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Marix Verlag
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Belletristik - Stevie Smith: "Roman auf gelbem Papier"

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Sie war in den 1930er Jahren ein literarisches It-Girl, das mit diesem Buch in London für Aufsehen sorgte. Eine selbstbewusste Romanheldin schaut auf die Welt - und auf sich selber.

1936 erschien dieser ungewöhnliche Debütroman, der nicht nur eine entschieden exzentrische Heldin ins Zentrum des Geschehens rückte, sondern vor allem mit den Leseerwartungen brach. Im Original gab es einen Untertitel "Finde es selbst heraus" und gleich zu Beginn richtet sich die Autorin an die, die Einwände haben oder sich langwei­len bei der Lektüre: "Wenn Du aber eine Person mit Bodenhaftung bist, wird dieses Buch für Dich eine ermüdende und frustrierende Wüste. Leg es also weg. Lass davon ab. Es war ein Fehler von Dir, dieses Buch zu kaufen. Das konntest Du nicht ahnen." Für alle Leserinnen und Leser ohne Bodenhaftung, ohne festgefügte Lektüre-Erwartung war und ist dieser Roman jedoch eine großartige Herausforderung und Entdeckung.

Genauen Blick auf ihre Zeit und Umwelt

Die Icherzählerin arbeitet als Privatsekretärin in einem Medienunternehmen. Sie hat viele Freunde, einige Liebhaber und einen genauen Blick auf ihre Zeit und Umwelt. Sie ist frech und hat ungewöhnliche Meinungen, sie liebt Sex ("Oh wie ich Sex genieße und wie ich ihn genieße") und fürchtet die Ehe. Sie reist viel und macht sich über Frauenzeitschrif­ten lustig. Sie lässt uns teilhaben an ihren Gedankenströmen, schreibt über Suizid und Religion, ihre Familiengeschichte, über dumme Leserinnen, die den Frauenzeitschriften folgen und an die Ehe glauben wie Tschechows "Drei Schwestern" an Moskau. Sie verweigert genaue Zeitzuordnungen oder psychologische Figurenzeichnun­gen, bedient sich stattdes­sen aus einem reichen Schatz an literarischen Zitaten, Gedichten, Romanen, sie referiert Kinowerbung, beschreibt Gemälde. Nutzt al­les, was ihr in den Erzählstrom passt.

In der Originalausgabe standen all diese – auch fremdsprachigen - Versatzstücke (die manchmal über mehrere Seiten gehen) ohne Zitatangaben und Übersetzungen im Text. Der kundige Übersetzer hat das für die deutsche Erstausgabe zum Glück anders gehal­ten. "Finde es selber heraus" – würde uns heutige Leser vor allzu große Hinder­nisse stel­len.

Aus der Zeit gefallen

Stevie Smith, die – wie ihre Heldin – als Sekretärin in einem Zeitschriftenverlag arbeitete, hat mit ihrem Romandebüt "die Lebenswirklichkeit der Postmoderne" eingefangen, in der die Medien unsere Erinnerungen, unser Handeln und Denken bestimmen. Dieses Buch ist  – wie der Übersetzer richtig schreibt – aus der Zeit gefallen, es verweist formal und inhaltlich weit über die eigene Sphäre hinaus. Vor allem überrascht es neben entschie­den feministischen Haltungen mit einer ungewöhnlichen politischen Hellsicht. Am Anfang wird mit antisemitischen Tönen von einer Party erzählt, auf der die Heldin die einzige Nicht-Jüdin ist, später reist sie nach Deutschland, erkennt nicht nur die Nazi-Ge­fahr, sondern die eigenen dummen Ressentiments. Und denkt über nationale Führer-Dispositionen nach.

Die bei uns unbekannte englische Autorin ist eine Entdeckung. 1971 – mit 69 Jahren – starb sie an einem Gehirntumor.

Manuela Reichart, kulturradio

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