Alexander von Schönburg: Die Kunst des lässigen Anstands
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Sachbuch - Alexander von Schönburg: "Die Kunst des lässigen Anstands"

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Alexander von Schönburg hat sich auf Gesellschaftsthemen spezialisiert: Wie man kunstvoll verarmt, wie man richtig Smalltalk macht, was man schon immer über Könige wissen wollte – das sind die Themen, die diesen waschechten Grafen und seine Leser umtreiben. Sein neues Buch schlägt in eine ähnliche Kerbe.

Altmodisch sind diese Eigenschaften auch deshalb, weil man etliche aus der klassischen Tugendlehre kennt. Höflichkeit, Aufrichtigkeit, Fleiß zählen zu den üblichen Verdächtigen. Auch von den vier Kardinaltugenden finden sich immerhin drei: "Klugheit" macht den Auftakt im Buch, später folgen "Gerechtigkeit" und "Maß". Zu alldem gibt es jeweils zehn, zwanzig Seiten Erörterung, und am Ende folgt ein kurzes Fazit. Ordnung muss sein.

Halt dich warm, Junge!

Das Buch hält damit stramm gegen den hedonistischen Zeitgeist. Leider fehlt ausgerechnet die Kardinaltugend der "Tapferkeit", die man für so ein Abenteuer gut gebrauchen könnte. Immerhin gönnt Alexander von Schönburg seinen Lesern die Tugend des "Selbstbewusstseins". So gerüstet, kann man sich vielleicht sogar an so fortgeschrittene Tugenden wie "Gehorsam" oder "Zucht" wagen.

Gerade "Zucht" dürfte in heutigen Ohren kantig klingen. Doch indem er das alte Wort als "Selbstbeherrschung" übersetzt, zeigt von Schönburg durchaus nachvollziehbar, welche Bedeutung diese Eigenschaft für unsere Kulturen hat. Merke: "Kultur ist immer Beherrschung". "Aus der Notwendigkeit, sich etwas in den Mund zu stopfen, wurde die Tischkultur, aus der Notwendigkeit, sich warm zu halten, wurde Mode." Man habe den ursprünglichen Impuls veredelt, indem man die Triebbefriedigung verzögerte.

Anstand ohne Gouvernante

Wie man Messer und Gabel hält, wird in diesem Buch zwar nicht erklärt, wenngleich halbironische Hinweise zum richtigen Benimm gelegentlich den Text auflockern. Doch es steckt mehr dahinter: Wie wichtig das richtige, das "anständige" Benehmen ist, merkt man, wenn man das Wort "Anstand" von seiner Gouvernantenhaftigkeit befreit: Es geht um menschlichen Anstand, nicht um Regelkonformität. Und es geht darum, sich herauszufordern, statt immer nur den Weg des geringsten Widerstands zu gehen.

Der Autor berichtet in diesem Zusammenhang von einem Besuch der Berliner Philharmonie. Er begegnete dort einem Berliner Senator. Was trug der Politiker dem festlichen Anlass? Turnschuhe, Jeans und ein offenes T-Shirt. Von Schönburg zeigt sich pikiert. Man könnte natürlich fragen: Was ist gegen den Schlabberlook einzuwenden? So wird die Kunst nicht als bürgerliche Feierstunde zelebriert, sondern locker ins tägliche Leben integriert. Alexander von Schönburg plädiert doch für Lässigkeit. Lässiger geht’s ja gar nicht.

Lässig ist das Politikerleben

So könnte man sagen, und so ähnlich würde es der entsprechende Senator wohl auch sehen. Aber geht es wirklich um Lässigkeit – oder nicht doch eher um Nachlässigkeit? Und könnte diese Nachlässigkeit in der Kleidung nicht auch auf ein Sichgehenlassen in anderen Fragen des Lebens hinweisen – frei nach dem Motto: Der Herr Senator hat seine Kleidung nicht im Griff; Berlins Politiker haben ihre Stadt nicht im Griff? Viele werden von Schönburg hier nicht folgen wollen. Doch eines ist kaum von der Hand zu weisen: Wer immer nur den leichten Weg geht, bleibt auf Dauer unter seinen Möglichkeiten.

Von Axel Hacke erschien unlängst ein Buch mit frappierend ähnlichem Titel: "Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen". Das Bedürfnis nach tieferen Werten scheint in einer Gesellschaft, der die selbstverständliche Zivilität Schritt für Schritt abhandenkommt, zu wachsen. Während Hacke sich jedoch auch in aktuellen Gesinnungsfragen positionierte, bleibt von Schönburg weitgehend unpolitisch, von gelegentlichen Seitenhieben auf Berliner Senatoren abgesehen. Ihn könnte man vielleicht am ehesten als weltoffenen Konservativen bezeichnen: werteorientiert, aber nicht spießig. Eine selten gewordene Spezies.

Darf’s ein bisschen mehr sein?

"Die Kunst des lässigen Anstands" ist kenntnisreich, oft amüsant geschrieben. Alexander von Schönburg zitiert Aristoteles, Kant, Hobbes, Norbert Elias, Ludwig Wittgenstein ... es nimmt schier kein Ende. Man könnte sogar sagen: Es ist von allem ein bisschen zu viel. Die geistreiche Plauderei verflacht mal zur Geistreichelei, mal zur Plapperei, und manchmal ist sie auch bloß flapsig. Dennoch ist dies über weite Strecken ein lesenswertes und belebendes Buch, das einiges über unsere Zeit aussagt.

Steffen Jacobs, kulturradio

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