Burkhard Spinnen: Und alles ohne Liebe @ Schöfflung & Co.
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Belletristik - Burkhard Spinnen: "Und alles ohne Liebe. Theodor Fontanes zeitlose Heldinnen"

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Noch ein Buch über Fontane – dieses erklärt uns, warum unsere Gegenwart voller Effis und Lenes ist.

Schon wieder ein neues Buch zu Fontane – zum 200. Geburtstag des Schriftstellers erschienen schon im letzten Jahr zahlreiche Fontane-Lesarten, nun legt auch der Schriftsteller Burkhard Spinnen eins vor: "Und alles ohne Liebe. Theodor Fontanes zeitlose Heldinnen". In dem schmalen, bibliophilen Bändchen hat er sich eine Art Übersetzung vorgenommen: Er überträgt die Inhalte einiger Romane in den Kontext der Gegenwart und zeigt das auf, was heute aktuell ist.

Fontane auf Universalität und Aktualität gelesen – das klingt in seinem Vorwort so: "Unsere Gegenwart ist voller Effis, voller Lenes. Man muss sich nur aufmerksam umsehen, dann erkennt man sie." Über ausgewählte Frauenfiguren aus acht Berliner Romanen Fontanes findet er dabei den Zugang. Frauen beschreiben, das konnte Fontane, der gerade in seinen Jahren als praktizierender Apotheker Zugang zu Frauenproblemen und Frauenleiden hatte. Seine Frauenfiguren sind in den seltensten Fällen blasse Figürchen, sondern sehr individuelle, lebendige Personen, deren Dilemmata sich durchaus ins Heute übertragen lassen.

Eine Frauenriege der inneren Rebellion

Burkhard Spinnen beginnt mit den Schwestern Poggenpuhl und endet mit Mathilde Möhring. Dazwischen vergleicht er u.a. Effi Briest mit Cécile, denkt über Stine und Lene nach und natürlich über Jenny Treibel und Corinna Schmidt. Mit der Frage im Hinterkopf, wie sehr die jeweilige Figur versucht, sich gegen ihre vermeintliche Bestimmung zu stellen, bringt Spinnen sie in eine Art Reihenfolge der Selbstbestimmung. Eine Frauenriege der inneren Rebellion, flankiert von den Poggenpuhls auf der einen Seite und Mathilde Möhring auf der anderen.

Die Poggenpuhls sind die, die am passivsten bleiben: In der Berliner Großgörschenstraße in Berlin Schöneberg lebt eine Witwe mit ihren drei Töchtern. Sie gehören zwar dem alten Adel an, sind aber vollkommen verarmt. Ein Milieu, das verzweifelt und unerschütterlich versucht, etwas festzuhalten, das schon längst verblüht ist. Die Aktualität liegt für Burkhard Spinnen nun darin, dass es bei den Poggenpuhls nicht nur um den untergehenden Adel am Ende des 19. Jahrhunderts geht, sondern darum, wie sich Menschen verhalten, wenn die Gesellschaft sich verändert, sie aber festhalten an dem, was sie gelernt haben.

Junge Frauen, die Kinder bleiben

Mathilde Möhring verhält sich im Gegensatz zu den Poggenpuhl Frauen viel aktiver. Auch sie ist verarmt, doch sie versucht ihr Leben in die Hand zu nehmen, den Möglichkeiten entsprechend, die sich ihr bieten. Als der Untermieter erkrankt, pflegt sie ihn, stützt ihn, baut ihn auf, und sich dabei mit: Er heiratet sie. "Statt wie Effi ein verstecktes Kinderleben zu führen", schreibt Spinnen, "coacht sie ihren Ehemann, schubst ihn in die richtigen Positionen und steuert sein Self-Marketing."

Und Effi? Für Spinnen ein eindeutig aktuelles Dilemma: Nicht wegen der unmenschlichen Moralvorstellungen im wilhelminischen Kaiserreich, sondern weil es auch heute junge Frauen gebe, die nicht erwachsen werden dürfen und wollen, die Kinder bleiben.

Inmitten all der Neuerscheinungen zu Fontane ist Spinnens Band ein interessanter Beitrag, um sich den Frauenfiguren einmal von einer anderen Seite aus anzunähern. Vor allem aber, um den Staub, den viele auf den alten Klassikern vermuten, mit Nachdruck wegzupusten.

Anne-Dore Krohn, kulturradio

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Wie es sich so lebt in Brandenburg, davon handeln ja eine Menge unterschiedlicher Bücher. Okay, jetzt auch noch Sarah Kuttner.

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