Buchcover: Chatwin: Traumpfade
Fischer Taschenbuchverlag
Bild: Fischer Taschenbuchverlag

Roman - Bruce Chatwin: "Traumpfade"

Bewertung:

Bruce Chatwin auf den Fußspuren der australischen Ahnen. Ein Buch voller verrückter Ideen und unkonventioneller Gedanken. Eine Ode an die Ruhelosigkeit.

Wie ein hell strahlender Komet erschien Bruce Chatwin plötzlich am Literaturhimmel. Bevor er schlagartig zu einem der bedeutendsten Gegenwartsautoren avancierte, hatte er bei
Sotheby's als Kunstexperte und als Reporter bei der Sunday Times gearbeitet.

Dann veröffentlichte Chatwin in schneller Folge Romane und Reisetagebücher, machte sich mit Büchern wie "In Patagonien", "Der Vizekönig von Ouidah", "Auf dem Schwarzen Berg" einen Namen als eleganter Erzähler und Weltreisender der Literatur. Heute vor 30 Jahren, am 18. Januar 1989, ist Bruce Chatwin mit nur 48 Jahren an Aids gestorben.

 

Die geheime Welt der Rituale

"Songlines" oder "Traumpfade" benennen etwas, was in der Glaubens- und Vorstellungs-Welt der australischen Ureinwohner, den Aborigines, zentral ist, was man aber einem Fremden nicht erklären und verraten darf. Wer gegen das Tabu verstößt und die geheime Welt der Rituale oder die Lieder eines Clans verrät, ist des Todes.

Und es gibt nicht wenige Aborigines, die zwar anerkannten, dass Chatwin zu einer Zeit, als man die Ureinwohner in Australien noch rassistisch diskriminierte, ein überwiegend positives Bild ihrer Kultur zeichnete, dass sie aber Chatwin gleichwohl wegen seines Buches, das ihrer Meinung nach sehr viel Fantasie und sehr wenig Fakten enthält, den Tod an den Hals gewünscht haben.

"Songlines" führen ins Innere der von der Zivilisation fast zerstörten Zauberwelt der Ureinwohner: "Traumpfade" heißen die labyrinthischen, unsichtbaren Wege, an denen entlang die legendären Ahnen der Traumzeit über den Kontinent wanderten und singend alles benannten, was ihre Weg kreuzte, Tiere, Pflanzen, Felsen, Wasserlöcher. Dem Schöpfungsmythos nach sind die Linien und Lieder heilig wie die Erde, auf denen die Fußspuren der Ahnen ihre Wörter und Noten ausgestreut haben: zu jedem Weg oder Traumpfad gehört ein Lied, das als Karte und Kompass dient. Kaum ein Berg oder Baum ist nicht von den Ahnen ins Leben gesungen worden: Wer ihren Spuren folgt und ihre Strophen singt, schafft die Schöpfung immer wieder neu.

Die Traumpfade dürfen nicht überschritten werden, und so ist der Konflikt zwischen den Welten und Kulturen unausweichlich: Denn wie soll man den Landvermessern einer Erdölfirma oder Eisenbahngesellschaft klarmachen, dass ein rötlicher Sandsteinbrocken die Leber eines mit dem Speer erlegten Kängurus ist oder eine öde Schotterlandschaft nichts anderes darstellt als die musikalische Entsprechung einer Beethoven-Sinfonie?

Wie soll man den Landvermessern einer Erdölfirma oder Eisenbahngesellschaft klarmachen, dass ein rötlicher Sandsteinbrocken die Leber eines mit dem Speer erlegten Kängurus ist oder eine öde Schotterlandschaft nichts anderes darstellt als die musikalische Entsprechung einer Beethoven-Sinfonie?

Von Adelaide bis nach Alice Springs

Nach seinen Reisen durch Südamerika und Afrika, die Grundlage für seine Bücher "In Patagonien" und "Der Vizekönig von Ouidah" werden, zieht es Chatwin 1983 und 1984 nach Australien. Als Reisebegleiter ist sein alter Kumpel Salman Rushdie dabei, der dann aber als erkennbare, eigene Figur im Buch nicht auftauchen wird.

Dafür taucht aber ein Australier russisch-ukrainischer Abstammung auf, Toly Sawenko, den Chatwin im Buch später Arkady Wolschok nennen wird: Dieser Sohn eines vor den Nazis und den Kommunisten nach Australien geflohenen Kosaken hat es sich zur Aufgabe gemacht, Karten über die heiligen Stätten der Aborigines anzulegen, um die Verletzungen der Traumpfade durch die Streckenführung der Eisenbahn zu verhindern. Im Schlepptau von Buschwanderer Arkady reist Chatwin durch Australien, fährt von Adelaide bis nach Alice Springs und trifft unterwegs die wunderlichsten Gestalten. Einen muskelstrotzenden weißen Polizisten, der die Sprache der Aborigines spricht, in seiner Freizeit Gewichte stemmt und Spinozas "Ethik" studiert; einen Eigenbrötler, der jeden Tag mit einer Losung aus den Frühschriften von Karl Marx beginnt und den die Erinnerungen an jene Ureinwohner quälen, die in den 1950er Jahren Opfer der Atombombentests der weißen Herrenmenschen wurden; oder einen kauzigen kleinen Mann, der früher Linguist an der Uni war und heute, umgeben von Büchern und Zeitschriften, irgendwo im nirgendwo in einem Wohnwagen haust.

Chatwin geht mit Aborigines auf die Jagd und besucht sie in ihren ärmlichen Behausungen, er trifft sie, wie sie maulfaul im Buchladen und der Galerie einer englischen Lady herumhängen, die in Alice Springs die Malereien der Ureinwohner aufkauft, sich eine passende "Songline" ausdenkt und die Bilder an Touristen verhökert. Chatwin unternimmt Streifzüge, folgt den Fußspuren der Ahnen, zitiert ihre Lieder und beschreibt Rituale, notiert, was ihm durch den Kopf geht über Sprache und Bewusstsein, archaischem Nomadentum und modernem Fortschritt: ein Buch voller verrückter Ideen und unkonventioneller Gedanken.

Lehrstück in Wildem Denken

Das klingt nach einem Sach- und Reisebuch, Chatwin nennt es aber einen "Roman", um allen Kritikern und Nörglern den Wind aus den Segeln zu nehmen und gleich klarzustellen, dass vieles zwar auf autobiografischen Erlebnissen und realen Menschen beruht, dass aber mindestens genauso viel schlicht und einfach erfunden ist.

Ob Reiseführer Arkady, die englische Lady mit der Galerie in Alice Springs oder all die anderen kauzigen Typen, bärbeißigen Eigenbrötler, verschrobenen Philosophen und seltsamen Heiligen, die am Wegesrand - mal mit schwarzer, mal mit weißer Hautfarbe - auftauchen: Sie alle sind Kunstfiguren, die höchstens noch von fern an ihre realen Vorbilder erinnern. Auch der Bruce, der hier als einfühlsamer Zuhörer, ruhiger Begleiter und sensibler Ich-Erzähler auftritt, ist nicht mit dem realen, dem oft aufbrausenden, leicht kränkelnden, seine Mitmenschen nervenden Bruce Chatwin zu verwechseln.

Das Buch ist ein schillerndes Kaleidoskop, ein krude Mischung aus literarischer Fantasie und kulturgeschichtlichem Exkurs, eine Satire auf den Fortschrittswahn, eine romantische Komödie, ein Lehrstück in Wildem Denken, voller Spekulationen und Anekdoten, faszinierend und anrührend zugleich, ein Buch wie man es selten findet, unvergleichlich schön und von genialer Frechheit und Zeitlosigkeit, Opus Magnum und Magna Charta seines Denkens.

Der Mensch ist friedlich, solange er unterwegs ist

Das Buch ist eine Philosophie des Wandertriebes, eine Hymne auf das Nomadentum, eine Ode an die Ruhelosigkeit. Chatwin war von Geburt an ein Heimatloser, seine allein erziehende Mutter reiste mit ihm in Zeiten des deutschen Bombenkriegs von einem Verwandten zum nächsten, um irgendwo Unterschlupf zu finden. Er hat unentwegt Bücher gelesen und ganze Bibliotheken verschlungen, stieg, ohne besondere Ausbildung, mit Anfang Zwanzig zum Leiter der Impressionisten-Abteilung bei Sotheby´s auf, schmiss, als er der Bilder überdrüssig wurde, von einem Tag auf den anderen alles hin, um Weltreisender zu werden. Archäologe menschlichen Verhaltens, interdisziplinärer Kulturwissenschaftler und furios formulierender Romancier.

Und so ist denn auch sein Buch über die "Traumpfade" voll mit literarischen Exkursen, essayistischen Passagen, autobiografischen Rückblenden, Zitaten, Erinnerungen, in denen er der Natur der menschlichen Ruhelosigkeit nachgeht: Der Mensch, so seine These, ist ein nomadisches Wesen und friedlich, solange er unterwegs ist, sich die Welt jeden Tag neu erwandert oder auf Traumpfaden neu ersingt, sobald er aber sich niederlässt und seßhaft wird, häuft er Eigentum an, neigt zu Gewalt und Krieg: Das klingt fast ein bisschen zu einfach, um richtig zu sein, ist aber vielleicht doch nichts als die reine Wahrheit. 

Frank Dietschreit, kulturradio

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Wie es sich so lebt in Brandenburg, davon handeln ja eine Menge unterschiedlicher Bücher. Okay, jetzt auch noch Sarah Kuttner.

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