

Gigantisches Bauprojekt

Wir sind im Tessin, an der Baustelle eines Tunnels für Hochgeschwindigkeitszüge durch den Gotthard. Es ist der Morgen des 15. Mai, 6 Uhr. Um 12 Uhr 23 wird die Geschichte enden.

Der deutsche Steuerfachmann Bergundthal, dessen einzige Liebe im Leben die Lokomotive schlechthin und in jeder Erscheinungsform ist, wäscht und rasiert sich. Danach wird er den Tag am Gotthard-Tunnelausgang verbringen und Lokomotiven fotografieren. Um 6 Uhr 30 tritt der Baustellen-Lokführer Roberto Filz seinen Dienst an. So treten sie nach und nach auf, die Leute von der Baustelle und aus dem Ort: die obercoole Lastwagenfahrerin, die Prostituierte aus Brasilien, der Meister der Tunnelbohrmaschine, der Kontrolleur von der Leitstelle, die ehemalige Kantinenwirtin und ihr verrückter Mann. Über diese Figuren entwirft del Buono ein Bild des gigantischen Bauprojekts, technische Nahaufnahmen eingeschlossen.

Möge dieses Buch niemals vergriffen sein.

Und jede einzelne Figur, so verrückt oder schlicht oder durchschnittlich sie erscheinen mag, wird in ihrer Schilderung einzigartig: der Sexsüchtige ein auf spezielle Weise Verliebter, der Techniker ein stummer Rebell, der Faschist ein schuldbeladener Pantoffelheld, die Prostituierte eine Frau, die ihre Grenzen zu ziehen weiß.

Zora del Buono erzählt von Menschen und Maschinen so, dass kein Klischee eine Überlebenschance hat. Sex, Sehnsucht und Technik auf der Baustelle: So hat man das noch nie gesehen – und gelesen. Möge dieses Buch niemals vergriffen sein.

Katharina Döbler, kulturradio

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