Cover: Wolf Biermann: "Barbara"
Ullstein
Bild: Ullstein Download (mp3, 4 MB)

Roman - Wolf Biermann: "Barbara"

Bewertung:

Vor gut zwei Jahren hat Wolf Biermann seine Autobiografie veröffentlicht, unter dem Titel: "Warte nicht auf bessre Zeiten!" Darin blickte der Liedermacher und Lyriker auf ein langes und bewegtes Leben zurück. Nun erscheint ein neuer Prosaband: "Barbara" heißt das Buch mit autobiografischen Texten, und es trägt den vielversprechenden Untertitel "Liebesnovellen und andere Raubtiergeschichten".

Die späten fünfziger und frühen sechziger Jahre sind es, in denen viele dieser Episoden spielen. Es ist die Zeit vor Biermanns Auftrittsverbot im Jahr 1965, in denen der Theatermann als Liedermacher Format gewann. Aber es sind weniger die großen Dinge, die im Mittelpunkt des Buches stehen, als vielmehr die interessanten Begegnungen am Rande, Freundschaften und Liebschaften, über die Biermann sich noch nicht auserzählt hat.

Der Band versammelt achtzehn locker assoziierende Texte, die meisten zwischen zehn und zwanzig Seiten lang. Und wie das bei Wolf Biermann so ist: Vieles ist eine Gratwanderung zwischen dem Wunderbaren und dem Nervtötenden. Biermann ist ein Meister der Selbstinszenierung, dabei häufig ein bisschen zu sehr in seine schönen Formulierungen, seinen Witz verliebt.

Den DDR-Bonzen den Hitlergruß zeigen

Auch diesmal setzt er sich wieder gehörig in Szene. Obendrein erfährt man einiges über die Hintergründe seiner alten Gedichten und Lieder. Der "Kohlen-Otto" zum Beispiel, über den Biermann vor zwanzig Jahren ein Lied aufnahm, hat wirklich existiert: Ein kohlenschwarzer Malocher aus Berlin, der sich abends in Schale wirft und dann mit einem Blumenstrauß in der Hand von Kneipe zu Kneipe tingelt, um mit Frauen anzubändeln.

Eines Tages verschwindet Kohlen-Otto für zwei Jahre zum Strafdienst. Warum? Weil er sich am frühen Morgen auf einer Straßenkreuzung postiert und den vorbeifahrenden DDR-Bonzen im Suff den Hitlergruß gezeigt hat – nicht als faschistische Geste, wohlgemerkt, sondern als anti-sozialistische. Über seine Zwangsarbeit im Steinbruch sagt er stoisch: "Det war nich schlimm. Weeste, Biermann, arbeetn ... musste überall!"

Es sind solche schief ins Leben gebauten, unverwüstlichen, herzhaften Existenzen, die Biermann in diesem Buch besingt. Und eins muss man Biermann lassen: Mag er auch ein Egozentriker vor dem Herrn sein, er liebt nicht nur sich selbst, sondern auch diese einfachen Menschen: den Kohlenträger, die Rotzgöre im Berliner Hinterhof, den Ostberliner Proletarier, der in der Kneipe seinen Frust über das System raushaut.

Ein anzüglicher Liebhaber der Frauen

Problematisch wird es, wenn Biermann die Frauen liebt – nicht nur für ihn, sondern auch für die Leser. Ausgerechnet in den ersten Texten des Bandes geht es um erotische Eskapaden des – damals – notorisch untreuen Biermann. Der chauvinistische Ton dieser Texte ist schwer erträglich. Da liegt eine Frau auf dem Bett "wie eine entschalte Banane" und Biermann witzelt anzüglich über sein "Zentralorgan". Männer, die mit ihren Seitensprüngen prahlen, sind schon für sich genommen eine peinliche Spezies. Die Art, wie Biermann seine erektilen Wonnen und Nöte sprachlich umsetzt, macht es nicht besser.

Wer diese ersten Texte gnädig überspringt, sieht sich jedoch bald entschädigt. Die titelgebenden Barbara wird gegen Ende des Bandes zwar auch als "aufreizendes Weib" eingeführt, erweist sich dann aber als eine jener flüchtigen Begegnungen, die gerade wegen ihrer Flüchtigkeit bleibenden Eindruck hinterlassen. Hier findet Biermann einen etwas zarteren, verhalteneren Ton.

Der Wahnwitz des zwanzigsten Jahrhunderts

Vor allem aber gibt es in diesem Buch Bilder und Episoden, in denen der Wahnwitz des letzten Jahrhunderts wie unter einem Brennglas gebündelt wird. Ein Beispiel: Ein jüdischer Historiker und Freund Biermanns floh einst vor den Nazis von Wien nach Israel. Einige Jahre später, im Palästinakrieg, liegt er in einer Schützenkette, mit einem Maschinengewehr in der Hand, das die Sowjetunion zur Unterstützung geschickt hat. Doch die Waffe stammt aus alten Wehrmachtbeständen, es prangt noch ein Hakenkreuz darauf. Damit verteidigt der Israeli nun seinen neugegründeten Staat.

Solche schmerzhaft-absurden Pointen inszeniert Biermann mit einem ausgezeichneten Sinn für Timing. Sicherlich ist Biermann eher ein Anekdotenerzähler als ein literarisches Schwergewicht. Aber als solcher ist er lesenswert – wenn er nicht gerade einen seiner schweren Anfälle von Altersobszönität erleidet.

Steffen Jacobs, kulturradio

Weitere Rezensionen

Brendan Simms: "Die Briten und Europa. Tausend Jahre Konflikt und Kooperation"
DVA Verlag

Sachbuch - Brendan Simms: "Die Briten und Europa. Tausend Jahre Konflikt und Kooperation"

In seinem fesselnden Ritt durch 1000 Jahre der Beziehungen zwischen den Briten und Europa konzentriert sich der irische Cambridge-Professor (mit deutscher Mutter) auf die Außenpolitik und den Verfassungsrahmen. Der geographischen Tatsache, dass England eine Insel ist, kann er nicht widersprechen. Aber die Geschichte der Briten versteht er - anders als manche seiner Kollegen - nicht als Inselgeschichte.

Bewertung:
Toby Binder: Wee Muckers. Youth of Belfast
Kehrer Verlag

Fotoband - Toby Binder: "Wee Muckers. Youth of Belfast"

Wenn es mit dem Brexit zu einer "harten Außengrenze" zur Republik Irland kommt, könnten in Nordirland alte Wunden zwischen Katholiken und Protestanten wieder aufbrechen. Der Fotograf Toby Binder hat mit seiner Kamera das Alltagsleben und die Stimmung unter den Jugendlichen der Region ausgelotet.

Bewertung:
Svenja Flaßpöhler, Florian Werner: "Zur Welt kommen. Elternschaft als philosophisches Abenteuer"
Blessing Verlag

Sachbuch - "Zur Welt kommen. Elternschaft als philosophisches Abenteuer"

Svenja Flaßpöhler und Florian Werner, eine Philosophin und ein Literaturwissenschaftler, sind ein Paar und haben zusammen zwei Kinder. Bei dieser Konstellation kann man sich gut vorstellen, dass am Familientisch zwischen Lätzchen und Babybrei durchaus auch über die philosophischen Dimensionen der Elternschaft diskutiert wurde.

Bewertung: