Lisa Brennan-Jobs: Beifang
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Sachbuch - Lisa Brennan-Jobs: "Beifang"

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Lisa Brennan-Jobs ist die uneheliche Tochter aus einer frühen Beziehung des berühmten Apple-Gründers Steve Jobs. Jahrelang hat Steve Jobs seine Vaterschaft verleugnet. Jetzt legt Brennan-Jobs im Alter von vierzig Jahren eine Chronik ihrer Kindheit vor.

Als der Staat Kalifornien Steve Jobs Anfang der achtziger Jahre zu Unterhaltszahlungen verpflichtete, sollte nach jahrelangem Leugnen alles ganz schnell geregelt werden. Warum? Apple ging wenige Tage später an die Börse und Jobs war – mit Ende zwanzig – ein schwerreicher Mann. Davon ahnte aber niemand etwas, und so musste er nur schnöde 385 Dollar monatlich für die Tochter zahlen. Nein, ein großzügiger Mensch war Steve Jobs nicht.

Lisa Brennan-Jobs berichtet freilich auch, das ihr Vater bei allerlei passenden und unpassenden Gelegenheiten das Foto der Tochter aus der Tasche gezogen und gesagt habe: "Das ist zwar nicht meine Tochter, aber sie hat keinen Vater, deshalb kümmere ich mich um sie."

Verdrehte Qualitätsmerkmale

Dass Steve Jobs nicht nur als Vater ein wandelnder Widerspruch war, hat vor einigen Jahren bereits die umfangreiche, sehr gute Jobs-Biografie von Walter Isaacson scharf herausgearbeitet: Jobs war ein Mensch von enormer Ausstrahlung, der andere in seinen Bann ziehen konnte wie wenige; aber er war auch eine unsägliche Nervensäge, ein großes Kind, das bei Geschäftsbesprechungen in Tränen ausbrach, wenn etwas nicht so lief, wie es das wollte.

Lisa Brennan-Jobs sagt über ihn: "Die einzelnen Teile passten nicht zusammen". Aber sie sagt auch, "dass all diese widerstreitenden Eigenschaften, auf eine gewisse Art gedreht, ein Qualitätsmerkmal sein konnten". Dieses Drehen ist sozusagen der Dreh, durch den das Buch interessant wird: die Subjektivität, die Innenperspektive.

Das Verhältnis von Vater und Tochter hat sich mit den Jahren normalisiert. Gerade am Anfang waren die Begegnungen von Vater und der wenige Jahre alten Tochter aber wohl eher geeignet, ein Schleudertrauma auszulösen, als Zusammenhalt zu stiften: Hier der berühmte Vater, da die Mutter, die sich mit Kellnerinnen- und Putzjobs über Wasser hält: buchstäblich ein Hin und Her zwischen Hütte und Palast – auch wenn Jobs’ Palast so viele Zimmer hatte, dass er die meisten nicht einmal betreten hat, geschweige denn möbliert.

Meine Schokolade kriegst du nicht

Lisa Brennan-Jobs schildert nachvollziehbar, wie der Vater immer ein Stück außer Reichweite bleibt, selbst wenn er eigentlich neben ihr steht; wie sie versucht, seine Interessen herauszufinden; wie sie dann versucht, sich für ihn interessant zu machen. Aber es ist zu spät: Die frühkindliche Bindung fehlt, zu selbstbezogen ist auch der Vater, und so bleibt es eine allzeit schwankende Beziehung.

Es gibt dafür ein schönes Bild in dem Buch: Jobs besteht immer wieder darauf, die siebenjährige Lisa bei gemeinsamen Rollschuhausflügen auf den Schultern zu tragen. Früher oder später fällt er dabei jedesmal hin, unweigerlich. Trotzdem schlägt Lisa ihrem Vater den Wunsch nie ab, weil sie glaubt, dass er sich sonst zurückziehen würde. Die ständige ängstliche Unsicherheit auf den Schultern des Vaters, die Angst vor Zurückweisung – in diesem Bild kulminiert eine schwierige Vater-Tochter-Beziehung.

Hinzu kommt, dass Steve Jobs’ Kleinlichkeit keine Grenzen zu kennen scheint. Was ist das für ein Vater, der Stücke von einer riesigen Schokolade abbeißt und zu seiner Tochter, die auch um ein Stück bittet, sagt: "Das ist meine"?

Ein Leben in der Abhängigkeit

Auch die Beziehung zur Mutter ist nicht ohne Probleme. Lisa Brennan-Jobs schreibt, dass ihre Mutter sich dafür geschämt habe, unverheiratet zu sein und sich deshalb aus der Gesellschaft ausgeschlossen fühlte. Leider verfestigt sich beim Lesen zunehmend der Eindruck, dass die Mutter ihre Biografie nie ganz in die eigenen Hände nimmt, sondern in ständiger, vor allem finanzieller Abhängigkeit von Steve Jobs lebt. Immer wieder wird er um Geld angegangen: ein neues Auto, eine neue Wohnung, das Geld für die künstlerische Ausbildung der Mutter. Interessanterweise distanziert sich Lisa Brennan-Jobs an keiner Stelle von dieser Haltung.

Der Verlag hat dem Buch, quasi als Gattungsbezeichnung, den Untertiel "Eine Kindheit wie ein Roman" mitgegeben. Doch zu einem Roman fehlt ein Spannungsbogen, eine Komposition. Lisa Brennan-Jobs beschränkt sich auf eine chronologische Abfolge von Einzelereignissen. Was auffällt, ist ihr Stilwille bei der Beschreibung vor allem von Natureindrücken. Auch die analytische Schärfe, der Mangel an Selbstmitleid und ein trockener Humor kennzeichnen das Buch positiv.  

"Beifang" ist ein lesenswertes Buch für Menschen, die an Eltern-Kind-Konstellationen dieser Art besonders interessiert sind. Vor allem aber dürfte es jene interessieren, für die Steve Jobs kein beliebiger Prominenter, sondern eine Persönlichkeit von großer zeithistorischer Bedeutung ist.

Steffen Jacobs, kulturradio

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