"Der Tod und das Mädchen" © Hans-Otto-Theater/HL Böhme
Bild: Hans-Otto-Theater/HL Böhme

Hans-Otto-Theater Potsdam - Ariel Dorfman: "Der Tod und das Mädchen"

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Ariel Dorfman musste 1973 nach dem Militärputsch Chile verlassen. In seinem Stück geht es um die Frage, wie ein Land mit historischer Schuld umgehen kann.

Dorfman, Jahrgang 1942, war als Literaturwissenschaftler beratend für die Allende-Regierung tätig, musste nach dem Putsch 1973 das Land verlassen, ging in die USA, kehrte 17 Jahre später zurück – in ein zerrissenes Land mit Menschen, die schwer gezeichnet sind von den Folgen der Pinochet-Diktatur. Vor allem seelisch, denn viele der Täter sind – bis heute – nicht zur Verantwortung gezogen worden.

Sie glaubt ihren einstigen Folterer zu erkennen

Und in diese frühen 90er Jahre führt auch Dorfmans 3-Personen-Stück: Die Szene - ein Strandhaus am Pazifik, in dem der Anwalt Gerardo Escobar, der von der neuen Regierung gerade in eine Kommission zur Untersuchung von Diktaturverbrechen berufen wurde - mit seiner Frau Paulina das Wochenende verbringt. Ein Zufall führt den Arzt Dr. Miranda hierher, an dessen Stimme Paulina ihren einstigen Folterer zu erkennen glaubt, der sie im Gefängnis vergewaltigt hatte – zu den Klängen von Schuberts berühmtem D-Moll-Streichquartett "Der Tod und das Mädchen".

Paulina fesselt und bedroht den Peiniger, erpresst ein Geständnis und zwingt gleichzeitig ihren Mann, dieses Verhör voranzutreiben. Paulinas verständlicher Hass trifft auf das leidenschaftliche Plädoyer ihres Mannes, die Spirale der Gewalt nicht durch neue Wut fortzuführen.

"Der Tod und das Mädchen" © Hans-Otto-Theater/HL Böhme
"Der Tod und das Mädchen" © Hans-Otto-Theater/HL BöhmeBild: Hans-Otto-Theater/HL Böhme

Ein dialogintensives Kammerspiel

Bis zum Ende bleibt offen, ob der Arzt wirklich Schuld auf sich geladen hat. Es ist an uns, den Zuschauern, zu entscheiden, welche Haltung wir in diesem Disput zwischen Recht und Rache einnehmen. Egal, ob es um Diktaturaufarbeitung in Deutschland oder Polen geht, Südafrika oder eben Chile.

Regisseur Christian von Treskow, zum ersten Mal in Potsdam, setzt ganz auf das Konversationsstück, das dialogintensive Kammerspiel. Hierfür hat Ausstatterin Kristina Böcher ein luftiges Salon-Ambiente gesetzt. Durch eine breite Front bodentiefer Fenster geht der Blick über die Terrasse mit Campingstühlen auf einen abfallenden Strand mit filmisch bewegten Meereswellen in wechselndem Licht.

Fragen bleiben offen

Unübersehbar ist der Impuls der Regie, die durchaus redelastigen Momente quasi "aufzuheben". In einer der offenen Fensterhöhlen hängt eine Schaukel, die aus einem Tschechow-Stück stammen könnte und die ab und an von Paulina (oder auch ihrem Mann), warum auch immer, genutzt wird. Bei einigen Szenen sitzen wir, das Publikum, buchstäblich zwischen den Akteuren, so beim Disput zwischen Paulina und Gerardo über die Zulässigkeit von Gewalt gegen Verbrechen. Allerdings: Bei aller äußerlichen Bewegtheit- wenn Paulina mit dem Revolver fuchtelt oder sich Miranda geknebelt am Boden wälzt – mir war die psychische Bedrängnis der Figuren, ihre existenzielle Notlage, mitunter eher behauptet als glaubwürdig.

Philip Mauritz spielt den lavierenden, erkennbar verunsicherten Anwalt. Christoph Hohmann ist der joviale, leutselige Arzt, der seine stärkste Szene in dem erzwungenen Geständnis hat, das er leise, ja verhalten zu Protokoll gibt. Zu diesen beiden “Gestandenen“ des Potsdamer Ensembles kommt Katrin Hauptmann als Paulina. Sie zeigt uns eine überspannte, fahrige, traumatisch verstörte und bis in die Fingerspitzen verkrampfte Frau. Die erste Rolle für die Anfang-Dreißigjährige aus der Steiermark, jetzt im Potsdamer Ensemble – und das in einer insgesamt sehenswerten Aufführung, die einen bemerkenswerten Schluss hat: Da kommen die drei Akteure in festlicher Abendrobe zu uns in den Zuschauerraum. Gerardo und Paulina setzen sich in die erste Reihe. Sie, Paulina, dreht sich um zum Publikum, suchend. Die Fragen, die das Stück stellt, bleiben offen, sie werden an uns weitergereicht.

Roland Schneider, kulturradio

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