Thilo Wydra: "Hitchcock’s Blondes - Erfindung eines Frauentyps"
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Über 50 Filme hat der Großmeister des Kinos gedreht. Und dabei einen besonderen Frauen­typ bevorzugt und geschaffen: Kühle blonde Schönheiten.

12 Schauspielerinnen porträtiert der Autor in diesem Band, der Hitchcocks Blondinen gewidmet ist. Von Grace Kelly, über Ingrid Bergman bis zu Karin Dor, die war zwar brü­nett, aber – so Hitchcock – innen blond ist. Es sind Schauspielerinnen, die hell leuchten, de­ren Sex-Appeal zwar unterkühlt, dafür um so viel versprechender und verlockender ist.

Englischer Gentleman

Seine beiden bevorzugten Stars waren Ingrid Bergman und Grace Kelly, mit denen er jeweils drei Filme drehte. Und mit denen er weit über die gemeinsame Arbeit hinaus befreundet blieb. Das betont Thilo Wydra ausdrücklich, denn eine andere großartige Blondi­ne, Tippi Hedren, hat sich über Hitchcock ziemlich unfreundlich geäußert. Er habe sie gequält, weil sie seine eindeutig sexuellen Avancen zurück gewiesen habe. Mit diesen medial weit verbreiteten Erinnerungen schien der Meister des Suspense plötzlich ein früher Weinstein. Dass es dafür keine Hinweise, keine anderen Vorwürfe gibt, belegt Wydra. Dass Hitchcock im Gegenteil stets ein englischer Gentleman und Förderer seiner Schauspielerin­nen gewesen sei, daran erinnern sich jedenfalls alle außer Tippi Hedren.

Die war, als sie von Hitchcock entdeckt wurde, ein Model ohne jede Schauspielerfahrung, die er in "Die Vögel" und in "Marnie" vorbehaltlos Hauptrollen spielen ließ. Vielleicht hatte sie es trotzdem nicht verwunden, dass sie nur ein Ersatz war, denn eigentlich sollte (und wollte) Grace Kelly, die da schon acht Jahre lang Fürstin von Monaco war, 1964 die gestörte Kleptomanin in "Marnie" spie­len. Sie hatte schon freudig zugesagt, musste dann aber auf Druck der monegassi­schen Öffentlichkeit einen Rückzieher machen. Grace Kelly war mit ihrem ebenmäßigen hellen Gesicht, ihrer Eleganz die ideale Hitchcock-Heldin gewesen - in "Bei Anruf Mord", "Fenster zum Hof" und "Über den Dächern von Nizza".

Professio­nelle Obsession

"Hitchcock Blondinen haben stets etwas Überirdisches. Der Regisseur überhöht sie, stili­siert sie, formt sie. Hitchcock Blondinen sind bigger than life. Seine Filme... sind Träume. Tag-Träume. Alp-Träume. In diesen Filmen lässt Hitchcock die Frauen auftreten und lässt sie durch die Photographie seiner Kameramänner ikonisch wirken."

Von dieser Ikonographie erzählt dieser Band. Produktionsgeschichten und Inszenie­rungen der Filme stehen ebenso wie biographische Details im Zentrum der Texte, die vor allem aber auch davon erzählen, dass es Hitchcock als Kino-Künstler nicht gegeben hätte ohne seine Ehefrau Alma Reville. Sie gab offenbar in jeder künstlerischen Entscheidung für oder gegen ein Kostüm, eine Besetzung, ein Drehbuch das entscheidende Urteil ab. Sie war keine kühle Blondine. Als der alte kranke Hitchcock (der unfassbarer Weise nie ei­nen Regie-Oscar bekommen hat) am 7. März 1979 endlich einen Ehren-Oscar bekommt, be­dankt er sich öffentlich und "stellvertretend für alle Mitarbeiter seiner Filme" bei seiner Frau. Nach 53 Ehejahren und 53 Spielfilmen macht er ihr eine Liebeserklärung. Die Blondinen waren zwar eine professio­nelle Obsession und geniale Kino-Inszenierung, bei der wichtigsten Frau im wirklichen Leben kam es jedoch nicht auf die Haarfarbe an. Aber vielleicht war Alma Reville ja auch "innen blond".

Manuela Reichart, kulturradio  

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