Richard Ford: Der Sportreporter
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Roman - Richard Ford: "Der Sportreporter"

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Der 1944 in Jackson/Mississippi geborene Richard Ford gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller der Gegenwart.  

Für seinen Roman "Unabhängigkeitstag" erhielt er 1996 als bisher einziger Autor sowohl den Pulitzer-Preis als auch den PEN/Faulkner Award. Morgen feiert Richard Ford, in dessen Romane immer wieder ein Mann namens Frank Bascombe sein Alltags-Leben und zugleich (so ein weiterer Roman-Titel) "Die Lage des Landes" spiegelt, seinen 75. Geburtstag.

Ein Meilenstein der zeitgenössischen Literatur

"Der Sportreporter" (1986 in Amerika und 1989 in Deutschland erschienen) ist ein Meilenstein der zeitgenössischen Literatur, der alle Möglichkeiten modernen Erzählers auffächert und es auf elegante Weise schafft, das Politische im Privaten zu spiegeln, ein Wendepunkt in der bis dahin holprigen Karriere des Autors, die dringend einen Schub brauchte. Richard Ford hatte bis Mitte der 1980er Jahre zwei Romane veröffentlicht, die niemand lesen wollte und sich als Kassenflops erwiesen, Ford hat sich dann als Sportreporter durchgeschlagen und eine Karriere als Schriftsteller schon fast abgeschrieben. Doch dann hat ihn seine Ehefrau Kristina Hensley (mit der er seit 1968 bis heute glücklich verheiratet ist und der er alle seine Bücher widmet) dazu gedrängt, es noch einmal neu als Schriftsteller zu versuchen, aber Roman-Handlung und -Figuren vielleicht etwas näher an sich und sein eigenes Leben heranzurücken und nicht immer nur die großen politisch-gesellschaftlichen Themen im Auge zu haben. Das Resultat war "Der Sportreporter", bis heute vielleicht sein bester und wichtigster Roman, weil man als Leser sofort spürt, dass hier ein Autor alles auf eine Karte setzt und nichts weniger im Sinn hat, als sich und die Literatur neu zu erfinden und ein Sittenbild Amerikas und vielleicht auch der ganzen westlichen Welt zu liefern.

Autobiografische Momente stark fiktionalisiert

Der Roman hat autobiografische Momente, Ford benutzt Erfahrungen und Erlebnisse seines eigenen Lebens, die er dann stark fiktionalisiert und seinem Ich-Erzähler Frank Bascombe andichtet und überstülpt.

Im Gegensatz zum (damals) armen Zeilenschinder Richard Ford ist Frank Bascombe ein sehr erfolgreicher Sportreporter, der für auflagenstarke Zeitschriften durch die Welt reist, große Interviews führt und einfühlsame Sportler-Porträts schreibt, sich eine große Villa in New Jersey (in der fiktiven Kleinstadt Haddam) leisten kann, wo die Schönen und Reichen leben, die mit dem Zug zur Arbeit nach New York oder Philadelphia pendeln. Und im Gegensatz zu Richard Ford, der als Sportreporter seinen Traum von der Schriftstellerei nie aufgab, hat Frank Bascombe diesen Traum längst beerdigt: Frank hatte sogar als junger Schriftsteller großen Erfolg, man huldigte dem frischen, frechen und innovativen Jung-Star und erwartete viele neue, tolle Romane von ihm. Doch Frank hatte keine Lust auf den literarischen Zirkus, er fühlte sich bereits nach ein, zwei Büchern völlig leer geschrieben, er hasste die einsamen Tage am Schreibtisch und das Ringen mit jedem Satz, er hielt auch nichts von postmoderner Literatur, vom literarischen Psychologisieren, von engagierter Literatur oder vom Versuch, sich mittels der Literatur selbst zu therapieren, das war ihm alles zu kompliziert, zu verkopft.

Frank wollte lieber das Leben eines normalen, mittelmäßigen Journalisten führen, eine glückliche Ehe führen, Kinder bekommen und wurde zum Sportreporter aus Passion. Aber das ist natürlich eine glatte Lüge: Denn dem vermeintlich zufriedenen und glücklichen Sportreporter verrutscht an einem einzigen Osterwochen das ganze Leben, nach diesem Wochenende, an dem er das Gefühl hat, in einem falschen Film mitzuspielen, und an dem seine Gedanken und Gefühle zwischen Vergangenheit und Gegenwart Purzelbäume schlagen, wird nichts mehr so sein wird wie vorher und wird sein ganzes Leben ein einziger Scherbenhaufen sein.

Dunkler Abgrund

Alles, seine kaputte Ehe, seine diversen Liebschaften, sein Brotberuf, seine Freunde, seine Zukunft: alles nur noch eine bröckelnde Fassade, ein Traum- und Lügengespinst, kurz vorm endgültigen Einstürzen. Dass etwas aus dem Lot ist, ahnt man gleich zu Beginn des Romans: da treffen sich an Karfreitag Frank und seine Ex-Frau auf dem Friedhof, eines ihrer drei Kinder ist kürzlich gestorben und das hat ihr Leben und ihre Ehe völlig zerfressen. Während sie am Grab des toten Sohnes stehen, sich gegenseitig trösten und Gedichte vorlesen, erinnert sich Frank an alle seine Verfehlungen, Lügen und vergeblichen Hoffnungen, das Leben mit larmoyantem Zynismus irgendwie zu meistern. Frank liebt seine Ex-Frau noch immer über alles, aber er wird sie immer wieder  enttäuschen, sich mit dem Mittelmaß zufrieden geben, Zuflucht bei schönen, jungen Frauen suchen.

Mit einer dieser Frauen, Vicki, wird er über Ostern nach Detroit fliegen, um einen ehemaligen Sportstar zu interviewen, der jetzt im Rollstuhl sitzt und sich als verbitterter Psychopath erweist. Frank und Vicki fliehen regelrecht aus dem eiskalten Detroit zurück ins beschauliche Haddam, doch auch der Besuch bei Vickis Familie wird ein Desaster, denn Vicki erkennt deutlich, dass Frank zwar gern mit ihr schläft, aber ansonsten ein gefühlloser Schwätzer ist und sich nicht die Bohne für sie interessiert. Als Frank zudringlich wird, streckt Vicki ihn mit einem Kinnhaken nieder und schmeißt ihn raus.

Als wäre das nicht schon genug Unheil, erschießt sich auch noch Walter, ein Freund von Frank, der nach der Trennung von seiner Ehefrau in große Gefühlsverwirrung stürzt und seine homoerotischen Neigungen entdeckt, die er unterdrücken und - im wahrsten Sinne des Wortes - abtöten muss. Frank erlebt all das, als würde er durch klebrige Watte waten, doch dann - im Angesicht der größtmöglichen Katastrophe - fühlt er sich plötzlich befreit und schwerelos: Etwas Neues liegt vor ihm, er weiß nicht, was es sein wird, er weiß nur, er hat große Lust, es auszuprobieren: Es geht Frank wie dem ganzen kaputten Land: die Fassade steht noch, aber sie bröckelt bereits, hinter dem schönen Schein lauert ein dunkler Abgrund, der alles ins Chaos reißen oder einen zu neuen Ufern führen könnte.

Literaturnobelpreis?

Richard Ford wird immer wieder als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt: verdient hätte er ihn allemal, denn es gibt nur wenige Schriftsteller, die literarisch so stilsicher und böse ihren Finger in die offenen Wunden der Zeitläufe legen und mit eleganter Lässigkeit die großen Fragen der Politik mit der privaten Geschichte eines Durchschnittsbürgers wie Frank Bascombe legen können, der vom Schriftsteller zum Sportreporter und in späteren Romanen zum Immobilienmakler wird.

Erhalten wird er den Preis wohl nie, genauso wenig wie John Updike und Philip Roth. Ford ist, wie er mir einmal vor einigen Jahren lächelnd sagte, zu weiß, zu männlich und zu amerikanisch, also das genaue Gegenteil dessen, was die Stockholmer Jury bevorzugt. Aber seit dem jüngsten Jury-Skandal werden die Karten grade neu gemischt: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Frank Dietschreit, kulturradio

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