Nederlands Dans Theater: "Woke up Blind", © Rahi Rezvani
Haus der Festspiele
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Haus der Berliner Festspiele - Nederlands Dans Theater

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Mit dem Nederlands Dans Theater ist seit gestern Abend eine der besten Tanzcompagnien Europas zu Gast in Berlin. Beim letzten Gastspiel vor zwei Jahren wurde die Compagnie aus Den Haag vom Berliner Publikum mit Standing Ovations gefeiert.

Dieses Gastspiel war für das NDT nicht der rauschende Erfolg wie vor zwei Jahren - es gab keine Standing Ovations, die vier Choreographien des gestrigen Abends sind insgesamt auch etwas sperriger als beim letzten Auftritt. Das Publikum schien aber dennoch begeistert und am Ende berührt, nachdem Johann Sebastian Bachs "Komm süßer Tod" verklungen war. Ein fulminanter Schlusspunkt für einen Abend, bei dem die Compagnie ihre typische künstlerische Bandbreite gezeigt hat: abstrakten und erzählerischen Tanz, kraftvoll und expressiv, humorvoll und mysteriös und das in vier Choreographien mit sehr verschiedenen künstlerischen Ansätzen, etwa bei dem exzessiven reinen Tanzstück von Marco Goecke oder dem pantomimisch-schauspielerischen Stück von Crystal Pite.

Marco Goecke: "Woke up Blind"

Marco Goecke, einer der besten und zu Recht vielfach preisgekrönten deutschen Choreographen hat zu zwei melodramatischen Songs des Singersongwriters Jeff Buckley ein lustvolles Drama für tragische Existenzen entworfen, mit Tänzern in Ganz-Körper-Verhärtungen, jeder Muskel angespannt, Oberköper und Arme zittern und zucken wie unkontrollierbar. Sie wirken, als wollten sie aus der Haut fahren, wenn sie denn könnten. Dies ist ein Tanz wie im Schockzustand, ohne Weichheit, Verflüssigung und Entspannung und das bei extrem hohem Tempo. Hier gibt es kein Entkommen aus den Existenzen der Erschütterung bis in die Grundfesten, der Einsamkeit und Verlorenheit selbst in den Paar-Konstellationen. Goecke geht in faszinierender Weise an die Grenzen des Darstellbaren und der Bewegungsmöglichkeiten.

Crystal Pite: "The Statement"

Crystal Pite hingegen schickt vier Tänzer an einem Konferenztisch in einen gnadenlosen Machtkampf. Grundlage ist ein Einakter des kanadischen Schauspielers Jonathon Young, dessen Text von vier Sprechern gesprochen vom Band kommt. Die Tänzer sind Untergebene und Vorgesetzte, es geht um Fehler, Schuld und Verantwortung, wobei über allen vieren noch die "Die Da Oben" schweben, die wahrhaft Mächtigen. Die Tänzer folgen den eingesprochenen Texten in Gestik und Körpersprache, rettungslos verkeilt in einen Kampf ums Überleben mit Siegern, Verlierern und zerstörten Existenzen.
Crystal Pite gelingt es, Humor und Brutalität aneinander zu binden, die Gesten von Macht und Unterwerfung, die Körpersprache von Autorität und Ohnmacht zu entblößen. Das ist komisch und erschütternd zugleich, denn dieser Machtkampf wird mitleidlos in äußerster Härte geführt. Ein realistischer Blick in eine gnadenlose Welt, in der es keine Freunde gibt. Crystal Pite hat die hohen Erwartungen an sie nach ihren wenigen Gastspielen in unserer Region auch dadurch erfüllen können, dass sie ihre Kämpfe enden lässt, bevor die Schwächen der Überführung des darstellerischen Tanzes in nicht-erzählerische Bewegung zu deutlich werden.

Gabriela Carrizo: "The Missing Door"

Die aus Argentinien stammende Choreographin Gabriela Carrizo hat erneut mit  einem skurrilen, surrealen und mysteriösen Stück überrascht, ähnlich wie bei ihrem Gastspiel im letzten Jahr beim "Tanz im August", mit ihrer "Peeping Tom"-Compagnie, mit einem Stück über eine Gruppe merkwürdiger Gestalten in einer deprimierenden Wohnwagen-Trailer-Siedlung in irgendeiner Einöde. Diesmal hat sie eine Art Nachspiel zu einem Horror-Splatter-Thriller in Szene gesetzt. In einem heruntergekommenen Motel geistern blutverschmierte Ermordete wie Untote umher. Auch dies ein erzählender Tanz, vielleicht von Hitchcock inspiriert, mit Filmelementen in albtraumhafter Atmosphäre inszeniert, absonderlich schrullig und versponnen, wenn auch aus der Perspektive der Tanzkunst weniger reizvoll.

Nederlands Dans Theater: "Safe as Houses", © Rahi Rezvani
Nederlands Dans Theater: "Safe as Houses"; © Rahi RezvaniBild: Haus der Festspiele

Sol Leon & Paul Lightfoot: "Safe as Houses"

Brillant dann zum Ende des langen Abends das Leben-und-Tod-Stück mit der Musik von Johann Sebastian Bach, inszeniert von den beiden Hauschoreographen Sol Leon und Paul Lightfoot, die beim Gastspiel vor zwei Jahren von Publikum und Presse gefeiert wurden. Sie haben eine Welt getrennt in Schwarz und Weiß entworfen, wie aufgeteilt in unvereinbar gegensätzliche Welten und Prinzipien. Und doch, so die Botschaft, gehört das eine untrennbar zum anderen. Ein Stück wie eine Meditation über den Tod, der zum Leben gehört, über die Unerklärlichkeit des menschlichen Seins, inspiriert vom "I Ging", dem chinesischen "Buch der Wandlungen", ein Rätselwerk für sich. Hier gekoppelt mit der Musik von Johann Sebastian Bach, einem Medley bekannter Stücke und mit dem berührenden Ende mit Bachs Lied "Komm süßer Tod" in elektronischer Bearbeitung.

Alles in allem ein glanzvolles Gastspiel des Nederlands Dans Theater mit Choreographien auf der Grenze zwischen Tanz und Theater, inhaltlich und formal überraschend und vielgestaltig und mit hervorragenden Tänzern.

Frank Schmid, kulturradio

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