Else Lasker-Schüler: Die Gedichte; Montage: rbb
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Lyrik - Else Lasker-Schüler: "Die Gedichte"

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Obwohl sie auch Prosa und Theaterstücke schrieb und zeichnete, ist Else Lasker-Schüler vor allem als große expressionistische Lyrikerin bekannt geworden. Anlässlich ihres 150. Geburtstages am 11. Februar bespricht Steffen Jacobs die im Reclam Verlag erschienene kommentierte Gesamtausgabe der Gedichte.

Vor einhundertfünfzig Jahren, am 11. Februar 1869, wurde die bedeutende Lyrikerin Else Lasker-Schüler in Elberfeld geboren. Auch heute noch erscheinen immer wieder neue Ausgaben ihrer Gedichte, vor drei Jahren zum Beispiel eine ausgiebig kommentierte Edition im Reclam Verlag, die den Hintergrund vieler Texte akribisch erläutert. Eine gute Gelegenheit, um die Gedichte dieser großen Poetin wiederzulesen.

Else Lasker-Schüler hat einige der schönsten und innigsten Gedichte geschrieben, die in deutscher Sprache existieren, und das weitgehend unabhängig von vorherrschenden Stilen und literarischen Moden. Ihr lyrisches Werk ist schmal, aber es reicht für die Ewigkeit.

Das Herausragende dieser Gedichte ist untrennbar mit der Persönlichkeit Lasker-Schülers verbunden. Sie war ein unabhängiger Geist, in menschlicher wie künstlerischer Hinsicht. Als 1902 ihre erste Gedichtsammlung "Styx" erschien, konnte man etwas bislang völlig Unerhörtes vernehmen: Ein neuer Akkord wurde angeschlagen, der mitten im Wilhelminismus auf ganz neue Zeiten hindeutete.

Die erste Strophe aus einem dieser frühen Gedichte lautet:

"Es treiben mich brennende Lebensgewalten,
Gefühle, die ich nicht zügeln kann.
Und Gedanken, die sich zur Form gestalten,
Sie greifen mich wie Wölfe an."

Eine so überschießende Leidenschaft finden wir bei ihren Generationsgenossen Stefan George oder Rainer Maria Rilke in dieser Ausprägung nicht. Dies ist kein verfeinerter Ton. Das Gedicht sagt es selbst: Der Gedanke ist formal gestaltet, mit klarem Reim und festem Metrum, aber er ist darum nicht gebändigt. Er ist immer noch wild und angriffslustig.

Pas de Deux mit Giselheer

Lasker-Schüler ist dieser Grundhaltung der Ehrlichkeit und Passion lebenslang treu geblieben. Sie wurde damit auch zu einer wichtigen Bezugsperson für die Expressionisten. Mit der Zeit wurde ihre Formsprache jedoch freier, gelöster, die biografische Authentizität in Rollenspielen gebrochen. Lasker-Schüler identifizierte sich und die Menschen, die sie liebte, mit Figuren aus Märchen, Sagen, selbst der indischen Götterwelt.

Interessant sind in dieser Hinsicht die Giselheer-Gedichte, in denen sie ihre Beziehung zu Gottfried Benn verarbeitete. Der Hauptfigur dieser Gedichte – wir kennen ihren Namen aus dem Nibelungenlied – schreibt sie unterschiedliche Rollen zu: die des Heiden, des Königs, sogar eines Tigers. Wir erfahren von einem intensiven Wechselspiel aus Anziehung und Zurückweisung. Die Schlusszeilen des Zyklus bringen den emotionalen Pas de deux so lakonisch wie wuchtig auf den Punkt:

"Ich bin dein Wegrand.
Die dich streift,
Stürzt ab.
Fühlst Du mein Lebtum
Überall
Wie ferner Saum?"

Ist das eine typisch weibliche Sichtweise? Die Lasker-Schüler-Rezeption legt uns das spezifisch Weibliche ihrer Lyrik gern ans Herz. Die unverstellte Wucht ihres Empfindens, ihre Bereitschaft zu erotischer Hingabe sollen als feminines Credo verstanden werden. Aber gelangt man auf diese Weise nicht wiederum zu einem Klischee von Weiblichkeit?

Alle Welt steht still

Wenn es etwas gibt, das für Lasker-Schüler typisch war, dann ihre Unlust, sich typisieren zu lassen. Sie trug kurze Haare, als das bei Frauen noch verpönt war, sie hatte Beziehungen zu deutlich jüngeren Männern, sie trotzte der Konvention. Benn sagt in einem einfühlsamen Erinnerungstext: Man konnte nicht "mit ihr über die Straße gehen, ohne dass alle Welt stillstand und ihr nachsah". Lasker-Schüler lebte nicht Weiblichkeit, nicht Männlichkeit, sie lebte Individualität.

Für die Rolle von Frauen in der Literatur war sie gerade darum wichtig. Lasker-Schüler steht – zusammen etwa mit der ganz anders gestimmten Ricarda Huch – am Anfang einer Traditionslinie von Schriftstellerinnen, die den endgültigen Einzug der Frauen in die Literatur markieren. Vorher waren es einige wenige gewesen, hie eine Droste, da eine Bettina von Arnim. Für schreibende Frauen hatte die Gesellschaft lange Zeit nur einen Platz am Katzentisch. Danach war die deutsche Literatur ohne schreibende Frauen nicht mehr denkbar.

Kartoffelpuffer im Stiefmutterland

Es gilt noch einen weiteren wichtigen Aspekt ihres Schaffens zu würdigen: Gottfried Benn lobte ihre Poesie als "das Jüdische und das Deutsche in einer lyrischen Inkarnation". Lasker-Schüler hat dafür – wie so viele – bezahlen müssen. Zum Glück nicht mit dem Leben, wohl aber mit dem Verlust der Heimat. Sie muss es geahnt haben. Schon im Jahr 1931 schrieb sie:

"Die Heimat, die ich heiß mit Liebe überhäufte,
Blieb immer mir nur ein Stiefmutterland."

Am 22. Januar 1945, nur wenige Monate vor der deutschen Kapitulation, starb sie nach jahrelangem Exil in Jerusalem.

Doch so wollen wir nicht enden. Else Lasker-Schüler lebt weiter, mit ihrer Gefühlsstärke, aber auch mit ihrer Verspieltheit. Für das Theater hat sie einmal eine kleine Kulturgeschichte des Kartoffelpuffers gereimt: albern, launig, witzig. Zwei Zeilen kommen sogar im Klassikerton daher:

"Wer knuspert so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Puffer in Tantchens Spind."

Steffen Jacobs, kulturradio

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