Buchcover: Colette - Die Katze
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Belletristik - Colette: "Die Katze"

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Eine Ehe kann nicht funktionieren, wenn ein Mann seine Katze mehr liebt als seine Frau: eine simple Geschichte, hinter der noch andere, kompliziertere Geschichten lauern.

Sidonie-Gabrielle Claudine Colette war Schriftstellerin, Varieté-Künstlerin und Journalistin, eine moderne, emanzipierte Frau. Für ihr umfangreiches Werk erhielt sie viele Preise, wurde in die Akadémie Goncourt berufen und zum "Grand Officier" der französischen Ehrenlegion ernannt. Als sie 1954 starb, wurde ihr - als erste Frau überhaupt - ein pompöses Staatsbegräbnis zuteil.

Gestern ist ein Film in die Kinos gekommen, der noch einmal ihr abenteuerliches Leben nacherzählt und mit Keira Knightley hochrangig besetzt ist. Für den Berliner Verlag Ebersbach & Simon Grund genug, noch einmal den 1933 erschienenen Roman "Die Katze" neu aufzulegen und Colette als moderne Klassikerin der französischen Literatur zu würdigen.

Porträt: Colette
Bild: imago/Leemage

Lieben bis zur Selbstaufgabe

Colette war eine schillernde Frau, die keinen Skandal und keine Affäre ausließ. Sie führte ein aufreibendes und unkonventionelles Liebesleben und brauchte lange, um als Schriftstellerin anerkannt zu werden. Colette kannte und genoß alle Spielarten die Liebe, war mit Männer genauso liiert wie  mit Frauen, hatte auch einmal eine Affäre mit ihrem Stiefsohn und einmal eine Beziehung zu einem viel jüngeren Mann, einem dubioses Perlenhändler.

Sie liebte bis zur Selbstaufgabe, das ging so weit, dass sie ihrem ersten Ehemann erlaubte, die von ihr verfassten und "Claudine"-Romane unter seinem Namen zu veröffentlichen. Selbst nach der Scheidung behielt er das Recht, die Honorare der Romane einzustreichen. Und so ging es eigentlich in all ihren Romanen - ob in "Chéri" oder in "Sido" oder in "Gigi" - immer auch um ihre widersprüchlichen Erfahrungen, um die Abgründe der Liebe, die Verwirrungen der Geschlechter und um die Unmöglichkeit, Wunsch und Wirklichkeit, Mann und Frau auf Dauer glückhaft zueinander zu bringen.

Eine zum Scheitern verurteilte Dreiecksgeschichte

In "Die Katze" erzählt Colette die Geschichte einer unkonventionellen Dreiecksgeschichte zwischen einem jungen Mann, Alain, einer jungen Frau, Camille, und einer Katze, Saha.

Alain und Camille sind Anfang zwanzig und frisch verliebt, sie heiraten ohne allzu viel darüber nachzudenken, was sie von ihrer Liebe erwarten und wie ihr gemeinsames Leben aussehen soll. Weil ihr Haus auf dem weitläufigen Grundstück von Alains reicher Familie erst noch renoviert werden muss, ziehen sie provisorisch in das Atelier eines verreisten Künstler-Freundes, eine kleine Wohnung in einem Hochhaus - und ungeeignet für Katzen.

Damit beginnt der emotionale Schlamassel: Denn Alain, der seine heiß geliebte und innig gestreichelte Katze bei seiner Mutter zurücklassen muss, merkt schnell, dass es weder ihm noch der Katze bekommt, voneinander getrennt zu sein: beide, Tier und Mann, leiden sichtlich, haben keinen Appetit und auf nichts mehr Lust. Als auch das zunächst sexuell ausschweifende Liebesleben von Alain und Camille abebbt und schal wird, beschließt Alain, die Katze zu sich ins Hochhaus zu holen, sie wieder aufzupäppeln und ihr den gebührenden Platz wieder einzuräumen. Das ist keine gute Idee, denn Camille, eigentlich eine selbstbewusste Frau, wird von Tag zu Tag eifersüchtiger auf diese geheimnisvolle Katze, die Alain permanent umgarnt, auch nachts von ihm gestreichelt werden will und immer mehr Raum einnimmt im Leben des jungen Paares.

Camille versteht nicht, warum ihr Mann sich immer häufiger den ehelichen Liebesfreuden verweigert, sie findet es auch etwas grotesk und beleidigend, dass er immer häufiger auf einer Extra-Couch schläft, um im Dunkeln mit seiner Katze zu kuscheln: Camille spürt, dass es zu dritt nicht klappen kann und dass sie etwas unternehmen muss, um ihre Ehe zu retten. Camille versucht es mit Zuckerbrot und Peitsche, zeigt ihrem Alain mal die abweisende kalte Schulter und präsentiert ihm ein anderes Mal die sexuell hörige Frau, die sich selbst erniedrigt und zu allem bereit ist. Doch es hilft nichts, Alain ist immer angewiderter von seiner wankelmütigen Frau, die es nicht schafft, ihn und seine Katze gleichermaßen zu lieben, die keinen Funken Verständnis für die Katze aufbringen und das Tier einfach nicht ausstehen kann.

Als er eines Tages von der Arbeit nach Hause kommt und die vom Hochhaus-Balkon in die Tiefe gestürzte Katze mehr tot als lebendig vorfindet, glaubt er Camille kein Wort: Er braucht nur in Camilles hasserfüllte Augen zu sehen, um zu erkennen, dass die Katze nicht beim Mäuse-Jagen aus Versehen vom Balkon gefallen ist, sondern von Camille in böser Mordabsicht in die Tiefe geworfen wurde. Alain braucht nur in die liebenden Augen seiner Katze zu schauen, um zu wissen, was jetzt zu tun ist und wie es nun mit dieser von vornherein Scheitern verurteilten Dreiecksgeschichte weitergehen soll.

Wenn ein Mann seine Katze mehr liebt als seine Frau

Eine Ehe kann nicht funktionieren, wenn ein Mann seine Katze mehr liebt als seine Frau: eine simple Geschichte, hinter der noch andere, kompliziertere Geschichten lauern. Zum Beispiel die Geschichte des modernen Mannes, der sich von der emanzipierten Frau bedroht fühlt, der an Bedeutungsverlust leidet, der nicht erwachsen werden will und sich an seine glorifizierte Kindheit klammert.

Camille ist ebenso sexy wie klug, ebenso frech wie schnoddrig. Sie weiß, was sie will und was sie nicht will: nämlich einen Mann, der, wenns Probleme gibt, am liebsten zu seiner Mutter läuft und in seinem alten Kinderzimmer schläft; einen Mann, der Frauen nur auf ihre Geschlechtsorgane reduziert, sie nur als willige, austauschbare Sex-Puppen betrachtet.

Alain liebt seine ihm treu ergebene Katze, denn sie genießt seine Liebkosungen und schenkt ihm wort- und willenlose erotische Befriedigung: Der Originaltitel "La Chatte" bedeutet im Französischen nicht nur "Die Katze", sondern auch "Die Muschi".
Und das sagt eigentlich alles über die sexuell äußerst aufgeladene und leicht frivole Geschichte, die uns vor allem zeigt, dass Mann und Frau einfach nicht zusammen passen.

Geradezu genüsslich weidet Colette das literarisch aus: Was Alain und Camille sagen und machen, hat nichts zu tun mit dem, was sie wirklich denken und fühlen. Immer wägen sie ab, relativieren und verwerfen ihr eigentliches Anliegen, tischen dem anderen Lügen auf, immer im Wissen, dass der andere genau weiß, dass alles nur gelogen ist. Der Roman ist nicht nur ein diffiziles Psychogramm einer scheiternden Ehe, sondern auch ein ironisches Lehrbuch über misslingende Kommunikation: ein Roman von zeitloser Aktualität.  

Frank Dietschreit, kulturradio

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