Cover: Barbara Comyns: Die Tochter
Marix Verlag
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Roman - Barbara Comyns: "Die Tochter"

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Ein junges Mädchen wächst wie Aschenputtel in einer brutalen Welt auf. Es kann sich nicht wehren – und bleibt, was es immer war: Die Tochter eines bösartigen Vaters.

1959 erschien dieser Roman zum ersten Mal und brachte seiner Autorin endlich die er­sehnte Aufmerksamkeit und den literarischen Erfolg. Graham Greene zum Beispiel schrieb damals hymnisch über dieses Buch, das von Leid und Schrecken und von einer phantastischen Gabe handelt.

Eine Geschichte, in der die Heldin nur selten Freude erfährt

Die 17jährige Alice wächst in einem düsteren Elternhaus auf. Der Vater ist ein jähzorni­ger, egoistischer Tierarzt, der seine Frau nur wegen des Geldes geheiratet hatte und sie nun ebenso hasst wie die Tochter, die kein Sohn geworden ist.

Über die kranke und ängstli­che, um alles Glück betrogene Mutter, die traurig von ihrer frohen Kindheit auf dem Land erzählt, heißt es gleich am Anfang: "Sie hatte kleine Knochen und hän­gende Schultern; außerdem waren ihre Zähne nicht gerade; wäre sie ein Hund gewesen, hätte mein Vater sie eingeschläfert".  Dieser Satz hallt in seiner Brutalität und Klarheit lange nach, und er legt auch schon die Spur in eine Geschichte, in der die Heldin nur selten Freude erfährt.

Nach dem Tod der Mutter bringt der Vater eine vulgäre neue Frau ins Haus. Das Mäd­chen wird zur Dienstmagd wie im Märchen, aber es rettet sie kein strahlender Held. Stattdes­sen wird ein dicklicher junger Mann, der Tierarzt ist wie der Vater, zum einzigen Freund und potentiellen Bräutigam.

Er schickt sie für eine Weile aufs Land als Gesell­schaf­te­rin seiner depressiven Mutter. Hier wird sie zum ersten Mal frohe Stunden erle­ben, sich an der Natur erfreuen, den Müßiggang genießen - und sie wird einen jun­gen attraktiven Mann aus besseren Kreisen kennenlernen. Mit ihm erlebt sie in aller Un­schuld ein paar glückliche Tage, bis er das Interesse an ihr verliert.

Und dann bringt sich die alte Frau um, und Alice muss zurück nach London, wo sie wieder nur Schrecken und Düster­nis erwarten.

Die Kraft kindlicher Ima­gina­tion

Barbara Comyns (1907-1992), die offenbar eine ähnlich trostlose Kindheit erlebt hat wie ihre Heldin, erzählt eine eindrucksvolle und phantastische Schauergeschichte. Denn ihre naive und ängstliche Heldin verfügt über eine Fähigkeit, der sie am Ende im wahren Sinn des Wortes zum Opfer fal­len wird: Sie kann levitieren, also sich in die Luft erheben und frei schweben. Diese Fähig­keit macht sie zur Außenseiterin, die sie nicht sein will und zum Spielball geldgieri­ger Männer.

Barbara Comyns - über die die englische Schriftstellerin Jane Gardam schrieb, sie habe sich die Kraft kindlicher Ima­gina­tion erhalten -  hat ein bewegtes Leben geführt. Eine frühe Ehe scheiterte bald, um ihre beiden Kinder durchzubringen, arbeitete sie als Im­mobilienmakle­rin und als Köchin, sie züchtete Pudel und verkaufte Oldtimer. Auf Fotos sieht sie aus wie eine Hollywooddiva. Vor allem aber war sie auch bildende Künstle­rin.

Jane Gardam erzählte, wie ihr dieser Roman von Barbara Comyns (die mit ihrem zwei­ten Ehemann lange in Spanien gelebt hatte) einst von einer Bibliothekarin empfohlen worden war. Sie hatte nach guten neuen Romanen gefragt in ihrer kleinen Londoner Nachbarschafts-Leihbücherei und be­kam die Antwort: Es gäbe keinen guten englischen Roman seit "Die Tochter".

Endlich für ein deutsches Publikum zugänglich

Dass der Wiesbadener Marix Verlag mit der hervorragenden Übersetzung von Claudia Wenner diese Autorin endlich einem deutschen Publikum zugänglich macht, ist jeden­falls gar nicht genug zu loben.

Manuela Reichart, kulturradio

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