Jochen Veit: Mein Bruder, mein Herz; Montage: rbb
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Roman - Jochen Veit: "Mein Bruder, mein Herz"

Bewertung:

Dieses Buch ist eine echte Überraschung – ein ganz ungewöhnliches Debüt, das den Leser auf eine existenzielle Reise mitnimmt. Man könnte fast sagen: auf einen Trip mit vielen beklemmenden und verstörenden Erlebnissen. Nicht schön, aber intensiv.

Das alles trifft den Leser umso heftiger, als die Ausgangssituation ganz harmlos wirkt: Ein junger Mann Anfang dreißig besteigt in einer deutschen Großstadt den Zug und bricht zu seinem Elternhaus im Schwarzwald auf. Alles erscheint typisch, fast idyllisch: das alte Haus am Rand der kleinen Ortschaft, der unverstellte Blick in die Natur. Man möchte eigentlich gleich dort Urlaub machen.

Doch auf den zweiten Blick verdichten sich die bedrohlichen Eindrücke. Die kleine Ortschaft liegt "im Innersten des Gebirges", was ja fast schon nach einer geologischen Expedition klingt. Auch der Wald ist furchteinflößend, er dringt in einen ein, man "verinnerlicht" ihn, wie Stephan, der Ich-Erzähler, es ausdrückt. Stephan hasst den alemannischen Dialekt, er verachtet die Schwarzwaldtouristen, mit einem Wort: Er liegt überkreuz mit seiner Herkunft.

Abschied von den Eltern

Man glaubt, solche Geschichten schon hundertmal gelesen zu haben, und man ahnt zu wissen, wie es weitergeht: Die Begegnung mit den Menschen aus der Kindheit wird zu einer Begegnung der Hauptfigur mit sich selbst, die Dämonen der Vergangenheit werden erkannt und gebannt, der Held schließt seinen Frieden mit den eigenen Ursprüngen und kehrt ein paar Tage oder Wochen später menschlich gereift in die Stadt zurück.

Doch so ist es diesmal nicht. Jochen Veit zieht uns den Boden unter den Füßen weg, Stück für Stück. Sein Stephan wird einem schnell suspekt. Er fiebert und hustet und schwitzt, er lacht oft unmotiviert, und man fragt sich: Ist auf seine Wahrnehmung Verlass? Auch scheint er ein ganz in sich selbst verkapselter Mensch zu sein. Mit ihm möchte man sich nicht gern identifizieren.

Dann schlägt die Handlung unversehens eine kriminalistische Richtung ein. Im Elternhaus lebt nur noch der dreizehn Jahre jüngere Bruder. Die Eltern selbst sind schon seit Jahren verschwunden – man weiß nicht, warum oder wohin. Sie wurden für tot erklärt. Jetzt hat ein Freund der Familie den Ich-Erzähler gerufen, weil er sich Sorgen um den Bruder macht.

Ein Leben ohne Leere

Damit rückt vollends die Geschwisterbeziehung in den Mittelpunkt, die der Titel "Mein Bruder, mein Herz"“ verheißt. Stephan nennt den kleinen Bruder die "Klammer", die seine Erinnerungen an das Elternhaus zusammenhält. Für ihn hat er sich immer ein besseres Leben als das eigene gewünscht, vor allem eine lebensvollere Persönlichkeit: "weniger leer. Ohne die Löcher im Innern, die sich jedes Jahr weiter ausdehnen".

Der kleine Bruder ist aber gar kein kleiner Bruder mehr. Er wirkt mit seinen achtzehn Jahren sehr maskulin, sehr souverän, sogar bedrohlich. Und auf einmal steht ein doppelter Verdacht im Raum: Haben die Eltern den Bruder misshandelt? Hat er sie umgebracht? Hat Stephan ihn im Stich gelassen? Da entgleist dann die Geschwisterbeziehung, und an die Stelle der kriminalistischen Handlung tritt etwas ganz Anderes.

Was das ist, lässt sich schwer sagen. Es soll auch nicht zuviel preisgegeben werden. Vielleicht könnte man von einer apokalyptischen Zukunftsvision sprechen, von einer – freilich nur skizzenhaft ausgeführten – Dystopie. Doch auch wenn hier vieles im Unklaren bleibt, weiß Jochen Veit von Anfang an kleine Irritationspunkte zu setzen, die sich mit der Zeit zu einem verstörenden Gesamtbild verdichten.

Wo die Sittiche leben

Gleich zu Beginn, Stephan steht noch am großstädtischen Bahnhof, fliegen Papageienschwärme über den Himmel. Man stutzt, man denkt vielleicht: Es wird wohl Düsseldorf sein, wo tropische Sittiche frei leben. Aber Seite um Seite mehren sich die Hinweise darauf, dass entweder diese Welt eine ganz andere ist als die, die wir kennen, oder dass eben der Protagonist in seiner ganz eigenen Welt lebt.

Jochen Veit hat mit "Mein Bruder, mein Herz" einen eigenständigen, starken Erstling vorgelegt. Dies ist gewiss kein Buch für einen behaglichen Leseabend. Dies ist ein ungemütliches, krasses Buch, das gelegentlich an ambitionierte Horrorfilme erinnert. Es ist einem beim Lesen nie ganz wohl, weil auch die Hauptfigur körperlich und geistig immer mehr zerrüttet.

Aber eines steht außer Frage: Dieser Roman hat aufgeschlossene Leser verdient, und die seien ihm in großer Zahl gewünscht.

Steffen Jacobs, kulturradio

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Wie es sich so lebt in Brandenburg, davon handeln ja eine Menge unterschiedlicher Bücher. Okay, jetzt auch noch Sarah Kuttner.

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