Charles Lewinsky: "Der Stotterer"
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Roman - Charles Lewinsky: "Der Stotterer"

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Charles Lewinsky ist ein gefragter Drehbuchautor und Fernsehproduzent aus der Schweiz. Auch als Schriftsteller ist der Zweiundsiebzigjährige seit Jahrzehnten produktiv und erfolgreich. Nun ist ein neuer Roman von ihm erschienen.

"Der Stotterer" erzählt die Geschichte des Johannes Hosea Stärckle. Der Mann mit dem klangvollen Namen lebte nicht etwa zu biblischen Zeiten, sondern ist ein Zeitgenosse mittleren Alters und war sein ganzes Leben lang – der Titel sagt es – ein starker Stotterer. Gleichzeitig besitzt er ein ausgeprägtes Sprachtalent: Er kann großartig schreiben, ist witzig und klug und liebt es, mit der Sprache zu spielen. Ungebildet ist er auch nicht: Schopenhauer ist sein Lieblingsphilosoph, von ihm kann er reihenweise die schönsten Sentenzen zitieren.

Die stärkste Waffe der Schwachen

Schopenhauer konnte, wir wissen es, scharfzüngig und erbarmungslos formulieren. Etwas von dieser Erbarmungslosigkeit und Schärfe kennzeichnet auch den Lebensweg des Johannes Hosea. Über seine Herkunft sagt er: "Meine Familie war kleinkariert wie ein Kreuzworträtsel".

Den frommen Vornamen haben seine Eltern ihm verpasst, die einer christlichen Sekte angehörten. Der Vater, ein Buchhalter, hat den Sohn mit Sorgfalt und Hingabe verprügelt. Ganz schlimm wird es für Johannes Hosea, als der Sektenführer empfiehlt, auch das Stottern mit Schlägen zu kurieren – was natürlich nicht funktioniert.

Und so, quasi aus Notwehr, schärft unser Held die vielleicht stärkste Waffe der Schwachen: seine Gewitztheit. Obendrein entwickelt er ein perfektes Gespür für das, was andere Leute hören wollen. Er tut es zuerst, um Strafen zu entgehen, dann, um selbst zu strafen. Seine Rache an dem bigotten Provinzguru lässt Jahrzehnte auf sich warten, aber als sie kommt, ist sie fürchterlich.

Ein Betrüger mit Niveau

Auch in seinem weiteren Werdegang kommt das Talent zur sprachlichen Mimikry ihm zugute. Er hätte damit Schriftsteller werden können, sagt er, doch er wählt ein verwandtes Gewerbe und wird Trickbetrüger. Das Wort gefällt ihm allerdings überhaupt nicht. Viel lieber hat er den englischen Ausdruck "confidence artist", weil da noch der "artist" drinsteckt, der Künstler.

Eine seiner Spezialitäten ist der bekannte "Enkeltrick", bei dem er älteren Damen mittels klangvoller Briefe das Geld aus der Tasche zieht. Aber er tut es, glaubt er, mit Niveau. Er beraubt die gutgläubigen Damen nicht einfach ihrer Ersparnisse, er bietet ihnen im Gegenzug eine schöne Illusion von Drama und Liebe.

Das alles kann kein gutes Ende nehmen. Schließlich lässt die Eitelkeit ihn auf einen Trick der Polizei hereinfallen: der Leimer geht auf die Rute. So landet er im Gefängnis, wo der Leser ihm gleich zu Beginn des Buches begegnet. Der Gefängnispfarrer nimmt sich seiner an, und für ihn beginnt Johannes Hosea seine Geschichte aufzuschreiben. Weil er nicht aus seiner Haut kann, beginnt er mit den Erwartungen des anderen, also des Pfarrers, zu spielen.

Zu böse, um harmlos zu sein

Ob Johannes Hosea ein sympathisches Schlitzohr ist oder doch eher ein raffinierter Krimineller, diese Frage drängt sich dem Leser ständig auf. Seltsamerweise neigt der Mensch dazu, Hochstaplern die Daumen zu drücken – zumindest in der Literatur. Man denke an Thomas Manns "Felix Krull" oder – literarisch eine Etage tiefer, aber auch nicht schlecht – Thomas Lieven aus Johannes Mario Simmels "Es muss nicht immer Kaviar sein." Der Hochstaplerroman ist eine Unterart des Schelmenromans, und Schelmen sind einfach unwiderstehlich.

Charles Lewinsky macht es uns mit seinem betrügerischen Helden freilich nicht allzu leicht, und das ist gut so. Sein Roman ist zu böse, um harmlos zu sein. Im "confidence artist" steckt ja auch "confidence", das Vertrauen, und dieses Vertrauen gewinnt Johannes Hosea nur, um es zu missbrauchen. So befindet man sich als Leser desto mehr in einem moralischen Dilemma, je skrupelloser die Taten werden.

Vom Hochstapler zum Schriftsteller

Doch der Roman bietet nicht einfach eine Aneinanderreihung von Husarenstücken. Zu den Briefen an den Pfarrer gesellen sich alsbald Tagebucheinträge, die erahnen lassen, dass die spöttische, wortgewitzte Selbstdarstellung einen sensiblen Persönlichkeitskern schützt. Schließlich schlägt der Hochstapler, wiederum auf Betreiben des Pfarrers, tatsächlich den Weg des Schriftstellers ein. Mehrere Kurzgeschichten sind über das Buch verstreut, und in allen liest man sich sofort fest. Die Manipulation funktioniert auch hier: Johannes Hosea weiß, was Leser wünschen. Charles Lewinsky natürlich auch.

Lewinsky hat mit "Der Stotterer" alles richtig gemacht: Er hat einen intelligenten Helden erschaffen, dem man gern folgt; und er hat aus einer launigen Grundkonstellation eine zunehmend in die Tiefe gehende Handlung entwickelt, die auch einige brenzlige moralische Fragen stellt. "Der Stotterer" ist ein schöner Neuzugang im raren Genre des Hochstaplerromans und ein Paradebeispiel für einen anspruchsvollen Unterhaltungsroman.

Steffen Jacobs, kulturradio

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