Buchcover: Yuval Noah "Harari"
C.H.Beck
Bild: C.H.Beck Download (mp3, 5 MB)

Belletristik - Yuval Noah Harari : "21 Lektionen für das 21. Jahrhundert"

Bewertung:

21 Lektionen über die frisch erworbene Rückständigkeit des Homo sapiens gegenüber dem selbst verursachten Fortschritt. Geschrieben von Y. N. Harari, dem großen Welterklärer, in gefälligem, gut verständlichen Bescheid-Wisser-Sound.

Der Historiker Yuval Noah Harari hat es geschafft: Er gilt nach "Eine kurze Geschichte der Menschheit" und "Homo Deus" als einer der großen Welterklärer, der alles im Blick hat: den Kosmos vom Urknall an, den Planeten Erde, die Naturgeschichte, die Geschichte der Menschheit, die Psyche der Menschen, die Technologien, die politischen Probleme, die Umwelt-Probleme, alles eben. Und er schreibt in einem gefälligen, gut verständlichen Bescheid-Wisser-Sound, gespickt mit riskanten Metaphern, hübschen Pointen und muskulösen Urteilen. Sein Selbstbewusstsein reicht aus, um ständig "wir" zu sagen. Als würde sich in ihm und durch ihn die ganze Menschheit denken.

Risiken und Verheißungen der technologischen Revolution

Kein Wunder, dass sich ein solcher Könner auch zutraut, "21 Lektionen für das 21. Jahrhundert" zu erteilen. Laut Harari – und diese Einsicht hat er keineswegs exklusiv – verbinden sich die aktuellen Revolutionen in der Bio- und in der Informationstechnologie mitsamt dem drohenden ökologischen Kollaps zur größten Herausforderung, vor der die Menschen jemals gestanden haben. Und das in einer Zeit, in der es ihnen an einer "großen Erzählung" fehlt.

Derer drei, so sieht es der Autor, haben das 20. Jahrhundert geprägt: Faschismus, Kommunismus und Liberalismus. Doch während der Finanzkrise 2008 habe auch die letzte konsistente Erzählung, die von liberaler Demokratie und Marktwirtschaft, ihre Verbindlichkeit und Vertrauenswürdigkeit für unzählige Menschen verloren. Deshalb herrsche globale Orientierungslosigkeit: "Wir befinden uns immer noch im nihilistischen Moment der Desillusionierung und des Zorns."

In den 21 Lektionen will Harari nun aufzeigen, wie dieser frustrierende Menschheits-Moment zu überwinden ist. Er beginnt mit einer Analyse der Risiken und Verheißungen der technologischen Revolution. Das hat für ihn den Vorteil, so manches von dem Stoff, der bereits in "Homo Deus" auftauchte, in neuer Anordnung verwerten zu können. Harari legt dar, dass sich durch ständig steigende digitale Power und Künstliche Intelligenz nahezu die komplette Arbeitswelt verändert – oder jedenfalls, Harari ist der König des Konjunktivs, verändern "könnte". Was schlimmstenfalls einen Mangel an gut ausgebildeten, digital kompatiblen Arbeitskräften nach sich zöge, während zugleich Massenarbeitslosigkeit ausbricht und es zur "Entstehung einer neuen 'nutzlosen' Klasse" kommt: "Vielen Menschen blüht womöglich das Schicksal nicht der Kutscher des 19. Jahrhunderts – die fortan Taxi fuhren –, sondern der damaligen Pferde, die mit der Zeit ganz aus dem Arbeitsmarkt gedrängt wurden."

Und ob Gewinner oder Verlierer: Alle seien heute schon und künftig noch viel gründlicher in den Fängen von Big Data gefangen. Präzise zugeschnittene Algorithmen übernehmen "womöglich" unsere Autos, unsere Gesundheitsfürsorge, unsere Unterhaltung, schließlich unsere Wünsche und unser Denken inklusive unserer politischen Entscheidungen: "Binnen weniger Jahrzehnte könnt es sein, dass Politiker aus einer Speisekarte wählen müssen, die von künstlicher Intelligenz verfasst wurde." Dabei könnte eine winzige Elite aus Eigentümern und Anteilseignern von Big Data-Konzernen sowie deren höchstqualifizierten Fachleuten entstehen und so "die ungleichsten Gesellschaften hervorbringen, die es je gab, […] während die meisten Menschen nicht unter Ausbeutung, sondern unter weitaus Schlimmerem zu leiden haben – bedeutungs- und nutzlos zu sein".

"Vielen Menschen blüht womöglich das Schicksal nicht der Kutscher des 19. Jahrhunderts – die fortan Taxi fuhren –, sondern der damaligen Pferde, die mit der Zeit ganz aus dem Arbeitsmarkt gedrängt wurden."

Yuval Noah Harari

Homo sapiens in der Klemme

Soweit das alarmierende technologische Szenario, dem sicher viele folgen können, vorgetragen ohne Hysterie und Panik.

Allerdings verschärft sich die Situation dadurch, dass die Menschen in ihren alten Körpern und alten Gewohnheiten, in ihrem alten Denken und ihren alten Hoffnungen dem Neuen nicht gewachsen sind – behauptet Harari. Und illustriert die frisch erworbene Rückständigkeit des Homo sapiens gegenüber dem selbst verursachten Fortschritt. Obwohl es heute nur eine Zivilisation gebe und zahllose Probleme nur global oder gar nicht gelöst werden könnten, fielen immer mehr Menschen und Staaten in den Nationalismus zurück; und obwohl es heute mehr denn je vernünftige, säkulare Konzepte brauche, erfreuten sich die alten Religionen vermehrten Zuspruchs: "Wir sitzen also ziemlich in der Klemme."

Harari platziert das flapsige Diktum, nachdem er bereits 200 Seiten geschrieben hab, womit schon gesagt ist: Die 21 Lektionen sind eher Problemaufrisse als Lösungs-Skizzen. Und überhaupt bietet sein Buch so viel Abwechslung in puncto Themen und Perspektiven, dass erhebliche Abzüge in Sachen Stringenz unvermeidlich sind.

Schweifen durch die Welt von heute und morgen

Es stellt sich zum Beispiel heraus, dass Harari ein wirklich eingefleischter Religions-Kritiker ist und als Jude namentlich dem Judentum seitenlang die Leviten zu lesen beliebt.

In seinem Abstecher zur Zuwanderung zeigt er sich dagegen weniger entschlossen und referiert nur die Vor- und Nachteile bekannter Pro- und Contra-Positionen. Terrorismus findet er weit überschätzt angesichts dessen, dass die terroristische Bedrohung hinter anderen Gefahren des Lebens tatsächlich weit zurücksteht, aber er stellt die überragende Angst-Produktion der Terroristen nicht in Frage. Tenor: Die Menschen haben selbst schuld an ihrer irrationalen Angst, aber sie sind halt Menschen.

Je weiter das Buch fortschreitet, desto persönlicher wird Harari; der Referent für die ganz großen Fragen mutiert zum säkularen Weisheitslehrer, der sich über Sinn, Gerechtigkeit, Wahrheit und Demut verbreitet. Erster und letzter und überragend simpler ethischer Maßstab ist ihm das Leid, das Menschen (und Tiere) erfahren; was Leid mindert, ist modo grosso gut, was Leid vermehrt, ist schlecht.

Schließlich stimmt Harari ein geradezu intimes Loblied auf die Meditation an, genauer: auf die Vipassana-Meditation. Meditierend begegne er der ungeschminkten Realität, und meditierend habe er Kraft gefunden, als er über seinen Bücher schwitzte. Immerhin, eine echte Pointe hat das 400seitige Schweifen durch die Welt von heute und morgen und wie sie Harari sieht. Eingangs suggerierte Harari, nach dem Niedergang der drei großen Erzählungen fehle es an einer neuen, sinnstiftenden Erzählung. Zum Schluss aber heißt es: "Wenn Sie also die Wahrheit über das Universum, über den Sinn des Lebens und über Ihre eigene Identität erfahren wollen, so beginnen Sie am besten damit, Leid wahrzunehmen und zu erkunden, was Leid wirklich ist. Die Antwort ist keine Erzählung."

Fluchtweg ins Persönliche statt großer Plan

Harari beginnt seine 21 Lektionen im Alles-Schecker-Ton, der manchmal ins Anmaßende und Bevormundende ausschlägt; er beendet sie mit einer seltsamen Mixtur aus Bekenntnissen und Lebensberatung.

Aufs Ganze gesehen ist vieles bekannt, Weniges ganz falsch; das Holzschnittartige und Pauschale überwiegt; mit vertieften Diagnosen in der Sache und strenger Arbeit am Begriff sollte niemand rechnen.

Der große Plan, dank dessen die von Problemen umstellte Menschheit besser wüsste, was zu tun ist – er steht ganz sicher nicht in diesem Buch der Konjunktive und Spekulationen. Aber indem Harari am Ende den Weg, man könnte sagen: den Fluchtweg, ins Persönliche wählt, zeigt er sich intellektuell nahbar, frei von Genie-Allüren und durchaus sympathisch.... Womit der Rezensent zunächst beileibe nicht gerechnet hat.

Arno Orzessek, kulturradio

Weitere Rezensionen

Else Lasker-Schüler: Die Gedichte; Montage: rbb
Reclam

Lyrik - Else Lasker-Schüler: "Die Gedichte"

Obwohl sie auch Prosa und Theaterstücke schrieb und zeichnete, ist Else Lasker-Schüler vor allem als große expressionistische Lyrikerin bekannt geworden. Anlässlich ihres 150. Geburtstages am 11. Februar bespricht Steffen Jacobs die im Reclam Verlag erschienene kommentierte Gesamtausgabe der Gedichte.

Bewertung: