Cover: Kent Haruf - Abendrot
Diogenes Verlag
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Roman - Kent Haruf: "Abendrot"

Bewertung:

Der Zauber von Harufs Erzählkunst besteht darin, dass er ohne Kitsch prägnant und lakonisch beschreibt, dass der Mensch nur überleben kann, wenn er wenigstens eine zeitlang jemanden findet, mit dem er seine Einsamkeit teilen und für Momente vergessen kann. 

Lange Zeit war der US-amerikanische Autor Kent Haruf nur ein Geheimtipp der internationalen Literaturszene. Richtig bekannt wurde er erst mit seinem sechsten und letzten Roman: "Unsere Seelen bei Nacht". Mit Jane Fonda und Robert Redford in den Hauptrollen prominent verfilmt, wurde der Roman zu einem Bestseller. Doch da war Kent Haruf schon tot. Aber immerhin war das der Auftakt, die Bücher des 2014 verstorbenen Autors endlich zu entdecken und zu würdigen. Nach "Das Lied der Weite" ist jetzt im Diogenes Verlag der 2004 in Amerika Roman veröffentlichte "Eventide" erstmals ins Deutsche übersetzt worden: "Abendrot".

Porträt Autor Kent Haruf
Bild: imago/Leemage

Haruf schrieb über das, was er kannte

Dass Harufs Werk so lange im Verborgenen blieb hat sicherlich etwas damit zu tun, dass der Autor zeitlebens ein notorisches Landei war, im Mittleren Westen der USA lebte und zeitweise als Lehrer arbeitete: Die Hektik der großen Metropolen und die Star-Allüren vieler seiner Kollegen waren ihm völlig fremd.

Haruf schrieb über das, was er kannte: die einfachen Menschen mit ihren Sorgen und Nöten; über scheiternde Ehen und über Kinder, die von ihren Eltern vernachlässigt werden; über den den Suff am Wochenende, geheime Liebes-Affären und ungewollte Schwangerschaften, ungeahnte die Hilfsbereitschaft und leidenschaftlichen Hass, über das kleine gefährdete private Glück und über den Traum, aus dem Alltag auszubrechen und irgendwo anders ganz neu anzufangen.

Um all diese ganz normalen Menschen mit ihren ganz normalen Problemen eindringlich und anrührend beschreiben zu können, hat Haruf die Kleinstadt Holt erfunden: In Holt/Colorado, diesem fiktiven Mikrokosmos, in dem das Glück und Unglück, die Träume und Ängste der Menschen aufeinandertreffen, das Private zum Politischen und das Individuelle zum Gesellschaftlichen wird, spielen alle seine sechs Romane. 

Ein kompliziertes Geflecht aus unzähligen Figuren

"Unsere Seelen bei Nacht" hat eine Sonderstellung, er konzentriert sich ganz auf die späte Liebe zweier älteren Menschen und beschreibt, wie eine Witwe und Witwer die Einsamkeit und das Alleinsein nicht mehr ertragen können, eine vorsichtige Beziehung anfangen und von ihren spießigen Nachbarn in Holt und ihren eifersüchtigen Kindern kritisch beäugt werden. Der Roman ist relativ kurz und sowohl die beiden verliebten Alten wie auch alle anderen Personen, die den beiden die späte Liebe vermiesen wollen, tauchen in den anderen Romanen nicht auf.

Das ist bei "Das Lied der Weite" und jetzt bei "Abendrot" völlig anders: Hier verwickelt uns der Erzähler in ein kompliziertes Geflecht aus unzähligen Figuren, deren Schicksale sich zeitweise berühren, und aus Handlungen, die sich immer wieder überlagern. Der Erzähler schwebt wie ein Vogel über der Kleinstadt und blickt mal auf das eine, mal auf das andere Haus, mal auf die eine, mal auf die andere Figur, und so entstehen subtile Erzähl-Collagen mit punktgenauen Personen-Porträts und mit krisenhaften Problem-Konstellationen, aus denen es manchmal kein Entrinnen zu geben scheint.

Einige Personen, die schon in "Das Liede der Weite" auftauchten, sind auch jetzt wieder, in "Abendrot", mit von der Partie, denn was Menschen heute denken und tun, hat seine Begründung darin, was wir gestern gedacht und getan haben. Aber Haruf schreibt keinen Fortsetzungsroman, sondern erzählt eine oder besser: mehrere völlig neue Geschichten von den Menschen aus Holt und wie sie es schaffen, trotz aller Widrigkeiten und Niederlagen irgendwie weiterzuleben.

Was Menschen heute denken und tun, hat seine Begründung darin, was wir gestern gedacht und getan haben.

Guthrie taucht wieder auf, der Lehrer, dem die Ehefrau abhanden gekommen ist und der jetzt mit zwei kleinen Söhnen irgendwie seinen Alltag stemmen muss; auch Maggie, die Lehrerin, die sich um Victoria, ein schwangeres Mädchen gekümmert hat, das von ihrer Familie vor die Tür gesetzt wurde und das Maggie dann bei den beiden McPheron-Brüdern untergebracht hat, bei Harold und Raymond, zwei alten Junggesellen, die weit draußen auf einer einsamen Rinder-Ranch hausen.

Doch während Guthrie, Maggie und Victoria in "Abendrot" eher eine kleine Nebenrollen spielen, wird das, was den McPheron-Brüdern widerfährt, immer wichtiger und rückt ins Zentrum der Handlung: Nachdem Victoria ihre Tochter Katie bekommen hat und zum Studieren fortgezogen ist, leben die beiden alten Käuze wieder einsam und allein auf ihrer Ranch, und als eines Tages Harold von einem wildgewordenen Stier regelrecht zertrampelt und zerquetscht wird, ist Raymond plötzlich ganz allein auf der Welt. Da bewähren sich gute alte Freundschaften, und so verkuppeln Maggie und Guthrie den einsamen Raymond mit Rose, einer Sozialarbeiterin, die es, nachdem ihre eigene Familie sich in Luft aufgelöst hat, irgendwann nach Holt verschlagen hat. Rose kannten wir vorher noch nicht, und auch ihre randständige Klientel, um die sie sich bis zur Selbstaufgabe kümmert, war uns bisher unbekannt.

Betty und Luther zum Beispiel, die in einem Wohnwagen hausen und von der Sozialhilfe leben. Sie versuchen zwar, ihre beiden Kinder zu anständigen Menschen zu erziehen, können aber nicht verhindern, dass ihre Kinder von einem versoffenen kriminellen Onkel fast zu Tode geprügelt werden. Und dann ist da noch die zärtliche Geschichte von DJ und Dena, beide sind elf Jahre und suchen nach einem Vertrauten: DJ lebt nach dem Tod seiner Eltern bei seinem kranken Großvater; Denas Vater ist nach Alaska abgehauen, und die Mutter ertränkt ihren Kummer in Alkohol. DJ und Dena sind zwei einsame Seelen, aber sie finden einen verlassenen Schuppen und richten sich dort eine gemütliche Höhle ein, in der sie lesen, reden, kuscheln und sich aus unverständlichen und bösartigen Welt der Erwachsenen in eine bessere, andere Welt weg träumen können. 

Die einsamen Seelen von Holt

Ein Happy-End wird es nur für wenige Personen geben, und die meisten Handlungen und Krisen-Situationen werden nicht zu einem klärenden Schluss geführt. Der Roman ist wie das Leben: vieles, was wir wollen und wünschen, bleibt in der Schwebe, wird verdrängt, wird sich weiter durch die Zeit fressen und irgendwann wieder hochkochen. Der Zauber von Harufs Erzählkunst besteht gerade darin, dass er ohne jeden Anflug von klebrigem Kitsch prägnant und lakonisch beschreibt, wie einsam der Mensch ist, dass er nur überleben kann, wenn er wenigstens eine zeitlang jemanden findet, mit dem er seine Einsamkeit teilen und für Momente vergessen kann.

Haruf schaut mit viel Empathie auf seine in Holt herum wuselnden einsamen Seelen, und zeigt uns, wie schön und wie schrecklich das Leben sein kann: Auf den Leser wartet eine beglückende und mitreißende, aber auch eine oft ziemlich traurige Lektüre.

Frank Dietschreit, kulturradio

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