Roger Willemsen: Musik! Über ein Lebensgefühl © S. Fischer
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Musikbuch - Roger Willemsen: Musik! Über ein Lebensgefühl

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Über viele Jahre war Roger Willemsen so etwas wie der gute Geist und der Vorzeige-Intellektuelle der Fernsehunterhaltung. Seine Liebe zur Musik zeigte er in unzähligen Radiosendungen und Konzertmoderationen. Nun sind seine musikalischen Texte mit Ausrufezeichen erschienen.

Eine unstillbare freundliche Neugier hat Roger Willemsen ausgezeichnet, der bis zu seinem Tod vor drei Jahren ein umtriebiger Autor und Journalist war. Diese Neugier ließ ihn auch viele Musiken entdecken in den großen Bereichen Jazz, Klassik und außereuropäische Musik. Für das Buch hat die Herausgeberin Insa Wilke sämtliche Texte gesammelt, die Roger Willemsen über Musik geschrieben hat. Damit werden viele Radiosendungen, Zeitschriftenbeiträge oder Booklettexte neu greifbar. Nach Textarten sortiert ergeben sich fünf Kapitel: Radiosendungen über Jazz, Radiosendungen über Jazz und Klassik, Musikerporträts, Ethnomusikalisches und Glossierendes. Wie die Texte zustande gekommen sind und wie Roger Willemsen selbst mit Musik umgegangen ist, erfährt man aus dem Nachwort, das man als erstes lesen sollte. Es entwirft eine musikalische Charakterstudie von Roger Willemsen, der morgens gerne Klassik hörte und abends lieber Jazz, immer auf der Suche nach den Brüchen und an der Verwundbarkeit in der Musik.

John Coltrane

Am meisten hat sich Roger Willemsen mit Jazzmusikern wie John Coltrane, Miles Davies, Bill Evans und Keith Jarrett beschäftigt. In vielen hier dokumentierten Radiosendungen hat er ihre Musik vorgestellt und das darin enthaltene Gefühl verbalisiert. Der zentrale und längste Text des Buchs ist ein Porträt von John Coltrane. In ihm erzählt Roger Willemsen nicht einfach die Lebensstationen des Musikers nach, er fühlt sich geradezu ein in seine Musikerfreundschaften, sein Suchen nach dem neuen Klang, seine Sucht und seinen Schmerz. Er beschreibt den unerhörten Atem der Musik und entwickelt ein Gefühl für die Situation, in der sie entstand und etwas bedeutete.

Nie boshaft!

Gefühl ist das Zentrum und der Motor all der kurzen Moderationen und Reflexionen über Musiker und ihre Stücke. Über das Gefühl verbindet Roger Willemsen Antonín Dvořák und Miles Davies oder Joseph Haydn und Thelonius Monk und viele andere genreübergreifende Musiker. Das kann durchaus etwas penetrant wirken, wenn er immer wieder betont, dass auch Männer Gefühle haben und zeigen. Das kann aber auch erhellende und begeisternde Verbindungen stiften. Was Roger Willemsen gar nicht konnte, war boshaft zu glossieren. Seine Texte über Modern Talking und Helene Fischer tragen nichts zur Erkenntnis oder Belustigung bei. Auch vermisst man beim Lesen der 80 kurzen Radiotexte die so schwärmerisch und einfühlsam anmoderierte Musik. "Musik!" hinterlässt ein ähnliches Gefühl wie die bunte Postkartensammlung eines Weltreisenden: Respekt und Inspiration für eigene Reisen, aber das Wesentliche fehlt.

Dirk Hühner, kulturradio

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Wie es sich so lebt in Brandenburg, davon handeln ja eine Menge unterschiedlicher Bücher. Okay, jetzt auch noch Sarah Kuttner.

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