Herta Müller: Im Heimweh ist ein blauer Saal
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Collagen und Gedichte - Herta Müller: "Im Heimweh ist ein blauer Saal"

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Herta Müller sammelt Wörter. Sie findet sie in Zeitungen und Zeitschriften, unterwegs oder zu Hause. Sie sind bunt, mal groß, mal klein, mal in Schreibschrift, mal in Versalien. Herta Müller schneidet die Wörter aus und baut daraus ihre Collagen. Das sind Bilder aus Wörtern.  

Es reicht nicht aus, sie zu hören. Man muss sie auch sehen. Aus einem Wort folgt das nächste. Aber nicht, weil der Satz schon feststünde, sondern gerade weil der Sinn von Wort zu Wort springt.

Dichten mit Schere und Klebstoff ist etwas anderes als Schreiben. Anders als am Bildschirm ist ein Wort, wenn es aufgeklebt wurde, nicht wieder zu verrücken. Und anders als in einem geschriebenen Text bleibt jedes einzelne Wort ein Individuum. Selbst schlichte Artikel und Präpositionen haben ihre je eigene, unverkennbare Gestalt. Verse und Zeilenfall gibt es in diesen kompakten Schrift-Bildern ebenso wenig wie Satzzeichen, die allenfalls als Restmüll und ohne Rücksicht auf die Syntax an einzelnen Partikeln hängen geblieben sind. Manchen Wörtern ist ihre Herkunft noch anzusehen. Sie lassen erkennen, ob sie aus der dicken Schlagzeile eine Boulevardzeitung stammen oder aus seriöseren Quellen. Doch hier finden sie zusammen, unabhängig davon, ob sie einmal laut oder leise gedacht waren, ob sie in einem zärtlichen oder in einem vulgären Kontext standen. Diese Wörtercollagen wirken wie die bunte Kinderschar auf einem Schulhof, wo Herkunft und Hautfarbe keine Rolle spielen.

Wörter als Werkstücke

Neu ist das Verfahren nicht, Herta Müller hat schon einige Bücher nach diesem Prinzip gemacht. Begonnen hat sie damit, als sie 1987 aus Rumänien nach Deutschland kam. Weil sie die verbreiteten Ansichtskarten mit ihren künstlichen Farben so grässlich fand, kaufte sie sich Karteikarten und beklebte sie mit ihren Wörtern. Zunächst reichte noch ein Küchenbrett, um die ausgeschnittenen Wörter abzulegen. Bald bekamen sie einen eigenen, quadratischen Tisch, doch weil es immer mehr wurden und weil die herumliegenden Wörterschnipsel verstaubten und verklebten und zu Tausenden weggeworfen werden mussten, kamen sie schließlich in ein Wörterschränkchen mit Schubladen. Wörter als Werkstücke: Das Arbeitszimmer wurde zur Werkstatt, in der Gedichte zusammengeleimt werden.

Eine Voraussetzung der Collagen ist die Vielfalt der bunten Pressewelt, in der es so unterschiedliche Erscheinungsweisen einzelner Wörter gibt und nicht bloß graues Papier. Der Überfluss und der Glanz der gedruckten Wörter habe, wie Müller in einem kleinen Vorwort erklärt, auch mit der Lust daran zu tun gehabt, dass sie im Westen offen herumliegen dürfen. Ihre Vielfalt sei das Gegenteil von Zensur.

Dichterin

Was ist ein Gedicht – und wie entsteht es? Herta Müllers Collagen geben darauf eine eigene, besondere Antwort. Die Eingebung stammt nicht aus einer wie auch immer gearteten Seelentiefe oder aus dem göttlichen Funken der Inspiration, sondern wächst aus den ganz äußerlichen Gegebenheiten. Wenn daran etwas stört, dann eigentlich nur, dass Müller dabei oft noch zu sehr einem Sinn oder einer Pointe hinterherläuft. Dann übernehmen eben nicht die Fundstücke die Führung, sondern die Dichterin, die sich von ihrem Schnipsel-Spiel zu brauchbaren Resultaten oder überraschenden Reimen leiten lassen will. Wie bei jeder guten Kunst gilt aber auch hier, dass man die Absicht nicht bemerken darf.

Jörg Magenau, kulturradio

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