Manfred Spitzer: Die Smartphone-Epidemie; Montage: rbb
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Sachbuch - Manfred Spitzer: "Die Smartphone-Epidemie"

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Der Psychiater Manfred Spitzer ist ein prominenter Kritiker der Digitalisierung, genauer: ein Kritiker der dysfunktionalen Nutzung moderner Bildschirmmedien.

Es geht Spitzer schlichtweg darum, dass wir viel zu viel Zeit vor diesen Medien verbringen. Das hält er für gefährlich. Und besonders gefährdet sieht er Kinder und Jugendliche.

Konkret sieht Spitzer Gefahren für die Gesundheit und die Bildung. Als ein Beispiel nennt er den Anstieg der Kurzsichtigkeit von Jugendlichen in Südkorea von 1 bis 5% auf über 90% der Bevölkerungsgruppe. Durch die lange Nutzung von Smartphones wird bei jungen Menschen – so Spitzer -  das Sehen auf größere Distanz nicht mehr ausreichend geübt. Das ist aber der Normalzustand des Sehens, die Augen sind auf Weite fixiert. Durch andauernde Smartphone-Nutzung werden die Augen fehlentwickelt. Dieses Phänomen der stark ansteigenden Kurzsichtigkeit bei Jugendlichen beobachtet Spitzer auch in Europa.

Er verweist auch auf Studien, die belegen, dass Social-Media-Sucht bei Jugendlichen stark zunimmt, eine inzwischen von der Weltgesundheitsorganisation anerkannte Krankheit. Diese Sucht geht bei Jugendlichen häufig einher mit Depression oder Aggressivität.

Spitzer zitiert eine britische Studie, an der über 1.000 Mädchen teilnahmen. Ein Ergebnis war: "Wer im Alter von 13 Jahren mehr als drei Stunden täglich bei Facebook ist, leidet mit 18 Jahren doppelt so häufig an einer Depression."

Ebenso verweist er auf eine Studie aus den USA, die zeigt, "dass die Suizidalität von Mädchen und jungen Frauen mit jeder Stunde Mediennutzung deutlich steigt und sich die Anzahl der Suizide in den Jahren von 2007 bis 2015 verdoppelt hat."

Abschied von der Digitalisierung

Manfred Spitzer sieht auch Gefahren für die Bildung. Je mehr Geld in die digitale Infrastruktur der Schulen investiert wurde, desto eher haben sich schulische Leistungen, insbesondere von schwächeren Schülerinnen und Schülern verschlechtert. Australien machte deshalb eine 180°-Wende und verabschiedete sich von der seit 2008 begonnenen Digitalisierung an Schulen.

Und: "Verbietet man Smartphones, nimmt das Lernen zu, wie eine große Studie an über 130.000 Schülern an 90 Schulen im Großraum London nachweisen konnte." In Frankreich hat die Regierung unter Präsident Macron die Konsequenz gezogen und im August 2018 Smartphones in Schulen untersagt.

Kälte, Gleichgültigkeit, Aggressivität

Interessant ist auch Spitzers Feststellung, dass sich der Aktionsradius von Jugendlichen innerhalb von 30 Jahren um 90 Prozent verringert hat. Es begann mit hoher Fernsehverweildauer  und liegt heute bei durchschnittlich über fünf Stunden täglicher Nutzung moderner Bildschirmmedien. Das bedeutet nicht nur Bewegungsmangel und häufiges Übergewicht, sondern es fehlt das reale Erleben der Umwelt. Kontakte laufen vorwiegend über das Medium, immer weniger direkt von Mensch zu Mensch.

Dadurch wird auch – über den Kreis der Jugendlichen hinaus – die Fähigkeit zur Empathie nicht mehr ausreichend entwickelt, meint Spitzer. Empathie hat neben der emotionalen auch eine kognitive Ebene, dass sich Hineinversetzen in eine andere Perspektive, in einen anderen Menschen. Wenn diese Fähigkeit unterentwickelt ist, sieht Spitzer eben auch mögliche gesellschaftliche Folgen wie soziale Kälte, Gleichgültigkeit, Aggressivität, Ich-Bezogenheit.

Spitzers Buch ist eine Zusammenstellung überarbeiteter Aufsätze. Dadurch ergeben sich auch Wiederholungen. Auch ist Spitzer keiner der lange abwägt. Er hat den Mut zu steilen Thesen. Aber er greift wichtige Themen auf und zwingt zum Nachdenken. Vielleicht ist etwas weniger Smartphonezeit mehr Zeit zum Leben.

Eckhard Stuff, kulturradio

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