Jeffrey Eugenides: Das große Experiment © Rowohlt
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Erzählungen - Jeffrey Eugenides: "Das große Experiment"

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Jeffrey Eugenides wurde im Jahr 2003 mit seinem Roman "Middlesex" schlagartig berühmt. Darin setzte sich der amerikanische Autor intensiv mit der sexuellen und seelischen Selbstfindung seines Protagonisten, eines intersexuellen Menschen, auseinander. Nun ist von Eugenides ein neuer Band mit kürzeren Erzählungen erscheinen, "Das große Experiment".

"Das große Experiment" ist kein durchkomponiertes Erzählwerk, sondern eine Sammlung von verstreuten Gelegenheits- und Auftragsarbeiten. Die zehn Erzählungen sind in einem Zeitraum von fast dreißig Jahren entstanden: die älteste im Jahr 1988, die beiden jüngsten im Jahr 2017. Die meisten sind zudem vorab in Zeitschriften veröffentlicht worden. Ein einheitliches Leitmotiv gibt es nicht. Hie und da existieren aber thematische Parallelen. So beschäftigen sich mehrere Erzählungen auf durchaus amüsante Weise mit der männlichen Midlife Crisis.

Vor allem zwei Geschichten mit dieser Thematik wissen zu überzeugen. Beide haben gescheiterte Lebensentwürfe zum Thema, und beide rücken antriebsschwache Männer in den Mittelpunkt. Diese haben früher zwar künstlerische Karrieren angestrebt – der eine als Musiker, der andere als Schriftsteller – dann aber den Erfolgszug verpasst. Nun, in der Lebensmitte, als Ehemänner und Väter, müssen sie feststellen, dass sie in einem studentischen Künstlerklischee steckengeblieben sind, während andere um sie herum erwachsen wurden und geschäftlich erfolgreich sind.

Wer nicht betrügt, ist dumm

Das Titelstück "Das große Experiment" ist eine dieser beiden Erzählungen und vielleicht die beste des Bandes. Die Hauptfigur, ein Mann namens Kendall, arbeitet als Lektor für einen ehemaligen Pornografie-Verleger, der sich auf seine alten Rebellentage einen eigenen literarischen Kleinstverlag leistet. Für ihn soll Kendall eine Kurzausgabe des berühmten Buches "Über die Demokratie in Amerika" von Alexis de Tocqueville zusammenstellen. Man darf das durchaus als einen Kommentar auf den derzeitigen Zustand der Demokratie in Amerika verstehen.

Als "das große Experiment" bezeichnete der Franzose de Tocqueville in seinem amerikanischen Reisebuch aus der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhundertes die damals neue demokratische Gesellschaftsordnung. Doch von dieser scheint in der zweiten Amtszeit von George Bush junior – die Erzählung stammt aus dem Jahr 2008 –wenig übriggeblieben zu sein. Eugenides’ Held empfindet Amerika als Plutokratie; "was zählte", so heißt es, "war der Sieg, errungen durch Macht, Einschüchterung und, wenn nötig, Doppelzüngigkeit". Der neue American Dream lautet: Wer nicht betrügt, ist dumm. Und so kommt Kendall auf die Idee, seinen geizigen Arbeitgeber übers Ohr zu hauen.

Die angenehme Absurdität Amerikas

Zur Midlife-Crisis-Thematik gehören auch, wie könnte es anders sein, einige Seitensprung-Geschichten, in denen Männer mittleren Alters Affären mit sehr jungen Frauen haben. Eine dieser Geschichten, "Nach der Tat", beginnt wie bei Philip Roth als Liebschaft zwischen einem Akademiker und einer Studentin, nimmt dann aber eine interessante und überraschende Wendung. Und es gibt zum Glück auch Themen fernab der Midlife-Crisis, etwa über die letzte Lebensphase einer Demenzkranken oder über eine obskure spirituelle Selbstfindung in Asien. In seinen besten Geschichten ist Eugenides ein unaufgeregter Chronist dessen, was er "die angenehme Absurdität Amerikas" nennt.

Weniger wäre mehr gewesen

Es gibt aber auch Ausreißer nach unten. Dazu zählt ein frivoles Stück namens "Die Bratenspritze", das der Rowohlt-Verlag vor fünfzehn Jahren schon einmal publizierte, zusammen mit zwei weiteren Erzählungen des Bandes. Zugegeben: Jeffrey Eugenides macht es seinen Verlegern nicht leicht. Nur drei Romane hat er in den letzten fünfundzwanzig Jahren veröffentlicht, den letzten vor sieben Jahren. Da konnte man offenbar der Versuchung nicht widerstehen, zwischendurch einen möglichst umfangreichen Erzählband auf den Markt zu werfen. Weniger wäre im Fall dieser Sammlung freilich mehr gewesen.

Dennoch liest man die meisten Geschichten nicht ungern. Den Autor von "Middlesex" erkennt man hier freilich manchmal kaum wieder. Jenes war ein zwingendes Buch, dem man – trotz mancher Längen und einiger verschrobenen Bildungsallüren – anmerkte, dass es geschrieben werden musste. Dieser Erzählungsband, "Das große Experiment", bietet gescheite Unterhaltung. Und das ist ja nicht wenig.

Steffen Jacobs, kulturradio

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