"Le Prophète", Szenenfoto; © Bettina Stöß
Bettina Stöß
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Deutsche Oper Berlin - Giacomo Meyerbeer: "Le Prophète"

Bewertung:

Die Oper war bei der Premiere ein aus Erschöpfung geborener Publikumserfolg. Man beklatscht auch das eigene Durchhaltevermögen. Zwei Stunden lang hatte ich längst gedacht, was für ein pompöser Plunder! Da kriegt Meyerbeer das Ding doch noch flott, und zwar wirklich.

Meyerbeers "Le Prophète" ist das rundeste Meisterwerk dieses Komponisten – unbeschadet der Überlängen, die kein Besucher dieser 4 ¾-Stunden-Aufführung bestreiten wird.

Das "Historical" über die (Wieder-)Täufer, einer radikalprotestantischen Erneuerungsbewegung des 16. Jahrhunderts in Münster (dessen Schloss am Ende die Luft fliegt), kreist um Jan van Leyden. In einem der Käfige, die am Turm von St. Lamberti noch heute ausgestellt sind – Münster-Reisende werden sich erinnern –, wurde sein gefolterter Leichnam 1536 der Öffentlichkeit präsentiert.

Die Oper (ohne dieses makabre Detail) war bei der Premiere ein aus Erschöpfung geborener Publikumserfolg. Man beklatscht auch das eigene Durchhaltevermögen. Zwei Stunden lang hatte ich längst gedacht, was für ein pompöser Plunder! Da kriegt Meyerbeer das Ding doch noch flott, und zwar wirklich. Dass er sich ins Repertoire zurückempfehlen wird, wage ich dennoch zu bezweifeln.

Verschiebebahnhof von Chor- und Personenmassen

Auch die Inszenierung ist der Höhepunkt dieses Meyerbeer-Zyklus, und gibt trotzudem keinen Grund zum Jubeln. Olivier Py, sonst Leiter des Theaterfestivals von Avignon, hat die Kunst ausgebildet, schiefergrau verschachtelten Bühnenbildnern ertaunlichen Stil-Effekt abzugewinnen. Er hat auch einige gute Ideen, z.B. wenn die Leibeigenen-Verhältnisse, die der Prophet überwinden will, durch kapitalistische Konsum-Werbung illustriert wird, wie sie uns heute umzingelt. Die Vasallen des Jean de Leyde, im Gänsemarsch paradierend, sind eine Art Olsen-Bande der Wiedertäuferei.

Leider verbinden sich derlei Ideen mit dem Gang der Dinge wenig. Die Inszenierung bliebt ein Verschiebebahnhof von Chor- und Personenmassen. Besonders unangenehm: das Dutzend männlicher Pin-ups sowie ein barbusiger männlicher Engel, der sich partout nicht von der Bühne fernhalten lässt. Auch schwuler Sexismus, meine ich, ist immer noch Sexismus. Bloß: Die anderen Meyerbeer-Inszenierungen taugten noch weniger.

"Le Prophète", Szenenfoto; © Bettina Stöß
"Le Prophète", Gregory Kunde; © Bettina StößBild: Bettina Stöß

Beeindruckendes Zentrum der Aufführung

Sängerisch muss der Prophet ein toller Hecht sein. Gregory Kunde heißt er und ist seit Jahren ein in Kennerkreisen hochgeschätzter Tenor-Fachmann. Schön war seine Stimme nie. Jetzt aber hat er irgendwie sein Tenor-Basement mit Sirup geflutet. Er besitzt eine Fülle neuer Farben, ist viel besser geworden und bildet ein beeindruckendes Zentrum der Aufführung.

Für Clémentine Margaine als Mutter Fidès, früher fest am Haus, ist die Premiere der überfällige Durchbruch. Ein fulminantes Mezzo-Gebläse im besten Sinn; nur dass sie leider zu oft zu voller Föhn-Stufe aufdreht. Worin ihr dann Elena Tsallagova folgt (oft eine Spur zu tief). Hier hätte der Dirigent einschreiten müssen.

"Le Prophète", Szenenfoto; © Bettina Stöß
"Le Prophète", Elena Tsallagova (l.), Clémentine Margaine; © Bettina Stöß | Bild: Bettina Stöß

Reingehen!

Abzüge in der B-Note also für Enrique Mazzola. Eigentlich zeigt er deutlich mehr Leitungs-Übersicht und Struktur als in "Vasco da Gama" und "Dinorah". Bei den Ensembles sowie im Chor (der die besten Stellen hat) verrutscht ihm etliches. Das zeigt noch einmal: Dieser Meyerbeer-Zyklus wäre eigentlich Chef-Sache gewesen. Hier hätte Donald Runnicles rangemusst.

Reingehen! In einer Stadt, in der jede Wagner-Oper zwei bis drei Mal vorhanden ist, gebietet es der Anstand, auch seine vielleicht wichtigste Entstehungsbedingung – und das war Meyerbeer – gelten zu lassen und zur Kenntnis zu nehmen. Wer nur von Wagner etwas versteht, versteht auch davon nichts. Da müssen Sie durch. Lehrreich genug ist es.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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