Karl Krolow: Gedichte © Südverlag, Montage: rbb
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Wiedergelesen - Karl Krolow: Gedichte

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Karl Krolow war einer der wichtigsten deutschen Lyriker der Nachkriegszeit. "Gedichte" heißt lakonisch das schmale Buch von 1948, mit gerade mal dreißig Gedichten, das jetzt neu herausgebracht wurde. Steffen Jacobs empfiehlt den Band, auch aus persönlichen Gründen, zum Wiederlesen.

Vor dreißig Jahren, als ich mich intensiv für Lyrik zu interessieren begann, war Karl Krolow eine lebende Legende. Meine Helden unter den Gegenwartslyrikern hießen eigentlich Hans Magnus Enzensberger und Peter Rühmkorf. Krolow war ein bisschen älter, Jahrgang 1915, die Generation von Johannes Bobrowski und Günter Eich. Und er hatte einen ganz eigenen Ton, den unverkennbaren Krolow-Sound.

Auch bei Rühmkorf und Enzensberger gibt es leichthändige Gedichte. Aber die besten Gedichte von Krolow sind sozusagen federleicht. Man hat das Gefühl, sie könnten jederzeit wegfliegen, wie ein Spatz aus der Hand. Ein typischer Gedichtanfang des jungen Krolow lautet:

Sommer hat mit leichter Hand
Laub der Pappel angenäht
Unsichtbarer Schauder ist
Windlos auf die Haut gesät.

Natur mit magischer Komponente

Als Krolow im Jahr 1956 den Büchner-Preis bekam, galt er bereits als ein Dichter, der in der Tradition der internationalen Moderne wurzelte. In den frühen Gedichten des vorliegenden Bandes ist er jedoch noch stark der deutschen Naturlyrik verhaftet. Wie bei seinem Vorbild Wilhelm Lehmann ist Natur aber nicht einfach Natur, sondern hat eine oft magische Komponente, die zauberspruchgleich beschworen wird:

Kommt die Nacht und legt sich
Aus im Sternentuch.
Unterm Winde regt sich
Karamelgeruch (...)

Sanftem Zeitvergange
Leihe ich mein Ohr,
Lock die Sternenschlange.
Zieh den Mond hervor.
 

Selbstvergewisserung im Gedicht

Natürlich geht es in diesen dreißig Gedichten nicht ausschließlich um das Erleben von Natur. Aber es sind doch recht menschenleere Stücke. Wenn Menschliches doch einmal ins Spiel kommt, dann meist in Gestalt eines "Ich". Dieser namenlose Sprecher ist eine schwankende, unsichere Figur: mal Sinnsuchender, mal Luftikus. Krolow lässt ihn sagen:

Des Nachts fahr ich mit fremder Hand
Mir zögernd durchs Gesicht.
Und hab ich mich im Licht erkannt,
Im Dunkel bin ichs nicht.

Man hat den Eindruck, dass ein so tastender, fragender Mensch sich immer wieder in elementaren Erfahrungen spiegeln und seiner selbst vergewissern müsse. Die Gedichte legen davon Zeugnis ab. In der Liebe findet diese Selbsterfahrung statt - etwa in einem schönen Gedicht namens "Das Paar" - und auch das Vaterwerden zählt zu den elementaren Erfahrungen. Eines der anrührendsten Gedichte trägt den Titel "Für mein Kind". Das Sprechen mit dem Kind verbürgt quasi die Existenz des Vaters: "Daß mein Leben noch ein kleines währt, / Rede ich mit dir zur Nacht, mein Kind."

Land ohne Hoffnung

Nur selten merkt man, dass der Band drei Jahre nach Kriegsende erschien. Ein Gedicht namens "Selbstbildnis 1945" beginnt mit den Worten: "Aus dem Schweigen bin ich kaum entlassen, / Das mir bitter aus der Kehle steigt." In einem solchen Satz klingt die Erfahrung der Tyrannis nach, die Bitternis dessen, was nicht gesagt werden durfte. Doch politischer, zeitgenössischer wird es in diesem Band nicht.

Interessanterweise ist jedoch ebenfalls im Jahr 1948 ein anderer Gedichtband Krolows erschienen, der sich viel direkter auf die Realität der Nachkriegsjahre beziehen lässt. "Heimsuchung" heißt er, und nicht im beschaulichen Konstanz, sondern im sowjetisch besetzten Teil Berlins wurde er publiziert. Es finden sich darin mehrere Gedichte über ein "Land im Gericht", das von sich selbst sagt: "Ich bin das Land, das ohne Hoffnung ist".

Fraglose, aber diskrete Modernität

Es stimmt im Fall Krolows also nicht, was Naturlyrikern oft angekreidet worden ist: dass sie weltabgewandt seien. Als "Bewisperer von Nüssen und Gräsern und Fliegen" hat Gottfried Benn sie verspottet und behauptet: "Die Natur ist leer, öde". Doch wenn Krolow politisch sein wollte, dann konnte er es. Seine frühen Naturgedichte als "grüne", umweltschonende Gedichte zu verkaufen, wie es der Schriftsteller Manfred Bosch in seinem ansonsten sehr kundigen Nachwort versucht, erscheint aber etwas weit hergeholt.

Diese Gedichte wiederzulesen, war für mich wie eine doppelte Zeitreise: in meine eigene Vergangenheit, als ich diese Gedichte Ende der achtziger Jahre erstmals las; und in die unmittelbare Nachkriegszeit, als dieser bedeutende Lyriker erstmals auf sich aufmerksam machte. Manches von meiner früheren Begeisterung ist wieder aufgeflammt, anderes nicht. Manchmal habe ich mich wie beim Anschauen eines schönen, alten Schwarzweißfilms gefühlt. Eines ist sicher: Wer Naturlyrik von fragloser, aber diskreter Modernität mag, kann aus diesen dreißig Gedichten Schatz um Schatz bergen.

Steffen Jacobs, kulturradio

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