"Wozzeck": Gesine Forberger (Marie) und Andreas Jäpel (Wozzeck); © Marlies Kross
Marlies Kross
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Staatstheater Cottbus - Alban Berg: "Wozzeck"

Bewertung:

Hervorragendes Regiehandwerk und exzellente musikalische Leistungen: Hingehen. In dieser Qualität bekommen Sie den Wozzeck so schnell nicht mehr zu sehen!

Die Oper "Wozzeck" von Alban Berg ist eines der Schlüsselwerke der klassischen Moderne. Sie basiert in wesentlichen Teilen auf Georg Büchners Dramenfragment "Woyzeck". 1925 wurde sie an der Berliner Staatsoper uraufgeführt, nach 1933 von den Nationalsozialisten verboten. In den 1950er Jahren kehrte sie zurück auf die Spielpläne deutschsprachiger Opernhäuser, entscheidenden Anteil daran hatte der Dirigent Karl Böhm.

In den letzten zehn, fünfzehn Jahren gab es allerdings verhältnismäßig wenige Inszenierungen und so waren die Erwartungen an die "Wozzeck"-Premiere am Staatstheater Cottbus groß.

Die Inszenierung stammt von Christiane Lutz, einer jungen, noch nicht allzu bekannten Regisseurin, die in Wiesbaden geboren wurde und in Wien lebt. Und die musikalische Leitung lag in den Händen des Cottbusser Generalmusikdirektors, des Amerikaners Evan Christ.

Die Geschichte: aufwühlend & deprimierend

Wozzeck ist eine sehr aufwühlende, deprimierende Oper, ohne klassisches Happy-End. Alban Berg hat sie als Folge von Bildern, von Einzelszenen konzipiert, die die letzten Tage im Leben des Titelhelden zeigen und die immer ausweglosere Situation, in die er gerät.

Wozzeck ist ein einfacher Soldat, der sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält, um seine uneheliche Partnerin Marie und den gemeinsamen Sohn halbwegs versorgen zu können. Er begibt sich dabei auch in die Hände eines ominösen Doktors, der ihn als Versuchskaninchen missbraucht. Marie geht fremd, mit einem anderen Soldaten, einem Tambourmajor.

Wozzeck gerät, so würde man es heute sicher interpretieren, durch alle diese Umstände in eine Depression, bekommt Wahnvorstellungen. Er tötet Marie mit einem Messer und in der Folge erleidet er selbst den Tod im Wasser, er ertrinkt im Wahn sozusagen.

Revue des Grauens

Regisseurin Christiane Lutz macht aus dieser Tragödie eine Revue des Grauens. Die Revue, das ist ja eigentlich das Unterhaltungsgenre der 1920er Jahre gewesen, eine Folge von bunten Bildern, von positiven Höhepunkten. Und Christiane Lutz kehrt dieses Prinzip quasi um - ins Negative. Damit setzt sie die Konzeption des Komponisten ganz konsequent um.

Sie lässt, dass sieht man vor allem an den Kostümen - die Geschichte in der Entstehungszeit der Oper spielen - Mitte der 1920er Jahre. Es gibt nur wenige Requisiten. Das vermisst man aber nicht, da Christiane Lutz die Sängerinnen und Sänger exzellent führt, ich habe selten in einer Opernproduktion derart hervorragende schauspielerische Leistungen gesehen.

Z.B die Szene, in der Wozzeck Marie tötet, die läuft in Zeitlupe ab. Da hat sicher Alfred Hitchcock auch Pate gestanden. Da stockt einem wirklich der Atem, dazu Bergs Musik, die an der Stelle ganz seriell ist. Dass Oper so spannend inszeniert wird und ohne oberflächlich zu sein, das ist hervorragendes Regiehandwerk.

"Wozzeck": v.l.n.r.: Dirk Kleinke (Hauptmann) und Andreas Jäpel (Wozzeck); © Marlies Kross
v.l.n.r.: Dirk Kleinke (Hauptmann) und Andreas Jäpel (Wozzeck); © Marlies Kross Bild: Marlies Kross

Geniales Bühnenbild: eine unüberwindliche Mauer

Das Ensemble agiert vor und hinter einer Mauer, die ungefähr vier mal so hoch ist, wie ein Mensch. Unüberwindlich. Man merkt schnell, dass diese Mauer eigentlich der Teil eines Kreises ist. Im Kreis spielen sich die entscheidenden Szenen ab, die Wozzeck in den Wahn treiben - also die Bett-Szene mit Marienheide dem Tambourmajor und die Sitzungen beim Doktor, der Wozzeck ja eine Bohnen-Diät aufoktroyiert, die ihn schleichend vergiftet.

Die unüberwindliche Mauer steht natürlich auch zwischen ihm und Marie mit dem gemeinsamen Sohn. Manchmal sie sich zwar, so dass zwei Halbkreise sich gegenüberstehen, aber sie bleibt, hat man den Eindruck trotzdem da, in den Köpfen der Protagonisten. Eine geniale Idee, die die österreichische Bühnenbildnerin Natascha Maraval umgesetzt hat. Mit ihr arbeitet Christiane Lutz schon einige Zeit zusammen. Ein eingespieltes Team.

Ein schlüssiges Konzept

Meist wird die Figur des Wozzeck als Opfer seiner Lebensumstände gedeutet - sprich, er kann letztendlich gar nichts dafür, dass er seine Partnerin umbringt und Selbstmord begeht. Ist da aber auch eigene Verantwortung dabei, ist er schuldig? Für Christiane Lutz ist Wozzeck in jedem Fall auch ein Mann, der aus eigenem Antrieb handelt.

Sie macht das sichtbar, indem sie die Handlung erweitert. Der Doktor gibt seinem Versuchskaninchen die Freiheit, selbst zu forschen. Er darf Molche unterm Mikroskop beobachten, darf sie aufschlitzen, Organe entnehmen und zusehen, wie diese Organe sich regenerieren. Molche können - das habe ich auch nicht gewusst - sogar ihr Herz regenerieren.

Und Wozzeck verfällt nun allmählich auf die Idee, Marie aufzuschlitzen, damit in ihr ein Herz wächst, das ihm in Liebe zugetan ist und nicht dem Tambourmajor. Er handelt vorsätzlich, ja, aber nicht mit böser Absicht, weil er ja denkt, dass seine Forschungsergebnisse auf den Menschen übertragbar sind. Also er ist schuldig, aber weil er einem Trugschluss aufgesessen ist. Und als er das merkt, verzweifelt er und geht selbst in den Tod. Ein schlüssiges Konzept!

"Wozzeck"; © Marlies Kross
© Marlies Kross | Bild: Marlies Kross

Auch musikalisch überzeugend

Auch die musikalischen Leistungen überzeugten. Das Sängerensemble war exzellent. Und komplett pro domo, allesamt Mitglieder des Ensembles des Staatstheaters Cottbus. Es gab keine Ausreißer nach unten. Bariton Andreas Jäpel war der perfekte Wozzeck.

Die Partie ist ja eine der schwersten überhaupt im Opernrepertoire, da ist alles gefragt: Vom lyrischsten Belcanto über Sprechgesang bis zum markerschütternden Schreien im Wahn, alles beherrschte er in Vollendung. Kongenial Sopranistin Gesine Forberger als Marie. Bei ihr gab es zwar ganz wenige leicht schrille Töne in den hohen Registern, aber das machte sie wett durch ihre geniale Schauspielkunst.

Begeistert hat mich ebenso das Orchester unter Leitung von GMD Evan Christ, der ja ein absoluter Experte für die Musik des 20. Jahrhunderts ist. Da stimmte jeder Einsatz, da wurden die Szenen, in denen nicht gesungen wird, zu kleinen sinfonischen Kunstwerken. Also mein Fazit: Hingehen. In dieser Qualität bekommen Sie den Wozzeck so schnell nicht mehr zu sehen!

Claus Fischer, kulturradio

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