Jordan B. Peterson: 12 Rules For Life; Montage: rbb
Goldmann
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Ratgeber - Jordan B. Peterson: "12 Rules for Life"

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Jordan B. Peterson ist ein kanadischer Psychologieprofessor, der mit seinen Gesellschaftskommentaren seit einigen Jahren für hitzige Debatten sorgt. In der angelsächsischen Welt hat sein Buch "12 Rules for Life" fast alle nennenswerten Bestsellerlisten gestürmt. Bei uns tut es sich damit etwas schwerer.

"12 Rules for Life" heißt der Band auch in der deutschen Ausgabe, aber natürlich geht es schlicht und ergreifend um zwölf Lebensregeln. Das sind Regeln über den richtigen Umgang mit uns selbst, unseren Kindern, unseren Freunden und unserem gesellschaftlichen Umfeld. Sie sollen uns ermöglichen, ein selbstbewusstes und verantwortungsvolles Leben zu führen.

Diese Regeln beruhen auf einer Liste, die Peterson vor mehreren Jahren für eine Internetseite namens "Quora" schrieb: Dort darf jeder Nutzer beliebige Fragen stellen und die Fragen anderer Nutzer beantworten. In diesem Buch hat er seine zwölf Leitsätze jetzt näher erläutert und zum Teil sehr umfangreich kommentiert.

Vertraute Laute

Zum richtigen Umgang mit sich selbst gibt uns Peterson eine Weisung wie: "Steh aufrecht und mach die Schultern breit" mit auf den Weg, oder "Vergleiche dich mit dem, der du gestern warst". Zum Umgang in der Familie findet man zum Beispiel die Regel: "Lass deine Kinder nichts tun, dass sie dir unsympathisch macht", und zum Umgang mit anderen Menschen heißt es unter anderem: "Die Person, mit der du sprichst, weiß etwas, das du nicht weißt".

Das klingt zum Teil recht vertraut. Bücher zur "Selbstoptimierung" haben eine lange Tradition, vor allem in Amerika, wo es angeblich jeder ganz nach oben schaffen kann, wenn er sich nur genug Mühe gibt. Auch der Kanadier Peterson bewegt sich auf diesem Markt.

Wer schon einmal das eine oder andere klassische amerikanische Motivationsbuch, etwa von Dale Carnegie, gelesen hat, findet bei Peterson einiges Bekannte wieder. Die Auffassung, dass aktives Zuhören zu den erfüllendsten Möglichkeiten der Kommunikation zählt, findet sich bereits beim Urgroßvater aller Selbsthilfebücher, Carnegies berühmtem "Wie man Freunde gewinnt" aus den 1930er Jahren.

Schopenhauer, liberalkonservativ

In einem Punkt unterscheidet sich Peterson aber von den meisten populären Welterklärern, und das ist sein Ernst, der manchmal fast schon an einen Schopenhauerschen Pessimismus grenzt. Peterson bietet keine Trivialpsychologie à la "Das Leben ist wunderbar" oder "Du allein bist deines Glückes Schmied".

Für Peterson ist die Fixierung auf das Glück ein Irrweg, und für das Leben selbst findet er harsche, fast grausame Adjektive. Wenn wir versuchen, in unserem Dasein eine Aufgabe zu finden, dann heißt das für Peterson immer auch, "die Verzweiflung über unsere Sterblichkeit nicht übermächtig werden zu lassen".

Peterson gilt als Paradedenker der Konservativen, der seine Kritiker zur Weißglut treibt. So plädiert er für ein gewisses Maß an Aggression und Maskulinität. Eine völlig befriedete Gesellschaft ist seiner Meinung nach nicht wünschenswert, weil Aggression auch zur Durchsetzung positiver Ziele nötig sei. Zudem kritisiert er, dass Menschen aus dem Wunsch heraus, Streit zu vermeiden, aus Glaubenssystemen wie Tradition, Religion und Nation fliehen.

Andererseits gibt er bereitwillig zu, dass stark auf Ordnung beharrende Systeme pervertieren können. Die Lösung liegt für ihn im Individuum: Jeder Einzelne müsse "die Last des Daseins auf sich nehmen" – eine im Grunde liberalkonservative Position.

Was der Hummer uns zu sagen hat

Begründet wird das alles mit einem Mix aus Sozialdarwinismus, Taoismus und Christentum. In die Kategorie "Sozialdarwinismus" gehört etwa Petersons bekannt gewordenes Hummerbeispiel: Männliche Hummer legen seit dreihundert Millionen Jahren ihre Dominanzhierarchien durch Rivalenkämpfe fest. Anders verhalte es sich beim heutigen Menschen im Grunde auch nicht, sagt Peterson, denn unsere Angstsysteme seien immer noch so einfach gestrickt wie zu Urzeiten.

Ein weiteres Reizthema ist das Geschlechterverhältnis. Für Peterson ist die Zweiheit von Ordnung und Chaos das erste Ordnungsprinzip überhaupt, und diese Zweiheit ist in verschiedenen Religionen an die beiden Geschlechter gebunden. Im Taoismus steht Yin, das Weibliche, für Chaos – weil Frauen das Unbekannte gebären und damit Dynamik erzeugen –, während Yang, das männliche Prinzip, die absichernde Ordnung repräsentiert und damit das Statische. Ähnlich interpretiert Peterson die Geschichte von Adam und Eva.

Philosophie vor dem Frühstück

Frauenfeindlich ist das dieser Form sicherlich nicht, denn die Zweiheit funktioniert laut Peterson nur, wenn wir an der Trennlinie von Yin und Yang leben, mit einem Fuß in der Ordnung, im Alten, mit dem anderen im Chaos, dem Neuen. Er schreibt wörtlich: "Nur dort, wo es noch etwas Neues zu erringen gibt, ist auch noch ein Sinn."

Stilistisch ist "12 Rules for Life" eine wilde Mischung aus reflexiven und anekdotischen Passagen, bis hin zur unfreiwilligen Komik, wenn Peterson nach seitenlangen philosophischen Überlegungen plötzlich empfiehlt, welche Art von Frühstück man zu sich nehmen sollte. Am meisten wissen seine reflexiven, essayistischen Passagen zu überzeugen. Sein Sarkasmus wirkt oft angestrengt.

Die Kontroversen, die Peterson auslöst, sind anhand dieses Buches nicht wirklich nachzuvollziehen. Sein von manchen behaupteter Status als konservativer Chefintellektueller freilich auch nicht. Petersons eigentliche Stärke liegt in aufsehenerregenden, oft stark zuspitzenden öffentlichen Gesprächen und Vorträgen. Etliche davon findet man im Internet, und sie lohnen zweifellos einen näheren Blick.

Steffen Jacobs, kulturradio

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