Jochen Buchsteiner: Die Flucht der Briten aus der europäischen Utopie; Montage: rbb
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Sachbuch - Jochen Buchsteiner: "Die Flucht der Briten aus der europäischen Utopie"

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Die Briten, heißt es auf dem Kontinent, befinden sich auf einem Irrweg. Mit dem Abschied von der EU hätten sie ihren Ruf als vernünftige, pragmatische Nation verspielt. Stimmt das? Jochen Buchsteiner nimmt den Brexit unter die Lupe.

Der langjährige Londonkorrespondent der FAZ hilft, die Brexiteers zu verstehen. Bei dem hierzulande inzwischen häufig üblichen Britenbashing macht er nicht mit, sondern zeigt die tieferen Motive der EU-Ablehnung auf. Einfühlsam zeigt er viel Verständnis für die schwierige britische Situation. Und er hält Kontinentaleuropäern den Spiegel vor und spart nicht mit Kritik an der EU.

Spöttisch wandelt er ein Woody-Allen-Zitat über die Ehe ab: "Die Europäische Union ist eine Institution geworden, die gemeinsam Probleme löst, die ihre Mitglieder alleine nicht hätten."

Doch zunächst zu den Briten. Im ersten Teil seines knappen, pointierten Essays geht Buchsteiner auf die britische Geschichte ein und stellt fest, dass sie nicht zum ersten Mal die Ordnung Europas herausfordern. Immer waren sie wagemutig, haben riskante Entscheidungen getroffen – und sind letztlich damit gut gefahren.

Souveränität, Identität und Kontrolle

Die letzte große, riskante Entscheidung von epochaler Bedeutung war die von Winston Churchill, 1940 aus scheinbar aussichtsloser Position allein gegen Hitler und die Nazis weiterzukämpfen. Buchsteiner verdeutlicht: Auch damals gab es erheblich Widerstände, am Ende aber war die Entscheidung richtig und aus europäischer Sicht segensreich - sonst hätten wir heute wohl kein freies und demokratisches Europa.

Auch damals ging es aus britischer Sicht um die Wahrung von Souveränität, Identität und Kontrolle über das eigene Land. Das sind die Schlüsselbegriffe bei Jochen Buchsteiner. Er zeigt, dass es auch heute darum geht, die Kontrolle über das eigene Land zu behalten bzw. zurückzugewinnen. Er zitiert Theresa May, die immer wieder betont, das Ziel habe sich nicht geändert: "... die Kontrolle über unsere Grenzen, unsere Finanzen und unsere Gesetze."

Die britischen Wählerinnen und Wähler sind schon durch das direkte Wahlrecht und die harten Parlamentsdiskussionen an Kontrolle der Politik gewöhnt. Sie haben ihre Abgeordneten an einer vergleichbar kurzen Leine. So viel an Demokratie und Transparenz hat die EU nicht zu bieten.

Global statt national

Deutlich kritisiert Buchsteiner den Zustand der Europäischen Union, konstatiert die Unfähigkeit, Probleme zu lösen: Eurokrise, Migrationskrise, mangelnde globale Wettbewerbsfähigkeit europäischer Industrien, die Unfähigkeit, globale Handelsabkommen zu schließen. Dabei gilt es zu sehen – wie er verdeutlicht – dass viele Brexiteers eben nicht stumpfe Nationalisten, sondern vielmehr global orientiert sind. Sie wollen weltweiten Freihandel ohne Beschränkungen.

Dazu stoßen dauernde Belehrungen aus Brüssel und anderen europäischen Hauptstädten in England auf wenig Verständnis: "Das Pochen auf die buchstabengenaue Umsetzung des europäischen Freizügigkeitsprinzips hat die Briten zunehmend genervt und schließlich aus der EU vertrieben."

Fehlentwicklungen der EU

Mehrfach verweist Buchsteiner auf Camerons Europa-Rede vom Januar 2013, in der er die Fehlentwicklungen der EU deutlich benannt und gefordert hat, mehr Macht an die Mitgliedsstaaten zurückzugeben. Die in Maastricht festgelegte "immer engere Union" nimmt eben inzwischen vielen die Luft zum Atmen und gefährdet die europäische Idee.

Auch die Berliner Forderungen nach Verteilung der Flüchtlinge, die von Brüssel unterstützt wird, stößt nicht nur auf der Insel auf wenig Gegenliebe: "Vor allem die jungen Demokratien aus dem früheren Einflussbereich der Sowjetunion, für die ethnische Vielfalt schlechte Erinnerungen an den von Moskau oktroyierten Internationalismus weckt und noch mehr an die Zeiten des Habsburger 'Völkerkerkers', beanspruchen das Recht, die wiedergewonnene Unabhängigkeit auf ihre – nationale – Weise zu definieren. Die herablassenden und selbstgerechten Belehrungen gerade aus Berlin haben die Stimmung bei den Nachbarn verfinstert."

Ein paar Schritte zurück

Und so zieht Jochen Buchsteiner wenig überraschend folgendes Fazit: "In ihrer heutigen Form bedroht die EU die Attraktivität der 'europäischen Idee'. Sie schmeckt immer weniger nach Freiheit und immer mehr nach Zwang."

Also: Nur wenn die EU den Mut hat, ein paar Schritte zurückzugehen, um Fehlentwicklungen zu beenden, wird die EU, wird das europäische Projekt weiterleben. Der "europäische Superstaat" ist gescheitert.

Dennoch bleiben den Europäern viele gemeinsame Aufgaben: weniger die internationale Belehrung in Sachen Menschenrechte als vielmehr die Gewährleistung europäischer Sicherheit in einer gefährlicheren Welt. Weniger eurokratische Schulmeisterei als vielmehr europäische Industriepolitik zur Sicherung des Wohlstands im harten globalen Wettbewerb.

All das zeigt Jochen Buchsteiner in seinem fulminanten Essay. Und da wir die Briten für viele künftige Aufgaben brauchen, sollten wir sie jetzt endlich souverän und großzügig behandeln.

Eckhard Stuff, kulturradio

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