Sheron Rupp: "Taken from Memory"
Bild: Kehrer Verlag Heidelberg

Fotoband - Sheron Rupp: "Taken from Memory"

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Die 1943 in Mansfield/Ohio geborene Sheron Rupp ist eine Ikone der modernen amerikanische Fotografie, eine lebende Legende einer künstlerischen Sichtweise, die sich für den Menschen in seiner alltäglichen Umgebung interessiert

Ihre Arbeiten werden in den großen Museen der Welt ausgestellt, ihre Fotos hängen im Museum of Modern Art (MoMa) genauso wie im Paul Getty Museum. Jetzt hat Sheron Rupp im Heidelberger Kehrer Verlag einen neuen Fotoband veröffentlicht, er ist eine Art fotografische Erinnerungsarbeit und hat den Titel "Taken from Memory".

Erinnerungen

Fotografieren kann man Erinnerungen natürlich nicht, sie sind ein oft schlammiges Gebräu aus Gedanken und Gefühlen, die uns belasten und erfreuen und die wir unser Leben lang nicht loswerden, weil sie etwas in uns berühren oder weil sie all unsere Ängste und Sehnsüchte prägen. Man kann aber Erinnerungen aus der Tiefe des Vergessens und Verdrängens hervor holen und nach Lebens-Umständen suchen, die den Erinnerungen ähnlich sind oder nahe kommen.

Da Fotografie aber immer nur im Hier und Jetzt entsteht, muss Fotografie die Erinnerungen entweder künstlich arrangieren und inszenieren oder nach Lebens-Situationen suchen, in denen die Zeit eingefroren scheint, das Vergangene aufgehoben ist und noch im Heute weiterlebt: wo alles noch ein bisschen so ist, wie es einst war oder wie wir glauben, dass es war: denn Erinnerung spielt einem oft einen Streich und neigt zu Lüge und Selbstbetrug, Übertreibung und Schönfärberei. 

Teilnehmende Beobachterin

Sheron Rupp sucht die Erinnerungen an die Abenteuer, die Leichtigkeit und Unbeschwertheit ihrer Kindheit und Jugend auf dem Lande: sie hat mit ihren Eltern in kleinen Städten und Dörfern irgendwo im nirgendwo gelebt und ist mit ihnen im Sommer oft durch die abgelegen US-Staaten gefahren, hat Bekannte und Verwandte besucht in Ohio und Tennessee, Kentucky und Arkansas, Vermont und Massachusetts. Später hat sie Kunst studiert, Malerei und Fotografie, hat in den Metropolen der Welt gelebt und gearbeitet, ihr ist mit den Jahren das Gefühl der Zugehörigkeit, der Heimat, der Identität verloren gegangen. Sie hat sich irgendwann gefragt: woher komme ich, was hat mich geprägt, welche Bilder haben sich ein für alle Mal in mein Gedächtnis eingebrannt?

Und dann ist Sheron Rupp in einer Art fotografischem Langzeitprojekt immer wieder in die Gegenden ihrer Kindheit und Jugend zurück gekehrt und hat dort kleine Orte gefunden, die sich kaum verändert haben, die immer noch so aussehen wie einst, und sie hat Menschen gefunden, die immer noch fast genau so leben wie früher und von der Hektik und den Versuchungen der digitalen Moderne scheinbar fast unberührt sind: wo also Sheron Rupps Erinnerungen an Vergangenes mit der Realität der Gegenwart fast identisch sind. Sie muss eine große Menschenkennerin und große Menschenfreundin sein, denn ihr gelingt es spielend leicht, dass die Menschen ihr vertrauen, sich öffnen und sich so zeigen und sich so fotografieren lassen, wie man ist und wie man lebt. Sheron Rupp wird zur teilnehmender Beobachterin, sie braucht kein künstliches Licht, keine Inszenierungen, keine Nachbearbeitung der Fotos, ihr große Kunst besteht einfach nur darin, im richtigen Moment auf den Auslöser zu drücken, um ohne Worte wunderschöne Geschichten über den ganz normalen Alltag der Menschen zu erzählen.

Vergangenheit wird zur Gegenwart

Sie fängt immer wieder diese Momente ein, in den sich die Kinder in den Dörfern und auf dem Lande vollkommen vertrödeln und verlieren, kein Gefühl für Zeit mehr haben, endlos und ziellos spielen, Katzen ärgern und Kröten streicheln, die Ziegen füttern, faul im Gras liegen, mit dem Fahrrad durch die Gegend düsen, im Dorfteich schwimmen, angeln gehen, auf den alten und vor sich hin rostenden Autos herumturnen, im Baumhaus klettern, manchmal haben sich die Kinder auch schick gemacht und herausgeputzt, vielleicht weil sie zu einem Dorffest gehen wollen oder jemand Geburtstag feiert, oder die Kinder schauen einfach nur naiv und neugierig zu, was ihre Eltern und Großeltern so treiben, wie ihr Vater das weiße Holzhaus neu streicht und winterfest macht, wie die Großmutter alte Socken stopft, wie der Großvater alt und gebrechlich und mit sich und dem Leben zufrieden in seinem Gemüse- und Gewürzgarten hockt und ein neues Beet anlegt.

Selbst wenn keine Kinder auf dem Bild sind, hat man immer das Gefühl, die hügelige Landschaft und die vor sich hin bosselnden Erwachsenen werden mit den Augen von Kindern gesehen: der Blick der Fotografin ist immer vollkommen unschuldig und ohne jede ironische Überheblichkeit. Sheron Rupp beobachtet die Menschen beim Picknick und beim Grillen oder wie sie auf der Terrasse sitzen und einen kleinen Schwatz halten, die Menschen tragen ausgeleierte Kleidung, fahren schäbige alte Autos, sie sind oft übergewichtig und faltig, manchmal schauen sie ein bisschen traurig, als würde ihnen die Zukunft Angst machen, aber auch wenn es ziemlich ärmlich bei ihnen zugeht und ihr Alltag vor allem aus Arbeit besteht, scheinen sie mit sich und dem Leben im Reinen und zufrieden. Jemand hängt nasse Wäsche zum Trocknen in den Garten, eine Mutter schaut, dass ihrer im Plastik-Pool planschenden kleinen Tochter nichts passiert, ein Vater erklärt seiner kleinen Tochter den Umgang mit Pfeil und Bogen, Kinder reparieren ihre kaputten Fahrräder, und eine silberhaarige alte Dame stolziert mit weißen Schuhen und hellblauem Kleid durch eine blühendes Feld aus Sonnenblumen: Die Zeit, so scheint es manchmal auf den Fotos, steht still, die Vergangenheit wird zur Gegenwart. 

Unspektakulär und simple

Sheron Rupp trauert nicht der verlorenen Zeit nach, Nostalgie ist ihr völlig fremd. Sie will einfach nur die Bilder der Vergangenheit fotografisch heraufbeschwören und sich vergewissern, ob das, was sich in ihre Erinnerung eingebrannt hat, vielleicht heute noch immer in Rudimenten existiert.

Ihre Fotografie ist absolut realistisch, sie schaut mit der Kamera auf das Leben wie es ist, nicht wie es sein könnte, ihre Motive, Themen und Bildausschnitte sind vollkommen unspektakulär und geradezu simpel. Rot ist Rot, Blau ist Blau, Gelb ist Gelb und Grün ist Grün: keine Farb-Effekte. Der Himmel ist der Himmel, die Sonne die Sonne und der Schatten der Schatten: keine Dramatisierungen, keine Stilisierungen, nirgends. Ihre Fotos sind kein Kommentar zum ärmlichen, einfachen Leben, keine Kritik am spießigen Alltag der Menschen, es sind liebevolle soziologische Studien, sensible Momentaufnahmen des Status quo, keine Visionen, keine Aufrufe für eine andere, bessere Welt. Die Fotos trauern nicht einer schön gefärbten Vergangenheit nach, sie zeigen nur, dass die Vergangenheit längst nicht vorbei ist und dass Erinnerungen helfen, sich selbst und das Leben im Hier und heute besser zu verstehen.

Frank Dietschreit, kulturradio  

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