Vladimir Jurowski; Foto: © Ermenegildo Zegna / IMG Artists
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Philharmonie Berlin - Musikfest Berlin | Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin: Antrittskonzert von Vladimir Jurowski

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Das Antrittskonzert von Vladimir Jurwoski als neuer Chef des RSB war erst einmal ein politisches Statement. Musik aus Gefängnis, Folter, Vertreibung, utopischer Vision des besseren Menschen, der erst einmal Mensch werden muss.

Isang Yun schrieb sein "Dimensionen" kurz nach der Entlassung aus dem Gefängnis 1970. Ewiger Atem der Orgel und Bläser-Klänge, einzelne Töne mit isolierter Existenz verbinden sich mit chaotischeren Klängen menschlichen Daseins, das aber eben nur ganz kurz währt. Jurwoski gestaltete plastisch, eindrücklich und bewegend, das Orchester folgte mit magischen Klängen.

Gegensätzlicher könnte Schönbergs Violinkonzert kaum sein: extreme Gesten, harsche Dissonanzen, Tanz, Clownerie, schmachtender Gesang der Spätromantik, komponiert nach seiner Vertreibung 1934. Ich habe dieses Konzert so das erste Mal wirklich gehört, ganz verstanden und wahrgenommen. Christian Tetzlaff erfüllte seinen Part atemberaubend, einerseits technisch stupend und blitzsauber (auch das eine Seltenheit!) - andererseits den Gehalt genau erfassend und dem Hörer kommunizierend. In Jurwoski und dem Orchester fand er kongeniale Partner: sensationell.

Die zweite Hälfte war dann problematischer. Luigi Nono komponierte Musik zu rezitierten Texten von Julius Fucik, einem tschechischen Kommunisten, der von den Nazis ermordet wurde. Folter und Todesvision, dabei unbeugsamer Optimismus. Das war politisch äußerst relevant angesichts von Politikern, die in grausiger Weise "die Leistungen der Wehrmacht im 1. und 2. Weltkrieg" gewürdigt wissen wollen. Musikalisch geht das aber genauso wenig auf wie Schönbergs "Überlebender aus Warschau".

Langweilig wird es nicht!

Fucik erwähnt dann Beethoven als menschliche Vision, deshalb folgte direkt die 5. Sinfonie. Sie ließ mich perplex und ratlos zurück. Völlig aufgepumpt, in irrsinnigem Pathos, so dass man auch den Eindruck haben konnte, es solle das Scheitern dieser Vision dargestellt werden. Das Orchester versuchte das umzusetzen, mancher Verlust an Koordination, sogar mit der Pauke, war zu beklagen. Eine extreme Sicht auf das Stück. Langweilig wird es mit diesem Chef sicher nicht werden

Clemens Goldberg, kulturradio

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