Sarah Baxter: 500 Walks. Legendäre Erlebnis-Wanderungen weltweit
Bild: Knesebeck Verlag

Wandern - Sarah Baxter: „500 Walks. Legendäre Erlebnis-Wanderungen weltweit.“

Bewertung:

Auf der Internationalen Tourismus-Börse (ITB) werden in Berlin wieder die schönsten Urlaubsparadiese und die neuesten Reise- und Freizeittrends vorgestellt. Einer, der nie aus der Mode kommt: Wandern.

Wer im Urlaub nicht nur in der Sonne brutzeln oder durch Museen flanieren, sondern körperliche Herausforderung und geistige Entschlackung erleben möchte, besinnt sich neuerdings wieder auf eine von Moden und Marotten unbehelligte Freizeitbeschäftigung, die zugleich das ureigenste Fortbewegungsmittel des Menschen ist: das Wandern. Bevor man aber die Stiefel schnürt und den Rucksack umschnallt, sollte man sich genau überlegen, was man sich zumuten möchte und welche Touren einen besonders reizen könnten. Vielleicht kann dabei ein neues Buch behilflich sein, das den Titel trägt: "500 Walks. Legendäre Erlebnis-Wanderungen weltweit."  

Legendäre Wanderwege

Die britische Reise-Journalistin Sarah Baxter sammelt und beschreibt Wander-Pfade, die eine Geschichte haben und Geschichten erzählen, auf denen der Wanderer nicht nur sich selbst, sondern auch die ihn umgebende Natur und die am Wegesrand liegenden kulturellen Begebenheiten erleben kann. Wanderungen, bei denen man einzigartige Naturdenkmäler und historische Sehenswürdigkeiten bestaunen, Erd- und Menschheits-Geschichte erfahren kann, wie z. B. auf einer Wanderung an der Wiege der Menschheit, durch den "Großen Afrikanischen Grabenbruch" in Kenia, dort hat der Ur-Mensch das aufrechte Gehen erfunden. Oder eine von gleißender Sonne begleitete Wanderung um den Uluru, den Ayers Rock in Australien, der für die Aborigines spirituelle Bedeutung hat; oder eine fröhliche Wanderung auf dem malerischen Moselsteig, an dem sich römische und mittelalterliche Geschichte mit modernem Weinanbau treffen; oder eine Wanderung über den Inka-Trail hinauf zum sagenumwobenen Machu Picchu, der im Anden-Dschungel versunkenen Stadt der Inkas. Es kann aber auch nur ein kleiner Spaziergang auf dem Weg sein, den der versoffene Walisische Dichter Dylan Thomas an seinem 30. Geburtstag unternommen hat und heute eine lyrische Kultstätte ist; oder ein Streifzug über den Shakespeare-Weg ist möglich, an dem man Lebensstationen es genialen Schriftstellers und Bühnen-Berserkers  aus Stratford-upon-Avon ablaufen kann; oder ein Walk am Berliner Mauerweg, der ist immerhin 160 Km lang und verläuft immer entlang der ehemaligen brutalen Beton-Barriere. Es sind lange und kurze, einfache und beschwerliche Wanderungen, die oft gemacht und viel beschrieben und immer wieder eine spannendes Abenteuer versprechen, mit einem Wort: sie sind legendär. 

Zum Schmökern und Staunen

500 Wanderungen, beschrieben auf 400 Seiten: erste Anregungen und wertvolle Tipps, ein farbenfrohes, kurzweiliges Buch zum Schmökern und Staunen. Wer es genauer wissen und die Wanderung wirklich machen will, muss sich weiter führendes Material besorgen. Außerdem ist bei Sarah Baxter nicht alles gleich wichtig und nicht gleich umfangreich beschrieben. Sie nimmt eine Dreiteilung vor: Einige Wanderungen beschreibt sie ausführlich auf mehreren Seiten, mit allen Infos über Länge, Schwierigkeitsgrad, bester Reisezeit und stellt wunderschöne Fotos und Karten der Wander-Routen dazu, z. B. den Weg der "88 Tempel" auf der Insel Shikoku in Japan oder die Wanderung hinauf zum Kilimandscharo. Dann gibt es kürzere, halbseitige Wander-Beschreibungen, z. B. durch die spektakuläre "Samaria-Schlucht" auf Kreta oder den romantischen Weg, den Lord Byron einst durch Albanien gegangen ist und den er in einem Versepos besungen hat; und schließlich gibt es klitzekleine Appetithäppchen, Gedankensplitter, die nur ein paar Stichworte auflisten, z. B. über den "Adlerweg" in Tirol, eine Wander-Hommage an die Berg-Pioniere des 19. Jahrhunderts, oder über den "Snaefellsjökull", den Schneeberg in Island, von dem aus Jules Verne seine "Reise zum Mittelpunkt der Erde" gestartet hat. Es ist für alle Wander-Wünsche etwas dabei.

Geschichte und Kultur

Sarah Baxter schreitet nicht von Kontinent zu Kontinent, sondern - in sechs Kapiteln - durch die Zeit, durch die Geschichte und Kultur. Das erste Kapitel heißt "Urgeschichte" und versammelt Wanderungen, in denen man durch uralte Gebirge und hinauf auf feurige Vulkane steigt und man etwas über Geologie und die Entstehung der Erde erfährt, z. B. wandert sie über den "Appalachian Trail" im Osten der USA, eine Wanderung durch das wohl ältesten Gebirge der Welt, das vor 480 Millionen Jahren entstanden ist, der Weg ist schlappe 3524 Km lang, um ihn komplett zu durchlaufen veranschlagt die Autorin sechs Monate. Das zweite Kapitel trägt den Titel "Antike", Wanderungen von den Anfängen der Zivilisation bis 600 n. Chr., natürlich darf da der "Jesusweg" nicht fehlen, auf denen Jesus einst von Nazareth aus durch Galiläa wandelte; auch ein Weg hinauf zum griechischen "Olymp" ist dabei. Dann folgt ein Kapitel über das "Mittelalter", z. B. eine Wanderung am "Rheinsteig": entlang des Rheins säumen viele mittelalterliche Burgen den Weg; oder eine Wanderung durch den "Nationalpark Rapa Nur" auf den Osterinseln: dort kann man die riesigen mystischen Moai-Steinköpfe bestaunen. In einem Kapitel wandert man "Der Moderne entgegen" in einem anderen nähert man sich "19. Jahrhundert" und schließlich dem "20. Jahrhundert", und immer es sind Wege und Wanderungen, auf denen man mit Natur, Geschichte und Kultur konfrontiert wird - und mit legendären Gestalten, die diese legendäre Wege gegangen sind.

Selbst-Erfahrung

Sehr reizvoll erscheint mir der "South West Coast Path" in Südengland, schon weil die Anreise kurz und die Vorbereitungen gering sind, man die Wanderung spontan planen und machen kann: eine Küstenwanderung auf alten Schmugglerpfaden, vorbei an schroffen Klippen und durch versteckte Fischerdörfer, 1044 Km lang, das könnte man in einem Sommerurlaub schaffen. Auf keinen Fall würde ich jenen Teil des "Jakobswegs" gehen, der von den französischen Pyrenäen aus durch Nord-Spanien bis nach Santiago de Compostela führt: nicht dass ich die Gegend nicht mögen würde und keinen Sinn für spirituelle Einkehr hätte, aber seit einige Künstler und Entertainer den Weg gegangen und beschrieben haben und danach geradezu eine Völkerwanderung eingesetzt hat, kann mich das nicht mehr reizen. Wandern heißt für mich, den eigenen Körper spüren, die Natur beobachten, die Stille genießen, davon kann auf dem Jakobsweg längst nicht mehr die Rede sein. Dann doch lieber den "Arctic Circle Trail", 161 Km durch Westgrönland, durch unberührte Wildnis, fernab der Zivilisation, durch eine eisige, vom Klimawandel bedrohte Insel: das wäre für mich das wahre Natur-Abenteuer und die wahre Selbst-Erfahrung. 

Frank Dietschreit, kulturradio

Weitere Rezensionen

Alexander von Schönburg: Die Kunst des lässigen Anstands
Piper Verlag

Sachbuch - Alexander von Schönburg: "Die Kunst des lässigen Anstands"

Alexander von Schönburg hat sich auf Gesellschaftsthemen spezialisiert: Wie man kunstvoll verarmt, wie man richtig Smalltalk macht, was man schon immer über Könige wissen wollte – das sind die Themen, die diesen waschechten Grafen und seine Leser umtreiben. Sein neues Buch schlägt in eine ähnliche Kerbe.
Bewertung:
Lisa Brennan-Jobs: Beifang
Berlin Verlag

Sachbuch - Lisa Brennan-Jobs: "Beifang"

Lisa Brennan-Jobs ist die uneheliche Tochter aus einer frühen Beziehung des berühmten Apple-Gründers Steve Jobs. Jahrelang hat Steve Jobs seine Vaterschaft verleugnet. Jetzt legt Brennan-Jobs im Alter von vierzig Jahren eine Chronik ihrer Kindheit vor.

Bewertung: