Alberto Fassone: Anton Bruckner und seine Zeit © Laaber Verlag
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Biografie - Alberto Fassone: "Anton Bruckner und seine Zeit"

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Lange Jahrzehnte war das Bild des Komponisten Anton Bruckner verfälschenden Darstellungen unterworfen. Eine neue Biografie stellt vieles richtig und gibt den aktuellen Stand der Bruckner-Forschung wider.

Selten sind Komponisten in ihrem Leben und Werk so vielen Missdeutungen und Verfälschungen unterworfen gewesen wie Anton Bruckner. Da wurde er als "Musikant Gottes" trivialisiert, Anekdoten waren in Umlauf. Und während der NS-Zeit wurde versucht, seine Musik zu missbrauchen und als "urgermanisch-nordisch" von der NS-Ideologie vereinnahmen zu lassen.

Die Musik Bruckners zu überblicken, ist alles andere als leicht. Bruckners Sinfonien gibt es zum großen Teil in mehreren vom Komponisten stammenden Fassungen, daneben wurden sie von Dirigenten und Schülern Bruckners wohlmeinend entstellt. Die Bruckner-Forschung der letzten Jahrzehnte hat vieles glätten und richtig stellen können, aber bis heute sind Präzisierungen und Korrekturen nötig. Zuletzt ist bei Metzler/Bärenreiter mit dem "Bruckner-Handbuch" ein guter Versuch einer Neudarstellung unternommen worden.

Zeit und Persönlichkeit

Die Komponisten-Reihe im Laaber-Verlag steht ausdrücklich unter dem Motto "Große Komponisten und ihre Zeit". Natürlich kann man niemanden außerhalb der Geschichte seiner Zeit wirklich darstellen, aber hier wird explizit der Blick auf Epoche und geschichtliche Hintergründe gewagt, eben nicht nur Biographie und Werk, sondern auch eine Annäherung an die Persönlichkeit.

So versucht das Kapitel über "Bruckner und das Bildungsideal seiner Zeit" eine Korrektur der Überlieferung, wenn Bruckner lange als zwar begnadeter Organist und musikalisch-theoretisch gebildet dargestellt wurde, jedoch in anderen Wissensbereichen, so Literatur oder Philosophie, als geradezu ungebildet. Dabei hat Bruckner auch als Lehrer gearbeitet und musste daher schon auch in anderen Fächern als der Musik Kenntnisse besitzen, etwa in Latein, Psychologie oder Naturwissenschaften.

Musikbeschreibung

Auch bei der Beschreibung von Bruckners Musik geht der Autor daran, pauschale Urteile und Vereinfachungen etlicher früherer Darstellungen zu widerlegen oder zu diskutieren. Sehr ins Detail geht er bei der Frage, inwieweit Bruckners Religiosität – er war tatsächlich streng praktizierender Katholik – in diversen Symbolen in einigen seiner Werke nachweisbar ist.

Auch setzt er Bruckners Werke klar gegen die sog. Neudeutsche Schule um Liszt und Wagner ab. Oberflächlich scheint eine gewisse Nähe vorhanden zu sein, allerdings hat Bruckner nie im so verstandenen Sinne Programm-Musik komponiert.

Detailversessen aber anstrengend

Diese Bruckner-Biografie ist überall dort stark und überzeugend, wo sie Quellen und historische Darstellungen aufgreift, die entsprechenden Thesen einbringt und die wichtigsten Aspekte zusammenfasst und auffächert. Alberto Fassone pflegt einen geradezu detailversessenen Umgang mit dem Material.

Dabei wäre jedoch eine klarere und überschaubarere Darstellung wünschenswert gewesen. Der Autor erwähnt mitunter Thesen, ohne sie sofort zu werten. Seine Interpretation erfährt man dann erst später in anderen Zusammenhängen. Das macht die Lektüre bisweilen etwas anstrengend.

Keine Bettlektüre

Der Verlag bezeichnet die Bücher seiner Reihe als "für jeden Musik- und Kulturinteressierten" geeignet. Das trifft im Fall dieser Bruckner-Biographie auf die Kapitel zur Einordnung der Persönlichkeit durchaus zu: Wahrnehmung zu Lebzeiten, der Mensch Bruckner, Bildung und Religion. Auch das ist keine Bettlektüre, aber eine gut lesbare Einführung.

In den Werkanalysen verhält es sich allerdings anders. Da geht es, besonders bei den Sinfonien, um Fassungen, kompositorische Modelle, Entstehungszeiten oder die Deutung der Ausrichtung der fragmentarisch gebliebenen Neunten. Das ist durchaus spannend nachzuvollziehen, zu welchen Wertungen der Autor gelangt, allerdings braucht es dazu dann tatsächlich eine musikwissenschaftliche Vorbildung.

Andreas Göbel, kulturradio

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