Sigismund Krzyzanowski: Münchhausens Rückkehr © Dörlemann
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Belletristik - Sigismund Krzyzanowski: "Münchhausens Rückkehr"

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Krzyzanowski lässt den Lügenbaron, nach Russland reisen – wie in der alten, bekannten Geschichte aus dem 18. Jahrhundert. Nur dass er diesmal nicht auf einer Kanonenkugel, sondern auf einer Granate unterwegs ist ...

Baron Münchhausen ist zurückgekehrt. Vor beinahe hundert Jahren, im Berlin der 1920er Jahre, in einer noblen Wohnung am Alexanderplatz, entstieg er einem Buch mit Münchhausen-Geschichten und materialisierte sich vor einem Dichter namens Ernst Unding, dem er seine Erkenntnisse über das Wesen von Wahrheit und Lüge, Fiktion und historische Ereignisse, kurz: über Geschichte und Geschichten weitergibt. Und über den Ort, wo das alles sich trifft: in Büchern.

Nichts ist glaubhaft und alles ist wahr

Der Autor des Romans "Münchhausens Rückkehr" ist der polnischstämmige Sigismund Krzyzanowski, der von 1887 bis 1950 lebte. Er kam aus der Ukraine und tummelte sich in den Jahren der jungen Revolution mit anderen experimentierfreudigen, wilden Literaten in Moskau – so lange, bis Schriftsteller nichts anderes mehr sein durften als Ingenieure der Seele des neuen Sowjetmenschen. Krzyzanowski arbeitete als Theaterkritiker, Drehbuchautor und Essayist, seine Erzählungen und Romane schrieb er für die Schublade.  Erst lange nach seinem Tod, 1989, konnten sie in Russland erscheinen. 

Die Stalinzeit überlebte er, weil niemand sein fantastisches, spielerisches, literaturverliebtes und alles andere als linientreues Werk zu Gesicht bekam. Das Münchhausen-Buch hätte ihn Kopf und Kragen gekostet.

Denn der Name des Dichters, Ernst Unding, ist literarisches Programm: Nichts ist glaubhaft und alles ist wahr. Und die Realität ist so verrückt, dass man sie nur zu Ende denken muss, um in einer Münchhausiade zu landen.

Satire nach Münchhausen-Art

Krzyzanowski lässt den Lügenbaron, beim ihm ein distinguierter Feingeist, nach Russland reisen – wie in der alten, bekannten Geschichte aus dem 18. Jahrhundert. Nur dass er diesmal nicht auf einer Kanonenkugel, sondern auf einer Granate unterwegs ist, die sehr viel schwerer zu besteigen ist. Auf diesem Geschoss landet der Baron, unterwegs im diplomatischen Geheimauftrag der Briten, in der bitteren Realität des sowjetischen Alltags: Hunger, Mangelwirtschaft, Inflation, staatliche Gewalt. In Moskau stellen sich die Leute anstelle von Lebensmitteln Bilder und Christbaumäpfel aus Pappmaché auf den Tisch, jedenfalls in den besseren Kreisen. Münchhausen hilft dem Mangel an Zugtieren ab, indem er (wieder einmal) Pferde halbiert – und damit verdoppelt.

Sowjetische Dampflokomotiven werden mit Büchern statt Kohlen gefeuert. Die Züge bleiben entweder "bei jeder Schwelle" stehen, weil der Heizer, ein ehemaliger Professor und rasender Leser, sie vor dem Verbrennen verschlingt; oder aber die Züge rasen durch, bis ein Heizer ein bestimmtes Buch entdeckt, dass er dann gemächlich liest, während die Lok steht. Münchhausen selbst wird beinahe wegen vermeintlichen Schwarzfahrens hingerichtet. So geht Satire auf postrevolutionäre Zustände nach Münchhausen-Art.

Subtil und vergnügt

Kritik und Satire allerdings sind begleitet von zahlreichen literarischen und philosophischen Anspielungen; schließlich ist Münchhausen herumgekommen im Lauf der Jahrhunderte, hat mit Hegel debattiert gesprochen und mit Fichte am Tisch gesessen. Nebenbei spielt das Buch subtil und vergnügt mit seinem Erzähler, dessen Abbild in einem Buch und der Existenz dieses Abbilds in der Welt. Münchhausen ist neben allem anderen auch gleich noch eine Rezeptionstheorie. Am Ende zieht er sich von der Last seiner Berühmtheit zurück und verschwindet, bis auf weiteres, wieder in dem Buch, das ein anderer über ihn geschrieben hat.

Katharina Döbler, kulturradio  

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