Dirk Rossmann: "...dann bin ich auf den Baum geklettert!"
Ariston
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Autobiografie - Dirk Rossmann: "... dann bin ich auf den Baum geklettert!"

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Dirk Rossmann hatte in seinem Leben eine Menge guter Ideen. Und die entscheidende Idee auf seinem Weg zum Milliardär war es, pünktlich zur Abschaffung der Preisbindung für Drogeriewaren Anfang der Siebzigerjahre auf Selbstbedienungsläden zu setzen, die es bis dato nur im Einzelhandel für Lebensmittel gegeben hatte. Volltreffer!

Heute regiert Rossmann über Tausende Läden und hat mehr als 50.000 Mitarbeiter. Einer von Rossmanns jüngsten Einfällen war dagegen weniger brillant. Er entschloss sich nämlich ohne Not, "... dann bin ich auf den Baum geklettert!" zu veröffentlichen, eine Selberlebensbeschreibung, an der die Journalisten Olaf Köhne und Peter Käfferlein mitgewirkt haben.

Um fair zu bleiben, muss man sagen: "einerseits – andererseits". Einerseits: dieser bemerkenswerte Lebensweg. Man verfolgt ihn mit Anerkennung, zumindest aber mit Respekt. So viel Geschäftssinn und Schaffenskraft von Kindesbeinen an, so viel Hartnäckigkeit, so viel Glück auch, so viel Erfolg, schließlich so viel Reichtum und Engagement, so viele prominente Freunde, so viele Begegnungen und Erlebnisse.

Andererseits: dieses Buch! Man liest es stirnrunzelnd. So viele Plattitüden, so viel sprachliche Biederkeit, so viel redundante Selbst-Beweihräucherung, so wenig Gedankentiefe, so viel erschlagende Trivialität.

Literatur und Psychologie

Dabei ist Rossmann keineswegs als Unbelesener zum Autor geworden. Er war zwar "ein sehr schlechter Schüler", wie er betont. Aber er hat sich bereits als Vierzehnjähriger, mit Duden und Lexikon bewaffnet, Arthur Schopenhauers "Die Welt" als Wille und Vorstellung erschlossen. Er hat später "an die sechzig Romane" von Honoré de Balzac gelesen. Er hat in Émile Zolas "Germinal" und "Das Geld" bedeutende Werke über das Elend von Bergarbeiterkindern und den verlockenden Glanz des Spekulantentums kennengelernt.

Er hat schließlich in Fjodor Dostojewskis "Der Idiot" das Buch seines Lebens gefunden – "so etwa alle fünfzehn Jahre lese ich es wieder". Auch mit Psychologie hat sich Rossmann gründlich beschäftigt. Sein Steckenpferd ist die Themenzentrierte Interaktion, die er zur Unternehmensführung einsetzt.

Es braucht jedoch weder den Maßstab der Weltliteratur noch psychologischer Finesse, um zu bemerken, dass Rossmanns eigenes Werk arg selbstgefällig ist. Das beginnt schon im Vorwort der Co-Autoren, die einen Überraschungs-Besuch Rossmanns in einer seiner Filialen so beschreiben, als sei den Angestellten dort ein höheres Wesen oder zumindest ein Popstar erschienen: "Ob sie ihm wohl jemals wieder so nah kommen werden wie an diesem grauen Novembernachmittag?"

Rossmann seinerseits ergeht sich gern in platten Ego-Sentenzen: "wenn ich etwas will, dann will ich das" – "Hannoveraner haben eine ganz enorme Power" – "ich hörte immer mehr auf mein Bauchgefühl als auf meinen Kopf" – "ich mache viele Dinge, die andere nicht machen" – "wenn ich von mir behaupte, ich sei ein bisschen verrückt […], ist das keine Koketterie" – "erst wenn es aussichtslos scheint, fange ich an zu kämpfen" – "das Wort 'Niederlage' nehme ich nicht in den Mund" – usw.

Bundesdeutsche Geschichte, spektakulären Einzelaktionen

Das ist es, was nervt: Dass Rossmann die Geschichte seines Lebens und seines Unternehmens nicht für sich sprechen lässt, sondern sich dem Leser mit teils Lothar-Matthäus-haftem Gockel-Gestus und boulevardesker Rhetorik ständig als tolle Persönlichkeit aufdrängt. Schade drum! Denn obwohl das Buch je länger, desto gründlicher in Anekdoten und Einzelereignisse, in Beschreibungen dieser Freundschaft und jenes Hobbys zerfasert, ist der Stoff grundsätzlich interessant.

Die bescheidenen Kinderjahre in der Nachkriegszeit, die Revolution des Drogeriemarktes in den Siebzigern, die Strategien und Praktiken der Rossmann'schen Expansion, die Beinahe-Pleite in den Neunzigern, die Konkurrenz zu DM und Schlecker, die feine Gesellschaft Hannovers um Gerhard Schröder, Martin Kind, Carsten Maschmeyer, Christian Wulff – durch Rossmanns Autobiografie schimmert viel bundesdeutsche Geschichte.

An spektakulären Einzelaktionen fehlt es auch nicht. Eine davon war das Vorkommnis, auf das der Buch-Titel anspielt: Als Rossmann wider Willen zum Wehrdienst eingezogen worden war, obwohl er bereits das damals kleine, unverzichtbare Familien-Geschäft unter sich hatte, kletterte er eines Tages in den Wipfel eines großen Baumes und kam lange nicht herunter – als er aber doch wieder unten war, erklärte man den penetrant Widerborstigen bald für dienstuntauglich auf Lebenszeit.

Direkt nach dem Mauerfall hat Rossmann mit demokratischem Missionseifer 20.000 Exemplare des "Spiegel" in der DDR verteilt. Zwei Jahre später organisierte er einen großen LKW-Konvoi, um hungerleidenden Menschen im post-sowjetischen Moskau zu helfen. Er wurde einer der Mitbegründer der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung, die in diversen Ländern Afrikas Sexualaufklärung betreibt. Und er hat – wenn auch vergeblich – versucht, Papst Franziskus während einer Privataudienz in Rom die Zustimmung der katholischen Kirche zum Gebrauch von Kondomen abzuringen.

Am Ende grübelt man, warum ein Mann, dessen Imperium mittlerweile neun Milliarden Euro jährlich umsetzt, dem das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen wurde, der unter den Reichen, Wichtigen und Berühmten des Landes viele Duz-Freunde hat, kurz: der definitiv niemandem mehr etwas beweisen müsste, sich noch im achten Lebensjahrzehnt auf so naive Weise in die Brust wirft und derart triviale Selbstvermarktung betreibt, wie er es bisweilen in "... dann bin ich auf den Baum geklettert!" tut.

Andererseits: Irgendwie ehrlich oder zumindest konsequent ist das alles schon. Offenbar wirkt in Rossmann immer noch der gleiche Geltungs-Impuls, der ihn einst als jungen Mann befähigt hat, aus fast nichts etwas Großes zu machen. Nur ist so ein Buch, auch wenn es der Autor in den Rossmann-Filialen vertreiben lässt, eben kein Drogerie-Artikel.

Arno Orzessek, kulturradio

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