Angelika Krauß: Der Strom
Suhrkamp
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Roman - Angela Krauß: "Der Strom"

Bewertung:

In den Büchern von Angela Krauß gibt es wenig Handlung – und doch geschieht eine Menge.

Ihr literarisches Terrain verändert sich dabei kaum. Stets bewohnt ihre Heldin einen Altbau in Leipzig, wo sie aus der vierten Etage über die Baumwipfel und über die Rangiergleise der Bahn hinwegschaut und vom nahen Zoo das Trompeten der Elefanten vernimmt. Die Erzählerin musste diesen Ort nicht verlassen, um die Veränderung der Welt zu registrieren. Es gab wohl kaum eine Generation vor ihr, die so sehr mit historischem Wandel konfrontiert wurde.

Doch so sehr ihr Blick auch durch die Zäsur von 1989 bestimmt sein mag, löst Angela Krauß die Dinge und die Verhältnisse aus der Verankerung im geschichtlichen Boden und bringt sie zum Schweben. Das macht ihren poetischen Zugriff aus.

An der Grenze zum Schmerz

In ihrem neuen Prosakunststück "Der Strom" hat sich auf dem Güterbahnhofsgelände ein französisches Restaurant eingerichtet, in dem sie, die sich nicht ohne Selbstironie "Poétesse" nennt, gerne an einem Tisch sitzt, um mit dem Patron ins Gespräch zu kommen. Oder sie wartet einfach nur darauf, dass sich etwas einstellt, ein Gedicht zum Beispiel, das sich nicht herbeizwingen lässt.

Der Tisch im Restaurant ist ihr Kraftpol. Hier spürt sie einen "Zustrom", der sie durchdringt und elektrisiert, an der Grenze zum Schmerz. Dieser titelgebende "Strom" ist eine Kraft, die sie mit hohem Druck aus ihrem Körper herauszupressen scheint.

Die Poétesse hat alle Zeit der Welt, solange ihr Mäzen, der ein Verehrer der Poesie ist und im übrigen im fernen La Jolla Tennis spielt, sich um sie kümmert, ohne etwas von ihr zu verlangen. Auch sie verlangt nichts von sich, sondern beschränkt sich darauf wahrzunehmen, zu empfinden, offen zu sein. Handlung ist nicht nur innerhalb der Prosa störend, sondern auch im Leben.

Einst habe es sie nach einer Tat verlangt, schreibt sie, weil um sie herum so viel gehandelt wurde: "Die Tat räumt augenblicklich aus dem Weg, was bremst." Doch dadurch verhindert sie zugleich, dass "innwendig" etwas entsteht, verhindert das Gedicht als "atmenden Geist".

Man kann dieses schmale Buch als eine poetologische Anleitung lesen, als Bericht aus jenem inneren Raum, in dem die Worte sich bilden, ohne dass die Dichterin zu sagen wüsste, wie das geschieht. Nicht nur das Handeln würde dabei stören, sondern auch das Verstehen.

Angela Krauß hält das Verstehen für eine Art Trost- oder gar Wahnvorstellung, für einen Bremsklotz, der das Fließende, Offene, Ereignishafte festlegt und damit beendet. Stattdessen setzt sie auf Leiblichkeit, Gegenwart, Staunen, Perspektivwechsel und Erwartung.

Darauf kommt es ihr an

"Der Strom" hat wie alle Bücher von Angela Krauß keine Gattungsbezeichnung, ist weder Erzählung, noch Lyrik, sondern funktioniert wie ein Kaleidoskop, das aus farbigen Splittern wechselnde, fragile Bilder erzeugt. Höhepunkt des Geschehens ist der Moment, in dem etwas nicht Erwartetes eintrifft. Da klingelt es an der Tür, und es ist nicht zufällig der dem griechischen Götterhimmel entsprungene "Hermesbote", der sich meldet.

Ein ganzes Kapitel benötigt der Paketmann für den Aufstieg in den vierten Stock. Während die Erzählerin seinen sich langsam nähernden Schritten im Treppenhaus lauscht und die Erwartung auf das nicht erwartete Paket steigt, wird ihr bewusst, was Erwartung ist – nämlich "etwas Natürliches von Anbeginn an, etwas Elementares wie das Atmen". Und darauf kommt es ihr an.

Jörg Magenau, kulturradio

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