Michel Houellebecq: Serotonin; Montage: rbb
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Belletristik - Michel Houellebecq: "Serotonin"

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Der Ich-Erzähler stellt sich vor als Florent-Claude Labrouste. Der Name missfällt ihm, weil er so klingt wie der einer "botticellihaften Schwuchtel". Das aber ist Florent-Claude nicht.

Er rühmt sich vielmehr seiner markanten, ja sogar "groben" Gesichtszüge. Seine Geschichte lässt er in Spanien beginnen, wo er zwei sehr jungen Schönheiten begegnet und sich in ein erotisches Abenteuer hineinphantasiert, bis seine japanische Geliebte eintrifft, deren Attraktivität für ihn längst verflogen ist. Die Rückreise mit ihr empfindet er als eine Strafe, so dass die Gegenwart in mal überteuerten, mal trostlosen Hotels bald überlagert wird von Erinnerungen an vergangene Liebschaften.

Alle menschlichen Abgründe

So weit, so langweilig, aber es geht erst los. Florent-Claude ist fixiert aufs weibliche Genital und andere Körperöffnungen, die er wortreich zu rühmen weiß. Er ist aber auch ein Mann, der sich nach wahrer Liebe sehnt und der weiß, dass er die Gelegenheiten, die sich ihm in seinem Leben boten, vermasselt hat und der darüber nicht hinwegkommt. Seither hat er sich in die Rolle des abgehalfterten Zynikers gerettet, der alle menschlichen Abgründe durchschaut.

Doch so ganz glaubt er sich nicht. Er beschließt, sich der Welt zu entziehen. Er kündigt seinen gut bezahlten Job im Landwirtschaftsministerium, verlässt seine Wohnung und in ihr die japanische Geliebte (nachdem er ein Video entdeckt, auf dem sie es mit Hunden treibt) und lebt von da an anonym in wechselnden Hotelzimmern, solange es noch solche gibt, in denen man rauchen oder wenigstens den Rauchmelder zerstören kann.

Zivilisationskritik, Weltschmerz und Verachtung

All das erträgt er nur unter Einfluss des Antidepressivums Captorix, das den Serotoninspiegel erhöht, zugleich aber auch das Begehren auslöscht. Der Mann, der immerzu von Sex redet und sich in bizarrsten Erinnerungen ergeht, kriegt keinen mehr hoch, ja schlimmer noch: Er will gar nicht mehr. Das ist die Lage. Vielleicht ist er einfach zu sensibel und zu empfindlich, um das Dasein schmerzfrei bestehen zu können. Er ist nichts anderes, als eine Handpuppe Michel Houellebecqs, die in ihrem endlosen Monolog all das aufsagt, was man von Houellebecq an Zivilisationskritik, Weltschmerz und Verachtung erwartet.

Soweit ist "Serotonin" ein Roman, der als Houellebecq‘sche Skandalerwartungserfüllungsmaschine angelegt ist. Wäre er nichts als das, wäre er nicht der Rede wert und man könnte die Sodomie- und Pädophilieszenen, die Frauen aufs Genital herabwürdigende Misogynie, die Homo- und latente Islamophobie als kalkulierte Provokationen im Ressort Political Uncorrectness abbuchen.

Brillant geschrieben und analytisch klug

Doch "Serotonin" ist viel mehr, ist vor allem brillant geschrieben, unterhaltsam, witzig, spannend und analytisch klug. Die Ausführungen zur Landwirtschaft oder vielmehr Agrarindustrie, die zunächst ein wenig fremd und dröge die erotomanen Phantasien unterbrechen, werden mehr und mehr zur Hauptsache, zur Beschreibung eines gesellschaftlichen Zustandes, in dem es für die Einzelnen – in diesem Fall die Bauern – gegen die Zwänge einer globalisierten Welt nichts mehr zu bestellen gibt – schon gar nicht den eigenen Acker.

Wer, wie ein Studienfreund Florent-Claudes, seine Kühe noch von Hand melken und überhaupt auf vorbildliche Weise produzieren möchte, ist wirtschaftlich zum Untergang verurteilt. Der Kampf ist von vornherein verloren und in gewisser Weise auch egoistisch und verblendet, weil es für niemanden ein Recht auf Förderung und staatlichen Schutz gibt und weil der Einzelne nicht überleben kann, wenn das Ganze nicht funktioniert. Der Protest der Bauern ist deshalb so verzweifelt radikal wie nutzlos. Ihre Demonstration, in der das Romangeschehen gipfelt, endet in einer Katastrophe.

Mehr als der abgefuckte Snob

Die ökonomische Ausweglosigkeit, die für den Agrarexperten überdeutlich ist, spiegelt seine eigene trostlose Lage. Doch der Zusammenhang zwischen Gesellschaftskritik und individuellem Elend ist komplexer. Zwar behauptet der Ich-Erzähler, die Gesellschaft sei "eine Maschine zur Zerstörung der Liebe". Doch er weiß sehr wohl, dass er die Welt nicht für sein persönliches Versagen verantwortlich machen kann.

Er ist auch viel zu sprachmächtig, zu differenziert, zu scharfblickend auch sich selbst gegenüber, um wirklich bloß der abgefuckte Snob zu sein, als der er sich gibt. Wo er töten will (und das kommt an zwei Stellen vor: einmal geht es um einen Vogel, einmal um ein vierjähriges Kind), "versagt" er und ahnt, dass das, was er Verweichlichung nennt, ein durchaus vorhandener Kern von Empathiefähigkeit ist.

Muss man so deutlich werden?

Dass er den eigenen, medikamentengestützten Weltekel mit Distanz sieht, legt bereits die Erzählhaltung im Präteritum nahe. Seht, so begann es. So war ich, und dazu hat es geführt, sagt dieser Monolog an jeder Stelle. Es ist eine Fallgeschichte in eigener Sache – ein "Fall", der psychiatrisch, aber auch buchstäblich als Geschichte eines Niedergangs zu lesen ist.

Wer das unterwegs noch nicht begriffen hat, für den gibt es einen kleinen, zweiseitigen Epilog im Präsens, in den Houellebecq alle Wärme gelegt hat, die ihm (oder seinem Helden) zur Verfügung steht, und der erstaunlich pädagogisch, sehnsuchtsvoll und weltverbesserisch klingt. "Heute verstehe ich den Standpunkt Christi, seinen wiederkehrenden Ärger über die Verhärtung der Herzen", heißt es ganz am Ende. "Da sind all die Zeichen, und sie erkennen sie nicht. Muss ich wirklich zusätzlich noch mein Leben für diese Erbärmlichen geben? Muss man wirklich so deutlich werden? Offenbar ja."

So ist "Serotonin" vom Schluss her als messianisches Testament zu lesen, als die Geschichte eines Mannes, der seiner Leserschaft die eigene Herzensverhärtung als Lehrstück, als Gleichnis anbietet. Er lässt den Nihilismus, in dem er sich suhlt, hinter sich, geht durch ihn hindurch.

Der Skandalautor Houellebecq, der unterwegs keine Provokation auslässt, zeigt sich von daher als ein ganz anderer, weichherziger und schmerzempfänglicher Autor. Einen Ausweg aus der gesellschaftlichen Misere zeigt er nicht. Doch er führt vor, dass der Nihilismus kein Ausweg ist und zeigt, wie schwer es ist, Mensch zu bleiben oder zu werden in diesen, unseren Zeiten.

Jörg Magenau, kulturradio

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Wie es sich so lebt in Brandenburg, davon handeln ja eine Menge unterschiedlicher Bücher. Okay, jetzt auch noch Sarah Kuttner.

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