Cover "Zeiten des Aufruhrs"
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Roman - Richard Yates: "Zeiten des Aufruhrs"

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Richard Yates schildert mit lakonischer Schärfe die Schattenseiten des amerikanischen Traums - indem er April und Frank Wheeler an ihren Lebens-Lügen scheitern lässt.

Vor zehn Jahren kam ein Film heraus, der noch einmal Kate Winslet und Leonardo DiCaprio, seit dem Welterfolg von "Titanic" ein Traumpaar des Kinos, zusammen auf die Leinwand brachte: "Zeiten des Aufruhrs" hieß der Streifen.

Genauso heißt auch das Stück, das jetzt im Deutschen Theater Premiere feiert. In den Hauptrollen: Maren Eggert und Alexander Khuon. Dass Film und Theaterstück auf einem 1961 veröffentlichten Roman von Richard Yates beruhen, dürften nur wenige wissen. Denn der 1992 in Birmingham/Alabama verstorbene Autor war zu Lebzeiten nur einer kleinen Fan-Gemeinde bekannt. Das liegt - auch - daran, dass er in die beklagenswerte Kategorie der "Writer´s Writer" gehört, also der Schriftsteller, die von den literarischen Freunden verehrt, aber vom breiten Publikum verschmäht werden.

Schon damals haben zwar Kollegen den prägnanten Stil von Richard Yates, seine elegante Sprache, sein Vermögen, mit wenigen Worten psychologische Porträts, soziale Verhältnisse und menschliche Abgründe skizzieren und mit lakonischer Schärfe die Schattenseiten des amerikanischen Traums schildern zu können, sehr bewundert. Aber die Romane, in denen sich das kaputte Alltags-Leben und die zerstörerischen Lebens-Lügen des Durchschnittsbürgers spiegeln, waren dem Publikum zu wenig opulent und zu wenig aufregend.

Für den Literaturzirkus einfach nicht geeignet

Und der Autor, der alkohol-abhängig und tabak-süchtig war und nach manchen Sauf-Exzessen in die Psychiatrie musste, der unglückliche Ehen hinter sich hatte, sein Leben an Provinz-Universitäten als Lehrer für "Creative Writing" vertrödelte und von seinen Studenten als schmuddeliger Kauz verlacht wurde, war für den Literaturzirkus einfach nicht geeignet.

Einmal gab es einen kleinen Hoffnungsschimmer, nämlich als er "Zeiten des Aufruhrs" veröffentlichte und mit dem Roman für den "National Book Award" nominiert wurde, doch der Preis ging dann an Walker Percy und den Roman "Der Kinogeher", und Richard Yates verschwand wieder in der Versenkung. Es ist viel darüber spekuliert worden, ob alles anders gekommen wäre, wenn Yates den Preis erhalten hätte, ob dann auch Romane wie "Easter Parade" oder "Eine besondere Vorsehung" Aufmerksamkeit erregt hätten. Aber es sollte nicht sein, und so wurde Yates eigentlich erst bekannt, als er sich tot gesoffen hatte und längst unter der Erde lag.

Der Virus des Scheiterns

Dass Yates nach seinem Tode dann doch noch entdeckt und ein Roman wie "Zeiten des Aufruhrs" endlich gelesen wurde, haben wir in seinen Kollegen zu verdanken (Richard Ford, Kurt Vonnegut und Stewart O´Nan), die sich immer wieder auf Yates als ihren literarischen Lehrer beriefen und es nicht fassen konnten, dass die Bücher von Yates schon kurz nach dessen Tod vom Markt verschwunden waren.

Sie haben die Verlage gedrängt, die Bücher wieder neu aufzulegen, und mit dem Engagement der Fürsprecher hat sich herumgesprochen, dass man einen Roman wie "Zeiten des Aufruhrs" lesen muss, wenn man verstehen will, wie Beruf und Alltag jede noch so ambitionierte Ehe untergräbt, wie der Traum von Freiheit und Glück an der Realität zerschellt, in welche Lügen man sich verstrickt, um seine Angst vor Veränderung zu verdrängen und sich nicht einzugestehen, dass der "Virus des Scheiterns" längst alles infiziert hat und es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis man seine Träume begräbt, sich anpasst - oder aber umbringt.

Der Roman hat im Original den Titel "Revolutionary Road", auch der Film mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio heißt so, in der deutschen Übersetzung von 2002 hat man sich - leider - für den irreführenden Titel „Zeiten es Aufruhrs“ entschieden. Das klingt, als würde hier wirklich der Aufstand gegen das bürgerliche Establishment geprobt, doch das stimmt nicht, es geht vielmehr darum, dass ein junges Ehepaar noch einmal versucht, ihrer Ehe Schwung zu verleihen, aus ihrem Alltag herauszukommen und von einem anderen, neuen Leben träumt. Natürlich wird der Traum zum Alptraum und alles ist vollkommen vergeblich.

Die "Revolutionary Road" ist eine Sackgasse

Die "Revolutionary Road" ist eine Straße in einer kleinen Vorstadt von New York auf dem "Revolutionär Hill": Der Name erinnert an den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, doch die Idealen der Revolution (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) haben sich längst verflüchtigt: Die "Revolutionary Road" ist eine Sackgasse, das Leben von April und Frank Wheeler ist öde und langweilig.

Als sich die beiden in New York kennenlernten, hatten sie noch Flausen im Kopf, April wollte Schauspielerin werden, Frank bezirzte jeden mit seinen intellektuellen Kapriolen, aber eigentlich war er immer nur ein Schaumschläger und Schwadroneur, auch jetzt ist er das noch, nachdem April ihre Karriereträume an den Nagel gehängt hat und mit Frank und ihren beiden kleinen Kindern hinaus in die spießige Vorstadt gezogen sind.

Während April die Kinder und das Haus hütet, fährt Frank jeden Tag mit dem Zug zur Arbeit nach New York. Er ist in der Verkaufsabteilung einer Firma, die Büro-Artikel herstellt, vom Stift über die Schreibmaschine bis zur neuesten Erfindung, dem Computer. Der Alltagsfrust lastet bleischwer auf April und Frank, sie streiten sich permanent, halten sich aber für etwas besseres, lästern über die blöden, mittelmäßigen Nachbarn, verdrängen aber dabei, das sie selbst nur Mittelmaß sind.

Als Ausweg aus ihrer Misere erfindet April die Idee, alles hinzuschmeissen, das Haus zu verkaufen und nach Paris zu ziehen, sich dort noch einmal neu auszuprobieren und nach dem Sinn des Lebens und dem großen Glück zu suchen. Während April ihre romantischen Ideen weiter verfolgt, spielt Frank auf Zeit: Er hat sich längst in seiner bürgerlichen Puppenstube eingerichtet, freut sich, dass ein Vorgesetzter ihm eine höher dotierte Stelle in der neu zu gegründeten Computer-Abteilung anbietet. Und als April schwanger wird, überredet Frank seine Frau, die Paris-Pläne fallen und alles beim alten zu lassen: Doch das ist natürlich für April keine Option.

Das bittere Ende

Weil sie sich selbst, ihren Mann und ihr ganzes Leben nicht mehr ertragen aber auch nicht wirklich etwas verändern kann, bleibt ihr eigentlich nur ein Ausweg, sie muss alles zerstören: das Kind, das in ihr wächst und zur Not auch sich selbst.

Wir schreiben das Jahr 1955 und Abtreibungen sind verbotenes Teufelswerk, also nimmt sie selbst den Abbruch vor, allein in ihrem Badezimmer. Richard Yates erspart dem Leser die blutigen Details, er lässt stattdessen Nachbarn und Freunde zu Wort kommen, die zu wissen glauben, was sich in der "Revolutionary Road" ereignete und was aus April und Frank wurde.

Vermutungen und Gerüchte machen die Runde, die Wahrheit interessiert niemanden, sie ist ohnehin nur schwer zu ertragen und passt nicht ins heile Weltbild der selbstzufriedenen Spießbürger. Man darf gespannt sein, wie Regisseurin Jette Steckel in ihrer Inszenierung am DT das deprimierende Finale interpretiert, ob sie auch so gnädig ist wie Richard Yates und es dem Zuschauer überlässt, sich das bittere Ende auszumalen. 

Frank Dietschreit, kulturradio

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