tt17/Theater Basel: "Drei Schwestern" mit Liliane Amuat, Franziska Hackl, Barbara Horvath; © Sandra Then
Berliner Festspiele
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Theatertreffen 2017 - Theater Basel: "Drei Schwestern"

Bewertung:

Simon Stones Neufassung von Tschechows "Drei Schwestern" eröffnete nun das Theatertreffen, ein Gastspiel vom Theater Basel. Eine gute Entscheidung, die Inszenierung an den Anfang zu stellen – es ist eine kurzweilige, unterhaltsame und auch spannende Arbeit über junge Menschen von heute.

Zum diesjährigen Theatertreffen können nur acht der zehn "bemerkenswertesten" Inszenierungen anreisen – bei einer ist das Bühnenbild zu sperrig, bei einer anderen der Hauptdarsteller krank. Großes Pech im Vorhinein – das ein geglückter Festivalauftakt ja aber rasch in den Hintergrund rücken kann.

Gefeierte Schauspieler

Simon Stones Neufassung von Tschechows "Drei Schwestern" eröffnete nun das Theatertreffen, ein Gastspiel vom Theater Basel. Eine gute Entscheidung, die Inszenierung an den Anfang zu stellen – es ist eine kurzweilige, unterhaltsame und auch spannende Arbeit über junge Menschen von heute. Bei den Zuschauern kam das gut an, die Schauspieler wurden (zu recht!) mit viel Applaus gefeiert. Beim Theatertreffen darf man jedoch auch kaum mehr etwas anderes erwarten. Das Publikum hat sich seit einigen Jahren deutlich verändert, scheint mittlerweile sehr Event-entschlossen zu sein. Buh-Rufe, Türenknallen – das erlebt man hier nicht mehr. Es sei denn, es sitzt zufällig ein Haudegen wie Claus Peymann im Publikum. Der blieb aber am Eröffnungsabend unauffällig.

tt17/Theater Basel: "Drei Schwestern" mit Cathrin Störmer, Nicola Mastroberardino; © Sandra Then
Cathrin Störmer, Nicola Mastroberardino; © Sandra Then | Bild: Berliner Festspiele

Frauen von heute

Simon Stone hat die "Drei Schwestern" ganz und gar in unsere Zeit transferiert. Von Tschechow hat er nicht viel mehr als die Schwestern übernommen – zusammen mit ein, zwei Grundkonstellationen des Dramas. Olga, Mascha und Irina, die im Original in einem Landhaus in der Provinz das Leben an sich vorbeiziehen sehen und sich nach Moskau sehnen, sind hier Frauen von heute, die mit sich und ihrer narzisstischen Generation zu kämpfen haben. Irina zum Beispiel schreibt eine Seminararbeit über Flüchtlinge, hat sich aber noch nie die Mühe gemacht, einem Flüchtling leibhaftig zu begegnen. Der große Bruder Andreij wird zum drogensüchtigen IT-Fantasten umgedeutet, Tschechows Oberstleutnant Werschinin, der eine Affäre mit Mascha hat, ist hier ein Pilot.

In einer Zeit, in der jeder mal eben in den Flieger nach Moskau oder New York steigen kann, liegt die Sehnsucht der Figuren nicht mehr an einem unerreichbaren Ort, sondern in einer unerreichbaren Zeit und einem verlorenen Gefühl: Die Schwestern sehnen sich zurück nach der Geborgenheit ihrer Kindheit.

Komplett neu geschrieben

Auf der Drehbühne steht ein schickes Haus mit zwei Etagen, komplett verglast. Das ist das Ferienhaus der Familie, in das die Schwestern mit kompletter Entourage zu Geburtstagen oder an Weihnachten zurückkehren. Hier suchen sie nach dem verlorenen Glück, hier sind sie aber auch abseits vom Alltag, hier gerät man ins Nachdenken über das Leben. Das Haus dreht sich und wir schauen den Menschen in den verschiedenen Zimmern dabei zu, wie sie reden, streiten, trinken, schlafen, vögeln oder aufs Klo gehen.

Simon Stone hat das Stück komplett neu geschrieben – auf der Bühne ist kein Wort Tschechow zu hören. Die Leute mixen sich Mojito, quatschen über neuste Tweeds, über Berliner Hipster und Trump – das erinnert vor allem im ersten Teil an eine Sitcom, in der Pointe nach Pointe rausgehauen wird, aber nicht besonders viel passiert.

Gegenwärtig, aber wenig Tschechow

Stones "Drei Schwestern" sei die gegenwärtigste Tschechow-Inszenierung, die das Theater seit langem gesehen hat, heißt es seitens der Theatertreffen-Jury. Gegenwärtig ist die Inszenierung allemal – sie hat nur nicht mehr viel mit Tschechow zu tun. Sehr gut getroffen sind die modernen Zeitgeisttypen. Und auch die Stimmungen, die sich einstellen, wenn alle im Wohnzimmer gemeinsam Songs von Britney Spears oder David Bowie anstimmen. Da klingt die Tschechowsche Melancholie an, die sich zwischen Frustration, Erlebnishunger, Weltschmerz und Sinnsuche bewegt.

Konstruktionsfehler

Aber der Abend hat einen merkwürdigen Konstruktionsfehler. Der erste Teil besteht ganz und gar aus banaler, sich überlappender Konversation, aus dem Alltagsgerede dieser desorientierten Generation von Narzissten, es ist wie ein breiter Sound, bei dem aus Wirkungsgründen auch mal kräftig überzeichnet wird – so etwa, wenn Natascha, Andreijs Frau, als grobe, dümmlich quiekende Karikatur gezeigt wird. Nach der Pause aber kulminieren dann plötzlich die Schicksale und Tragödien. Irinas Verlobter erschießt sich, Olga outet sich als Lesbe, Mascha wird von ihrem Liebhaber verlassen, ihr Ehemann flippt aus, alle drei Schwestern haben einen lautstarken Nervenzusammenbruch. Das geht Schlag auf Schlag und irgendwie auch an die Nieren, aber bleibt doch auch sehr spektakelhaft.

Bei Tschechow schaut man den Menschen bei ihrem ergreifend ereignislosen Leben zu – hier aber wird alles auf Spitz und Knopf getrieben. Über gut gemachtes Effekttheater kommt das nicht wirklich hinaus.

Barbara Behrendt, kulturradio

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