Georges Anglade: Das Lachen Haitis © Litradukt
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Zum Wiederlesen empfohlen - Georges Anglade: Das Lachen Haitis

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Vor zehn Jahren ist sie schon einmal auf Deutsch erschienen, diese Sammlung mit 90 kurzen Prosastücken aus Haiti, verfasst von dem Geographieprofessor Georges Anglade.

Aber so wie Anglade nicht nur Geograf war, sind seine Texte nicht einfach Prosa: es sind Lodyans, wie mündliche Erzählungen in der haitianischen Kreolsprache heißen - (abgeleitet von l’audience, Zuhörerschaft).  Lodyans erzählen Nachbar einander auf seiner Veranda, irgendwer im Café oder beim Friseur, ein Verwandter bei der Totenwache oder ein Freund beim Essen; und die anderen tragen sie weiter, ausgeschmückt und abgewandelt. Zwangsläufig sind sie voller Übertreibungen, Mythen, Albernheiten, Wut und Witz.

Politische Satire

Anglade, Jahrgang 1944, begann mit dem Schreiben von Lodyans nachdem er seine kurze politische Laufbahn (unter Präsident Aristide war er kurzzeitig Minister) desillusioniert aufgegeben hatte. Nachdem er auch seine Tätigkeit als Professor an der französischen Universität von Montreal beendet hatte, verfasste er vor dem Hintergrund des Irakkriegs auch einen satirischen Kurzroman mit dem Titel "Und wenn Haiti den USA den Krieg erklärt?".

Politische Satire findet sich zur Genüge auch in seinen Lodyans, zumal im vierten Teil dieses Sammelbands ("Gelobtes Land"). Da erklärt Anglade etwa die Zusammensetzung und Funktion des Präsidialausschusses zur Festlegung der Maßeinheiten für internationale Hilfsgüter: "... drei Experten, die die Aufgabe hatten, den Sand aufzuschütten, in dem jedes noch so drängende Vorhaben verlief."

Unterhaltsam, empörend, rüh­rend

Dem ersten Teil des Bandes, der sich chronologisch an die Biografie des Autors hält, liegen frühere Erfahrungen zugrunde, nämlich die Ereignisse in einer kleinen Küstenstadt der 1950er Jahre: Von der mit Spannung erwarteten Grabinschrift einer Lehrerin wird da erzählt, von einer überflüssigen Totenwache, von Markttagen und Liebeszauber; und es klingt wirklich so, als säße da jemand heiter und seines anspruchsvollen Publikums bewusst, bei einem Glas Rum oder zwei, und gäbe Anekdoten zum besten. Die Heiterkeit allerdings schwindet im Lauf des Buches und der Zeit; das Lachen bleibt, aber es wird härter, wenn es um das Leben in Port-au-Prince unter dem Diktator Duvalier und schließlich um das kanadische Exil geht.

Wenn man sich, Geschichte für Geschichte, durch dieses Leben in Lodyans liest, ist man bestens unterhalten, empört und gerührt.  Und traurig, dass es keine weiteren Lodyans von Anglade mehr geben wird: Er kam, zusammen mit seiner Frau, bei dem Erdbeben 2010 in Port-au-Prince ums Leben.

Katharina Döbler, kulturradio  

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