Otto de Kat: Freetown © Schöffling und Co
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Roman - Otto de Kat: "Freetown"

Bewertung:

Der Niederländer Otto de Kat ist ein Spezialist für kurze Romane, seine Heldinnen und Helden werden oft in die historischen Ereignisse des vorigen Jahrhunderts verwickelt. "Freetown" heißt sein neuer Roman.

Diesmal geht es um die jüngere Vergangenheit. "Freetown" handelt von der Beziehung zweier Niederländer: Hier ist Maria, eine ehemalige Konzerpianistin, die für die Familie ihre Karriere aufgab, und da ist Vincent, ein Psychologe. Beide sind Mitte sechzig und hatten vor Jahren eine längere Affäre miteinander – eine "unschuldige Beziehung", wie Maria sagt, obwohl beide damals verheiratet waren. Neun Jahre ist das her.   

Der Grund dafür, dass sie jetzt wieder aufeinandertreffen, ist Ishmael. Der junge Mann floh aus Sierra Leone, als in dem westafrikanischen Land ein grausamer Bürgerkrieg tobte. Eines Tages steht er als Zeitungsausträger vor Marias Tür. Aus einem Impuls heraus sagt sie ihm, er solle zu ihr kommen, wenn er einmal Arbeit braucht. Als Ishmael seine Stelle bei der Zeitung verliert, kommt er tatsächlich.

Nennt mich meinethalben Ishmael

Maria will ihm helfen: Sie erledigt den Papierkram für seine Einbürgerung, sie lernt Niederländisch mit ihm und bereitet ihn auf die Führerscheinprüfung vor. Im Gegenzug erledigt er Arbeiten in ihrem Garten und Haushalt; auch mit ihrem Mann freundet er sich an.

Sieben Jahre geht das so, und immer bleibt Ishmael ein sperriger Zeitgenosse: Er redet selten, lächeln „ist ihm fremd“, und schreiben lernt er kaum. Als er endlich seinen Pass bekommt, verschwindet er von einem Tag auf den anderen. Maria ist untröstlich, sie sagt: "Seit Ishmael verschwunden ist, habe ich das Richtungsgefühl verloren." Sie sagt sogar: "Sein Verschwinden ist beinahe etwas Heiliges".

Das klingt dramatisch, und tatsächlich wird der junge Mann aus Sierra Leone kräftig überhöht – so sehr, dass man sich fragt, ob er ein realer Mensch sein soll oder eher eine Projektion. Das wird besonders deutlich, als Maria zu Vincent geht, dem alten Geliebten, der so gut zuhören kann.

Selbstgespräche in Wechselrede

Hier setzt sich das Spiel mit den Projektionen fort, denn nun fügt Vincent seine eigenen hinzu: Er spekuliert, was Ishmael für Maria bedeutet hat, er fragt sich, ob sie Ishmael vielleicht deshalb an sich zu binden versuchte, weil ihrer beider Beziehung damals in die Brüche ging. Bei alldem lebt ihre alte Geschichte wieder auf.

Wirklich erzählt wird das freilich nicht: "Freetown" ist fast durchgehend als Dialog zwischen Maria und Vincent inszeniert. Seltsamerweise gibt es trotzdem nur selten direkte Rede. Die Dialoge der beiden Hauptfiguren sind Selbstgespräche im Beisein des anderen, ergänzt um ausgiebige innere Monologe. Ein bisschen weinerlich klingt das alles und ziemlich selbstbezogen.

Man könnte "Freetown" ein "Konstellationsbuch" nennen: Otto de Kat schafft eine Grundsituation, die er umkreist und immer subtiler aufzufächern versucht: zwei Wohlstandseuropäer, die sich mit schmerzlicher Wonne an den feinsten Nuancen ihrer Persönlichkeiten ergötzen. Irgendwann macht sich Vincent zwar auf die Suche nach Ishmael und fährt nach Sierra Leone, aber gerade als man denkt, es käme noch ein wenig Schwung in die Handlung, ist alles schon wieder in einem reflexiven Briefmonolog versickert.

Egozentrikern den Spiegel vorhalten

Vielleicht ist das Absicht? Vielleicht will Otto de Kat uns saturierten Westeuropäern den Spiegel vorhalten? Tatsächlich lässt das Buch ahnen, wie gedankenlos wir manchmal sind, wie empathielos sogar, wenn wir uns in unserer Mildtätigkeit sonnen. Man merkt das an Marias Denkfaulheit. Für sie ist Ishmael "unendlich lieb". Wie soll man auf diese Weise den komplexen Problemen eines kriegstraumatisierten jungen Mannes gerecht werden?    

Letztlich ist zweitrangig, ob Otto de Kat diesen Egozentrismus vorführen will oder ob er ihm selbst anheimfällt. Das Buch scheitert an seinem Stoff, wie Maria an Ishmael scheitert: durch mangelnde Komplexität. Natürlich sind Flucht und Migration große Themen unserer Zeit, und gewiss wird es früher oder später bedeutende Literatur dazu geben. "Freetown" gehört leider nicht dazu.

Steffen Jacobs, kulturradio

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Wie es sich so lebt in Brandenburg, davon handeln ja eine Menge unterschiedlicher Bücher. Okay, jetzt auch noch Sarah Kuttner.

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