Hanya Yanagihara: Das Volk der Bäume; Montage: rbb
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Roman - Hanya Yanagihara: "Das Volk der Bäume"

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Vor zwei Jahren war Hanya Yanagiharas Roman "Ein wenig Leben" eine literarische Sensation: Ein fast 1.000-seitiges Buch, in dem es um das qualvolle Schicksal eines amerikanischen Anwalts geht, der als Waisenkind in einem Kloster sexuell missbraucht wurde und seinen Selbsthass nicht abstreifen kann. Auch in "Das Volk der Bäume" wird wieder zum Thema, was der Verlag eine "fatale Liebe zu Kindern" nennt.

Der scheinbare Nachfolger ist in Wahrheit ein Vorläufer: „Das Volk der Bäume“ erschien schon im Jahr 2013, einige Zeit vor dem großen Erfolg von „Ein wenig Leben“. Doch erst jetzt kommt Hanya Yanagiharas Debütroman in Deutschland heraus.

Es gibt zwei klare Unterschiede zu dem späteren Buch: Zum einen geht es in dem Erstling weitaus weniger brutal zu; zum anderen wird fast durchweg aus der Sicht des Täters erzählt – besser gesagt: des mutmaßlichen Täters, denn anfangs ist er das. Und dieser Mann hat eine wirklich faszinierende Geschichte zu erzählen.

Das Buch beginnt wie ein Abenteuerroman. Wir lesen den Lebensbericht eines berühmten Virologen. Norton Perina heißt der Mann, ein Nobelpreisträger für Medizin. Als Fünfundzwanzigjähriger schließt er sich der Expedition eines charismatischen Anthropologen an. Dieser will einem geheimnisvollen Mythos eines winzigen Inselvolkes im Pazifik auf die Spur kommen, wo es angeblich einen Mann gibt, der von seinem Volk verstoßen wurde und sich zu einem Mischwesen aus Mensch und Tier entwickelt hat. Dieser Teil der Handlung spielt in den Fünfzigerjahren.

Wovon Anthropologen träumen

Der junge Arzt, der Expeditionsleiter und eine weitere Anthropologin landen auf einer Insel fernab der westlichen Zivilisation. Zusammen mit drei einheimischen Führern schlagen sie sich tagelang durch dichten Dschungel, bis sie dann tatsächlich auf einige Menschen stoßen, die zwar körperlich sehr jung wirken, geistig aber so reduziert sind, dass sie fast animalisch erscheinen. Später entdeckt die kleine Expedition noch einen ganzen Stamm, der nie in Kontakt mit der Außenwelt stand: das "Volk der Bäume". Der Traum eines jeden Anthropologen.

Von diesem Teil des Buches soll hier nicht zu viel verraten werden. Nur soviel sei gesagt: Es geht um ein Unsterblichkeitsvirus, nichts weniger als das. Die Suche danach ist nicht nur spannend erzählt, sondern obendrein sprachlich plastisch und stilistisch elegant. Wie der drückende, dampfende Dschungel beschrieben wird, das ist nicht nur großes Kino, sondern oft auch großartige Literatur. Und obendrein noch sehr kluge, sozusagen eiskalt kalkulierte Rollenprosa. Denn man sieht diese Welt ja mit den Augen der Hauptfigur.

Ein Erzähler, dem nicht zu trauen ist

Der sexuelle Missbrauch ist von Beginn an präsent: Dem Lebensbericht des Mediziners sind zwei fiktive Pressemeldungen aus den Neunzigerjahren vorangestellt, die andeuten, worauf das Ganze hinausläuft: dass Perina in späteren Jahren Dutzende Kinder von dieser Insel adoptiert und in den USA großzieht. Einer dieser Jungen bezichtigt ihn später der Vergewaltigung. Tatsächlich wird Perina als alter Mann zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Und hier, in der Haft, schreibt er seinen Bericht.

Damit ist auch klar, dass seiner Erzählung nicht zu trauen ist. Wir wissen nicht: Was ist wahr, was dient der Selbstrechtfertigung, gibt es da überhaupt etwas zu rechtfertigen. Oft ist Perina kalt wie ein Fisch, dann wieder erstaunlich rührselig. Er bezeichnet sich selbst als "empfindsamen Menschen", aber als ein kleines Kind im Urwald fast erstickt, schaut er ungerührt zu, um die Reaktion der Einheimischen zu studieren.

Eine Frage der Moral

Fasziniert beschreibt er ein Initiationsritual des neu entdeckten Stammes: Er beobachtet, wie ein Zehnjähriger vom Häuptling des Stammes und anderen Männern vergewaltigt wird. Aber es ist angeblich keine Vergewaltigung, es ist ein allseits akzeptierter kultureller Ritus, bei dem der ganze Stamm anwesend ist. Und selbst dem Jungen scheint das Ganze nichts auszumachen. So schildert es jedenfalls Perina. Wenig später wird er dann von genau diesem Zehnjährigen "verführt" – aber auch das ist natürlich seine Darstellung.

Kann und darf das, was in einem Kulturkreis als traumatisierend gilt und zutiefst tabu ist, in einem anderen Kulturkreis ganz normal sein? Hanya Yanagihara stellt diese Frage ziemlich genau in der Mitte des Romans: "Sind Ethik und Moral kulturabhängig?", heißt es da. Aber sie lässt die Frage eben von einem Mann stellen, dessen Agenda zu diesem Zeitpunkt völlig unklar ist. Der Gedanke ist interessant und bedenkenswert, aber man weiß nicht, ob er nicht zugleich vergiftet ist. Das erfährt man erst auf den letzten Seiten des Buches. Wie in einem Krimi.

Das Thema der Schuld

In gewisser Weise ist dieser erste Roman das Komplementärstück zu dem zweiten. Er ist jedoch kürzer und straffer erzählt und nimmt den Leser gerade dadurch gefangen. Ständig fragt man sich: Ist dieser Mann schuldig oder nicht? Klingt so ein Monster? Ist das Empathielosigkeit oder wissenschaftliche Distanz? Kurzum: "Das Volk der Bäume" konfrontiert uns mit unseren eigenen Vorstellungen von Schuld und dem, was einen Täter ausmacht. Ein großes Vorhaben – und von Hanya Yanagihara meisterhaft umgesetzt.

Steffen Jacobs, kulturradio

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