Deutsches Theater: Versetzung
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Uraufführung - Deutsches Theater: "Versetzung"

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Der Autor Thomas Melle ist manisch-depressiv. Jetzt hat Melle für das Deutsche Theater auch ein Stück zu diesem Thema geschrieben: Im Mittelpunkt von "Versetzung" steht ein Lehrer, der vor Jahren als "bipolar" diagnostiziert worden ist und den jetzt seine Vergangenheit einholt.

Über Thomas Melles Depression wissen seine Leser bereits seit seinem hoch gelobten autobiografischen Roman „Die Welt im Rücken“, in dem Melle bedrückend ehrlich die Abgründe dieser Krankheit ausleuchtet, die sein Leben mehrere Male zerstört hat.

Anders als der autobiografische Roman, der aus der Ich-Perspektive erzählt, blickt das Stück von außen auf die Krankheit. Wir lernen Ronald, die Hauptfigur, aus der Perspektive der Menschen kennen, die mit ihm leben und arbeiten. Im Zentrum steht der psychisch kranke Mensch in der Gesellschaft und das, was er in seinem Umfeld auslöst. Die Stigmatisierung, die er erlebt, als herauskommt, dass er Psychopharmaka nimmt. Die Gerüchte, die über seine weit zurückliegenden manischen Schübe im Umlauf sind. Die fließenden Grenzen zwischen gesund und krank: Schließlich hat jeder Mensch mehrere Gesichter – und die Figuren, die um Ronald herumstehen, wirken zeitweise psychisch weit derangierter als er selbst.

Philosophische und gesellschaftliche Fragen zur Depression

Ronald ist ein hoch engagierter Lehrer, der zum Direktor aufsteigen soll. Diese Ankündigung ruft im Kollegenkreis die Neider auf den Plan – und im Elternkreis die wachsamen Mütter. Mit einer von ihnen hatte Ronald in ewig vergangenen Studienzeiten eine Affäre, als er gerade an einem manischen Schub litt. Anders als gemeinhin behauptet, sind diese Manien mitnichten glückliche Phasen, sondern Psychosen, in denen der Kranke hyperaktiv Zeichen liest, Verschwörungen wittert, durchdreht und sich im Anschluss an kaum etwas erinnert. Diese Frau und Mutter, die Ronalds Geheimnis kennt, stürmt plötzlich die Schule und bezichtigt Ronald des sexuellen Missbrauchs. Langsam aber sicher führen Anschuldigungen und Machtspiele zu einem neuen Krankheitsschub.

Melle verhandelt hier sowohl philosophische als auch gesellschaftliche Fragen: Kann man es verantworten, jemanden Kinder unterrichten zu lassen, bei dem die Möglichkeit besteht, dass er psychisch völlig auseinanderfällt? Und, über den pathologischen Einzelfall hinaus: Ist nicht jeder Mensch in gewissem Maße ein explosives Überraschungsei? Wie Ronald im Stück sagt: "In jedem Menschen hocken zig andere rum und lauern." Auch die Sprache wird zum Verräter. Wenn die Lehrerin, die den Posten als Direktorin letztlich bekommt, sagt: "Du warst die richtige Besetzung", dann versteht Ronald: "Jetzt kommt die richtige Versetzung." Diese Verhörer schüren Ronalds Misstrauen und befeuern die Krankheit.

Deutsches Theater: Versetzung
Deutsches Theater: "Versetzung" | Bild: Deutsches Theater; © Arno Declair

Inszenierung ohne Fallhöhe

Die Regisseurin Brit Bartkowiak hat schon mehrere Uraufführungen am Deutschen Theater besorgt und bereits mit Thomas Melle gearbeitet – in diesem Fall gerät ihr die Inszenierung allerdings zu oberflächlich parodistisch. Daniel Hoevels überzeichnet seinen Ronald von vorneherein. Mit akkuratem Scheitel und Rollkragenpullover steht er an der Rampe und spricht beflissen zur Klasse, hier: zum Publikum, wie eine Mischung aus Super-Lehrer und Mamis Lieblingsschwiegersohn. Auch in der Beziehung zu seiner Frau (warmherzig und wohlmeinend: Anja Schneider) liegt von Anfang an Hektik, Hysterie, Übertreibung. Ganz seicht wird es, wenn Birgit Unterweger als ehemalige Affäre Ronalds wie eine Pseudo-Femme-Fatal die Bühne betritt, im lasziven Negligé einen Song ins Mikrophon haucht und alles küsst, was sich ihr in den Weg stellt.

Dass das Verrücktwerden auf der Bühne auch irre, überzeichnete Formen braucht, um die katastrophale Entwicklung von Jekyll zu Hyde begreiflich werden zu lassen, versteht sich von selbst. Doch hier ist nichts wahnsinnig, scharf, böse, sondern zu viel braves Mittelfeld: alles ein bisschen lustig, überdreht – aber nicht erschütternd. Dieser todtraurigen Zerstörung eines Menschen, dem ein normales Leben einfach nicht gegönnt ist, fehlt es in der Inszenierung an Fallhöhe – sie geht einem nicht nah.

Zuweilen starke Szenen

Trotzdem gelingen Daniel Hoevels zuweilen starke Szenen, vor allem im zweiten Teil, wenn er in eine andere Welt abdriftet, Worte missversteht, nur noch in obszönen Reimen spricht, aggressiver wird und sich beispielsweise aufgekratzt im Erklären des Reimschemas von Sonetten verliert. Die Bühne besteht aus einem erhöhten Spielpodest, ein eingerahmtes blaues Quadrat, das wie eine Spiegelung des Aquariums wirkt, das auf diesem Quadrat steht. Wenn Hoevels am Ende völlig durchnässt und zerstört vor diesem Aquarium liegt wie ein herausgefallener japsender Fisch, ist das ein treffend traurig-schönes Bild.

Generell aber bleibt die Inszenierung zu harmlos, auch zu didaktisch. Schon im Stück selbst wirken die Monologe, die jede Figur hält, um sich dem Publikum erklären, problematisch aufgestülpt. Ihnen räumt die Regisseurin jedoch viel Platz ein – sodass man sich zwischenzeitlich wie in einem Jugendstück zum Thema "Bipolarität verstehen" fühlt. Man streift den Abend schlicht zu leicht von sich ab. Er hinterlässt keine Erschütterung. Das darf bei diesem Stoff, der einem in Thomas Melles Sprache den Boden unter den Füßen wegreißen kann, einfach nicht sein.

Barbara Behrendt, kulturradio

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