Günther Birkenfeld: Wolke – Orkan – und Staub © Verlag Das kulturelle Gedächtnis
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Roman - Günther Birkenfeld: "Wolke – Orkan – und Staub“

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Ein wiederentdeckter Roman über den Nationalsozialismus, der Schullektüre werden sollte.

Der unabhängige Berliner Verlag Das Kulturelle Gedächtnis hat es sich zur Aufgabe gemacht, vergessene Bücher wieder aufzulegen. Jetzt ist eine Romantrilogie erschienen, die das erste Mal 1955 herausgekommen ist und die heute kaum einer mehr kennt: Günther Birkenfelds "Wolke – Orkan – und Staub". Günther Birkenfeld war Schriftsteller und Journalist, und obwohl im literarischen Leben bis in die 60er Jahre hinein eine Rolle spielte, ist er eher als politischer Kommentator in Erinnerung geblieben. Nach dem Krieg, in den 50er Jahren, war er u.a. politischer Kommentator beim RIAS, also im Haus des jetzigen Deutschlandfunks. 1929 hatte er einen Jugendroman veröffentlicht, „Dritter Hof links“, der von den Nazis verboten und verbrannt wurde. Dennoch entschied sich Birkenfeld, nach 1933 in Deutschland zu bleiben und veröffentlichte Biographien, z.B. über Augustus und Johannes Gutenberg. Der Verleger Peter Graf, der diesen Roman wiederentdeckt und herausgebracht hat, zählt ihn zu einem Vertreter der inneren Emigration.

Zwischen Anpassung und Widerstand

Der wiederentdeckte Roman erzählt in drei Teilen - Wolke, Orkan und Staub - von den Vorkriegsjahren, dem Zweiten Weltkrieg und der Zeit direkt danach, als sich die deutsche Teilung abzeichnete. Wie lebte es sich damals, zwischen Anpassung und Widerstand? Anschaulich und szenisch taucht man in Birkenfelds Geschichtspanorama tief hinein in die Dilemmata der Figuren, z.B. mit der Figur Anna Elisabeth Jurchow. Sie arbeitet als Sekretärin bei einem Anwalt am Kurfürstendamm, ist mit einem Mitläufer zusammen, verliebt sich aber in einen Widerstandskämpfer. Von ihm wird sie schwanger, doch er wird ermordet.

Nur eine von zahlreichen Episoden aus "Wolke. Orkan. Und Staub". Man muss nicht erlebt haben, worüber man schreibt, doch in diesem Buch merkt man deutlich, dass der Autor weiß, wovon er spricht: Die inneren Widersprüche, die Zerrissenheit vieler Menschen, das Ambivalente der Zeit, das Abwägen zwischen Opposition und Opportunismus, und all das vor der Kulisse eines Alltags, in dem man essen, arbeiten, schlafen, lieben muss und möchte.

Ambivalenzen des Nationalsozialismus

Ein anderer, ungleich bekannterer Autor als Birkenfeld ist am Plan, den großen Roman über den Nationalsozialismus zu schreiben, gescheitert. Erich Kästner, der wie Günther Birkenfeld als Autor der inneren Emigration in Deutschland blieb, hat sich während der Kriegszeit viele Notizen gemacht, doch den geplante Roman hat er niemals zustande gebracht. Auch wenn Birkenfelds Roman sprachlich nicht an jeder Stelle meisterhaft ist, so leistet er in gewissen Sinne das, was Kästner wollte: Dieses Buch sollte Schullektüre werden, denn es vermag die Grenze zwischen Opfern und Tätern auszuloten und zeigt die Ambivalenzen des Nationalsozialismus, in dem die Grenze zwischen Schuld und Unschuld oft schwer zu ziehen war.

Sehr interessant ist auch das Nachwort des Verlegers Peter Graf, der darin nachzeichnet, dass eine der Figuren, der Obergefreite Jürgen Hechta deutlich an den Lyriker Peter Huchel angelehnt ist. Der zweite Teil des Buches – "Orkan" - beginnt mit der Beschreibung, wie Hechta im Berliner Flugwachkommando sitzt und an Gedichtzeilen denkt. Birkenfeld und Huchel waren Anfang der 40er Jahre beide selbst im Berliner Flugwachkommando und freundeten sich damals an. So ist "Wolke – Orkan - und Staub" auch ein Dokument einer zerbrechenden Freundschaft, denn während Birkenfeld sich nach dem Zweiten Weltkrieg klar gegen den Kommunismus stellte, schloss sich Huchel - und auch die Figur des Hechta - den neuen Machthabern in der sowjetischen Zone an.

Eine wichtige Wiederentdeckung, die dem Namen des Verlages sehr gerecht wird.

Anne-Dore Krohn, kulturradio

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