Siri Hustvedt: Damals
rowohlt
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Roman - Siri Hustvedt: "Damals"

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Die Amerikanerin Siri Hustvedt, 1955 geboren, ist eine der bekanntesten Schriftstellerinnen ihrer Generation. Ihre bislang sieben Romane wurden in dutzende Sprachen übersetzt. Schon vor etlichen Jahren hat sie einen Roman über die New Yorker Kunstszene vorgelegt: "Was ich liebte" wurde ein internationaler Bestseller. "Damals" heißt ihr neuestes Buch, und auch hier geht es wieder um New York und um Kunst.

Der Roman erzählt von einer jungen Frau anfang Zwanzig, die aus dem ländlichen Amerika nach New York kommt. Ende der siebziger Jahre ist das, zu einer Zeit, als New York noch kein Reservat der Reichen ist, als manche Viertel, wo es heute höchst nobel zugeht, noch schmuddelig und gefährlich sind – und als man an der Upper West Side tatsächlich noch eine Zweizimmerwohnung für zweihundertzehn Dollar im Monat bekommt.

Dort also mietet sie sich ein, die junge Frau mit den Initialen S. H. – denselben wie Siri Hustvedt. Sie kommt aus bürgerlichen Verhältnissen, sie hat an einem Provinz-College Englisch studiert. Und sie ist eine leidenschaftliche Leserin, liebt die Bücher von Djuna Barnes, hat ein Faible für eine wenig bekannte deutsche Dadaistin. Jetzt hat sie sich ein hohes Ziel gesteckt: Im Verlauf eines Jahres will sie in New York einen eigenen Roman, eine Detektivgeschichte, zu Ende bringen.

Wenn Watson zu Holmes wird

Gottlob sitzt sie nicht bloß am Schreibtisch, sondern nutzt ihre Zeit, um New York zu erkunden, als Flaneurin zu Fuß und in der U-Bahn. S. H. erobert sich eine Stadt der vielen Facetten und Lebenswelten, und natürlich ist sie auch auf der Suche nach ihrer eigenen künftigen Lebenswelt. Sie schreibt ein Tagebuch mit dem rührenden, fast kindlich anmutenden Titel "Mein neues Leben". Sie führt, wie sie selbst sagt, ein Leben in permanenter Spannung.

Der Detektivroman, an dem sie schreibt, mutet zunächst noch sehr mädchenhaft an: eine altkluge Geschichte um einen halbwüchsigen Sherlock Holmes aus der amerikanischen Provinz, mit einem klugen, hübschen Mädchen als Watson. Doch während sie schreibt, wird der weibliche Watson immer mehr zum Sherlock Holmes – so wie die junge Autorin sich immer mehr zur Hauptfigur ihrer Biografie entwickelt. Siehe da, auch Sherlock Holmes hat die Initialen S. H..

Wenn ausgiebig Rückschau gehalten wird

Sie entdeckt ihr Frausein, ihre erotischen Wünsche, ihre Bisexualität. Das erfährt man freilich nicht aus der Detektivgeschichte, sondern aus der ziemlich detaillierten Beschreibung von Masturbationsfantasien (dieser erotische Aspekt erinnert an "Die unsichtbare Frau", einen frühen New-York-Roman von Siri Hustvedt). Parallel entwickelt sich ein weiterer Handlungsstrang, eine reale Detektivgeschichte mit einer neurotischen Nachbarin, die ein dunkles Geheimnis mit sich herumzutragen scheint.

Der Roman spielt also auf mehreren Ebenen: Es wird aus der Detektivgeschichte zitiert, aus dem Tagebuch der jungen Frau, aus den Monologen der Nachbarin, aus Briefen von Freundinnen. Hauptsächlich aber wird aus heutiger Sicht erzählt: S. H. ist inzwischen Anfang Sechzig, sie lebt immer noch in New York, und sie hat kürzlich bei ihrer Mutter die alten Aufzeichnungen wiedergefunden. Jetzt hält sie Rückschau, und zwar ausgiebig. Sehr ausgiebig!

Wenn Narziss in den Spiegel schaut

Keine Frage: "Damals" ist ein narzisstisches Buch. Penibel wird alten Befindlichkeiten nachgespürt, um sie anschließend haarklein mit neuen Befindlichkeiten zu kontrastieren. Unverkennbar trägt der Roman autobiografische Züge. Nichts gegen autobiografische Prosa. Doch wer autobiografisch schreibt, sollte über eine gewisse Distanz zu sich selbst verfügen, vielleicht sogar über Selbstironie. Davon findet man hier zu wenig.

Stattdessen ergeht sich Siri Hustvedt in ausschweifenden Reflexionen über das Erinnern, über das Vergehen der Zeit, über das Literaturschreiben. Viele dieser Sätzen klingen zunächst verführerisch gut: "Auch das Nie hat Zeit und Raum"; "Die Vergangenheit ist fragil wie Knochen, die mit dem Alter brüchig geworden sind"; "Während ich schrieb, wurde ich auch geschrieben". Doch wenn man genau hinhört, vernimmt man Plattitüden. 

Dann ist es zuviel der Selbstinszenierung

Vor allem aber stagniert die Handlung. Zwar kommen Männer ins Spiel (selten genügen sie den Ansprüchen der Hauptfigur), eine beste Freundin wird gefunden, eine Annäherung an die neurotische Nachbarin findet statt, diverse Geschichten schreiben sich fort. Aber letztlich dümpelt das Ganze vor sich hin.

"Damals" ist kein Buch für jeden, sondern ein Buch für Fans. Ein gewisser Hang zur Selbstinszenierung war schon in einigen früheren Büchern der Siri Hustvedt zu spüren. Diesmal hat sie es zu weit getrieben mit der Nabelschau.

Steffen Jacobs, kulturradio

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