Cover: "Love. Her. Wild."
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Gedichte & Notizen - Atticus: "Love. Her. Wild."

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Atticus nennt sich ein - angeblich - aus Kanada stammender Dichter. Er sei viel auf Reisen und wohne derzeit in Kalifornien, heißt es. Er veröffentlicht seine Texte auf Instagram und hat dort eine Millionen Follower. Jetzt sind seine Gedichte und Notizen auch in Buchform erschienen und von Singer-Songwriter Kilian Unger alias Liann ins Deutsche übersetzt worden. Den Originaltitel "Love. Her. Wild" hat man, vielleicht um dem globalisierten Zeitgeist der digitalen Moderne zu entsprechen, allerdings beibehalten. 

Normalerweise ist Lyrik eine Veranstaltung für Minderheiten und gilt im Buchhandel als Kassengift. Doch der Gedichtband schaffte es auf die Bestsellerliste der "New York Times". Dabei ist nichts neu und besonders, weder seine Gedichte noch er selbst als Schriftsteller: Genau darin liegt das ganze Geheimnis und der Grund seines Erfolges.

Atticus ist einfach nur der sensible, melancholische, romantische, sehnsüchtige und ständig nach den ganz großen Gefühle und den ganz großen Abenteuern schmachtende junge Mann, den man aus der Literaturgeschichte zur Genüge kennt: die "Times" hat ihn denn auch - leicht ironisch - als den "Lord Byron der Instagram-Generation" getauft.

Er ist der Liebling aller Schwiegermütter und der Traumprinz aller jungen Mädchen, und alles, was er über die Liebe und das Leben, das blaue Meer, den warmen Sand und den blutroten Sonnenuntergang, die leuchtenden Sterne am Firmament und die wilden Tänze im Abendlicht schreibt, ist schon - so oder so ähnlich - abertausende Male gedacht und beschrieben worden.

Atticus ist sicherlich nicht das, was er gern sein möchte, nämlich ein Poet: Aber er traut sich, das, was alle romantisch veranlagten Menschen denken und fühlen und lieber für sich behalten, forsch nach außen zu kehren, offen auszusprechen und dabei nicht vor Kitsch und Klischee zurückzuschrecken. Und genau dafür lieben ihn seine Follower auf Instagram und die Leser seines Buches.

Nur mit silberner Maske

Die Gedichte und Notizen werden von seinen Fans mit vielen Smileys und Herzchen überschütten, ständig sagen sie ihm, wie sehr sie ihn mögen und dass er genau das ausspricht, was sie auch schon immer dachten, aber nie zu sagen wagten, sie "liken" seine Texte und schicken ihm Fotos, auf denen man sieht, wie sie sich seine Gedichte auf die Haut tätowiert haben und Atticus am liebsten einverleiben und verschlingen wollen; und wenn Atticus in Indien oder in Deutschland ist und postet, wie toll es hier sei, wie nett die Menschen sind und wie schön das Land, dann laden sie ihn ein, doch bitte dringend auf einen Besuch bei ihnen vorbeizukommen.

Das Paradox besteht darin, dass im Zeitalter der digitalen Entfremdung und Anonymisierung sich die Menschen immer mehr nach tatsächlichen analogen Bemühungen und Begegnungen sehnen, sie sich im Internet aber Gedanken und Gefühle herbei fantasieren, die nicht real, sondern virtuell sind, nicht wirklich, sondern ausgedacht. Atticus ist zwar ein Mensch, aber vor allem eine Projektionsfläche für alle möglichen Wünsche und Utopien: Das unterstreicht er noch, indem er öffentlich nur mit einer silbernen Maske auftritt und niemand sein wahres Gesicht und letztlich auch niemand seine wahren Gedanke und Gefühle kennt.

Lyrische Lebenshilfe

Das erste Gedicht des Buches "Love. Her. Wild" geht so:

"Nichts / in der Liebe / ist so rein, / wie zwei Menschen, / die hoch in den Wolken / Luftschlösser bauen."

Und eines der letzten Gedichte des Bandes lautet:
"Ich hoffe, am Tage meines Todes / zu spät zu erscheinen, / verliebt / und leicht angetrunken."

Irgendwo dazwischen kann man lesen:
"Ich rauch´ nichts, / nur dich / und ein paar / Sonnenuntergänge" oder: "Folge deinen Sternen, du Narr, / das Leben ist zu kurz“, oder: „Neu Liebe / ist das beste Heilmittel / für verkommene / alte Liebe“, oder: „Sie hatte nichts an / außer Mondlicht / und ich nichts / als ein Lächeln“, oder: „Wir / sind / nie / allein. / Wir sind / Wölfe. / Wir / heulen / alle / zum selben / Mond."

Das ist - mit Verlaub - purer Kitsch, lyrische Lebenshilfe, poetische Selbsttherapie, esoterischer Quark und existenzieller Pudding, alles schön weich, wabbelig und garantiert knitterfrei: Mit der Brille ernsthafter Literaturkritik darf und sollte man das auf keinen Fall lesen.

Das geht über mehr als 200 Seiten so, jede Seite ein kleines lyrisches Appetithäppchen, von dem man nicht satt wird, damit daraus ein richtiges, nahrhaftes Buch wird, hat man viele Fotos dazu gestellt: Leicht bekleidete Frauen tanzen mit wehenden Haaren am Strand oder lesen, nur mit einer Bikinihose bekleidet, verträumt in einem Buch; ein geheimnisvoller Wald dampft im Abendlicht vor sich hin; ein riesiger Voll-Mond hypnotisiert uns macht uns zu heulenden Wölfen; und immer wieder schöne Männer und und schöne Frauen, die mit den Füßen im Meer stehen und in die weite Ferne und ins Offene schauen. Alles wirklich wunderschön, wahnsinnig weltflüchtig und eigentlich kaum auszuhalten.

Generation Instagram einfangen

Im Unterschied zum Buch ist auf Instagram der Ton lockerer, sind die Texte gemischter, die Fotos witziger und abwechslungsreicher: Da postet er nicht nur schwülstige Liebes-Plattitüden und kitschig-romanstierende Fotos, auf die allein sich der Buchverlag kapriziert hat, sondern auch alltägliche Erfahrungen, Reise-Erlebnisse, kuriose Begegnungen, fragt seine Follower, ob sie ähnliches auch schon erlebt hätten oder ihm das eine oder andere erklären könnten.

So entsteht ein Gespräch, ein Gedanken- und Bilder-Austausch, z. B. wenn Atticus ein altes Foto von einem lesenden James Dean ins Netz stellt, sich ihm wesensverwandt fühlt und sich auf die Reaktionen seiner Follower freut, oder wenn die Follower seine Gedichte mit ihren Fotos und seine Fotos mit ihren Gedichten kommentieren, die er dann wiederum kommentiert.

Das alles ist oft fürchterlich banal, aber es ist doch ein lebendiges Gespräch, ein sich selbst fortschreibender und unendlicher lyrisch-fotografischer Prozess. Der Gedichtband mit seiner klebrigen Ästhetik dagegen wirkt wie ein hilfloser und peinlicher Versuch, die auf Kurzmitteilungen spezialisierte Generation Instagram wieder einzufangen und für das alte und vielleicht demnächst absterbende Medium - das schöne Buch - zu gewinnen. Ich fürchte, hier werden Schlachten geschlagen, die bereits verloren sind.

Frank Dietschreit, kulturradio

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