Cover: Elena Ferrante
Suhrkamp
Bild: Suhrkamp Download (mp3, 5 MB)

Roman - Elena Ferrante: "Frau im Dunkeln"

Bewertung:

Elena Ferrante nimmt uns als Ich-Erzählerin Leda mit auf eine Irrfahrt in die Abgründe der Erinnerungen und führt uns schmerzlich vor Augen, dass wir oft Entscheidungen treffen, deren fatale Konsequenzen wir nicht vorhersehen. 

Angeblich stammt sie aus Neapel, und angeblich ist sie auch keine hauptberufliche Schriftstellerin. Das jedenfalls hat die Frau, die unter dem Pseudonym Elena Ferrante auftritt und mit ihrer vierbändigen "Neapolitanischen Saga" ein Millionen-Publikum faszinierte, in einem ihrer wenigen Interviews mitgeteilt, die sie immer nur schriftlich führt. Die Geheimnistuerei um ihre Identität hat das Interesse an der Autorin eher beflügelt und führt dazu, dass nach dem gigantischen Erfolg der "Neapolitanischen Saga" der Hunger nach weiterem Lesestoff groß ist. Weil es aber keinen neuen Roman der Autorin gibt, hat man einfach einen älteren wieder aufgelegt, der vor 13 Jahren, als noch niemand den Namen Elena Ferrante kannte, in Deutschland nicht so recht wahrgenommen wurde: "Frau im Dunkeln".

Irrfahrt in die Abgründe der Erinnerungen

Wenn es nur eine "Frau im Dunkeln" gäbe, wäre es leicht und wohl auch ein bisschen langweilig. Horcht man in die Erzähl-Weise des Romans und in die Geschichte der mysteriösen Autorin hinein, entdeckt man mindestens drei Frauen, die sich im Text verstecken und nur schwer zu enträtseln sind: Da ist zum einen das ironische Spiel mit der eigenen Identität, der Wunsch, hinter dem Werk verschwinden zu wollen, die erklärte Absicht, Werk und Autorin strikt voneinander getrennt zu halten.

Das öffnet literarischen Spielereien und Spekulationen Tür und Tor, gerade wenn wir, wie in diesem Falle, eine Ich-Erzählerin vor uns haben, die eigentlich keine Schriftstellerin ist, sondern eine Professorin, die uns unbedingt eine wichtige Begebenheit aus ihrem Leben beichten möchte.

Elena Ferrante, die übergriffigen journalistischen Recherchen zufolge die Übersetzerin Anita Raja sein könnte, nimmt uns als Ich-Erzählerin Leda mit auf eine Irrfahrt in die Abgründe der Erinnerungen und führt uns schmerzlich vor Augen, dass wir oft Entscheidungen treffen, deren fatale Konsequenzen wir nicht vorhersehen.

Doch je mehr Leda von sich erzählt, desto deutlicher wird, dass in ihr mindestens zwei Personen wohnen, dass hinter der Fassade der gutbürgerlichen Frau noch eine andere, dunkle Existenz haust, die ein gefährliches und rätselhaftes Spiel treibt. Der Erzähl-Vorgang gleicht dabei einer russischen Holzpuppe: Es kommen immer neue und geheimnisvollere Details zu Tage und neue Versionen von Leda, die sich selbst in einen Kriminalfall hinein manövriert: Das jedenfalls legt das mysteriöse erste Kapital nahe, von dem aus die Geschichte in einer Art Rückblende erzählt wird.

Ein folgenschweres Unheil

Die Ich-Erzählerin berichtet, dass sie auf der Flucht ist: Sie schlingert hektisch mit ihrem Auto über eine vielbefahrene Straße, kracht in die Leitplanke und wacht schließlich in einem Krankenhaus wieder auf. Aber sie erklärt nicht, was wirklich geschehen ist: rätselhaft bleibt, warum sie bei ihrem Unfall kaum Verletzungen erlitten hat, aber unterhalb der Rippen eine blutige Stichwunde von einem spitzen Gegenstand, vielleicht von einem Messer aufweist. Sie lässt im Dunkeln, ob sie Opfer eines Angriffs wurde oder selbst eine Täterin auf Abwegen ist. Ob ob vielleicht alles nur ihrer krause Fantasie entspringt oder ein böser Traum ist, aus dem die "Frau im Dunkeln" verzweifelt versucht aufzuwachen.

Und der Leser fragt sich, ob das, was Leda aus den Untiefen der Erinnerung emporzieht, wirklich die Wahrheit ist oder nur, wie fast ihr ganzes Leben, eine einzige große Lüge und ein fataler Selbstbetrug. Leda berichtet, dass ist fast fünfzig ist, geschieden, Englisch-Professorin an der Uni von Florenz. Ihr Ex-Mann und ihre erwachsenen Töchter leben inzwischen in Kanada. Sie ist ein bisschen einsam und beschließt, den heißen Sommer in einem süditalienischen Küstenort zu verbringen, packt ihre Sachen und Manuskripte ein und fährt los. Der Leser denkt, ach, das kann ja doch ganz erholsam werden, zeigt doch das Buch-Cover eine harmlos- idyllische Sommer-Szene am Meer: Kinder baden, halbnackte Menschen räkeln sich träge in der Hitze. Und so liegt auch Leda am Strand, liest viel und döst in der Sonne, hat ein kleines Techtelmechtel mit einem jungen Studenten, der im Sommer als Bademeister am Strand jobbt und den Urlaubern die Sonnenschirme und Liegen herrichtet.

Doch die Idylle wird jäh gestört durch eine lärmende neapolitanische Großfamilie, die sich am Strand ausbreitet wie eine finstere Heuschrecken-Plage. Leda beobachtet das laute Treiben, studiert die familiären Rituale. Vor allem eine junge Frau hat es ihr angetan. Sie ist irgendwie anders, sieht unglücklich aus und scheint auf dem Sprung zu sein, irgendeine Dummheit zu begehen oder in ein unbekanntes Abenteuer aufzubrechen. Leda fantasiert sich in das Leben dieser Frau hinein, die von ihrer quengelnden Tochter genervt ist und vielleicht die bürgerliche Fassade zerschlagen möchte. In einem unbeobachteten Moment lässt sich Leda zu einer seltsamen Tat hinreisen: Sie nimmt die geliebte Puppe der kleinen Tochter an sich, versteckt sie tagelang in ihrer Wohnung, redet mit der Puppe wie mit einem eigenen Kind und beschwört mit ihrer unbedachten Handlung ein folgenschweres Unheil herauf.

Eine literarische Schnitzeljagd

In der jungen unzufriedenen Frau, die ausbrechen möchte aus ihrem Alltags- und Ehe-Frust, sieht sich Leda selbst wieder: Auch sie hat - das kommt allmählich ans Tageslicht - einmal von einem Tag auf den anderen alles hingeworfen, hat ihren Mann und ihre kleinen Töchter verlassen, hat als Wissenschaftlerin Karriere gemacht und ist erst nach drei Jahren wieder bei ihrer Familie aufgetaucht. Sie hat das damals dringend gebraucht, um sich weiter zu entwickeln, sich selbst zu erkennen, sich als Frau in einer von Männern dominierten Welt behaupten zu können.

Aber Schmerz und Schuld zerreissen sie noch heute. Deshalb ist sie jetzt auch hin und her gerissen, weiß nicht, ob sie der jungen Neapolitanerin bei ihrem Befreiungsversuch helfen oder sie lieber warnen soll vor den gravierenden Folgen ihrer Entscheidung. Immer tiefer gerät Leda in den Strudel ihrer Erinnerungen, und immer gefährlicher wird ihr Spiel mit der jungen Frau und deren gewalttätigen Mafia-Familien-Clan.

Die Erzählerin balanciert gekonnt zwischen Traum und Wirklichkeit. Es ist eine literarische Schnitzeljagd und ein verwirrendes Psychodrama. Eine längst fällige Entdeckung eines Romans, der vor bisher nicht die ihm gebührende Aufmerksamkeit hatte - und der uns eine etwas andere Elena Ferrante präsentiert: eine, die nicht nur raumgreifend erzählen kann wie in der "Neapolitanischen Saga", sondern kurz und knapp, geheimnisvoll und hintergründig und immer so, dass vieles im Dunklen und das Wichtigste oft ungesagt bleibt - und vom Leser selbst weiter fantasiert werden muss. Extrem spannend und literarisch auf höchstem Niveau.

Frank Dietschreit, kulturradio

Weitere Rezensionen

Alexander von Schönburg: Die Kunst des lässigen Anstands
Piper Verlag

Sachbuch - Alexander von Schönburg: "Die Kunst des lässigen Anstands"

Alexander von Schönburg hat sich auf Gesellschaftsthemen spezialisiert: Wie man kunstvoll verarmt, wie man richtig Smalltalk macht, was man schon immer über Könige wissen wollte – das sind die Themen, die diesen waschechten Grafen und seine Leser umtreiben. Sein neues Buch schlägt in eine ähnliche Kerbe.
Bewertung: