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Pierre Boulez Saal - Gidon Kremer spielt Luigi Nono und Mieczysław Weinberg

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Beide waren Zeitgenossen: Luigi Nono und Mieczysław Weinberg – aber mehr als das verbindet sie nicht. Gidon Kremer spannt sie trotzdem zusammen an einem Abend, der musikalisch wie konzeptionell gut gedacht ist, aber nicht ganz aufgeht.

Gidon Kremer ist bekannt für unkonventionelle Programme. Dass trotzdem der Pierre Boulez Saal ausverkauft ist, mag daran liegen, dass die Location immer noch auch ein paar Monate nach ihrer Eröffnung Neuigkeitswert hat. Zudem hat Gidon Kremer einen großen Namen und zieht das Publikum an.

Ganz alleine ist er dann doch nicht auf der Bühne: Im ersten Stück kommt viel Elektronik dazu, im zweiten einige Fotografien.

Ohne Wege gehen

Luigis Nonos "La lontananza nostalgica utopica futura", wörtlich übersetzt so viel wie "nostalgisch-utopisch-zukünftige Ferne", will sagen, dass wir in der Gegenwart die Vergangenheit reflektieren und daraus die Utopie einer Zukunft erschaffen. Durch das gesamte Spätwerk Nonos zieht sich das Symbol des Wanderns – auf Wegen, die es gar nicht gibt, sondern die erst dadurch entstehen, dass man geht.

Auf der Bühne stehen mehrere Notenständer. Es beginnt mit Klängen aus den im ganzen Saal verteilten Lautsprechern. Erst nach einigen Minuten betritt Gidon Kremer die Bühne mit seiner Geige, geht von Notenständer zu Notenständer, verweilt – und verschwindet wieder. Ein Wandern ohne Anfang, ohne Ende.

Historisches Dokument

Aus den Lautsprechern kommt ebenfalls Gidon Kremer. Als Luigi Nono das Stück vor knapp drei Jahrzehnten entwickelt hat, hat er Kremer stundenlang improvisieren lassen, das dann aufgenommen und elektronisch verändert. Man hört Geigenklänge, vervielfacht, manchmal auch metallisch verfremdet und durch Geräusche angereichert. Dazu spielt der Geiger dann live, gewissermaßen mit sich selber im Duett. Mal scheint er in den Klängen unterzugehen, dann scheint er sich trotzig dagegen zu behaupten.

Das ist eine Zeitlang faszinierend, dann spürt man aber, dass sich in den letzten drei Jahrzehnten in Sachen Elektronik einiges entwickelt hat. Man spürt dann doch die eher hölzerne Schnitttechnik. Die Klänge wirken allzu gleichförmig und zu wenig raffiniert gemacht. Es ist bemerkenswert: Das ist erst drei Jahrzehnte alt, und doch wirkt es heute wie ein historisches Dokument.

Cello auf der Geige funktioniert nicht

Die 24 Präludien für Cello solo von Mieczysław Weinberg haben eine eigenartige Entstehungsgeschichte. Komponiert Ende der Sechzigerjahre für Mstislaw Rostropowitsch, hat der sie jedoch nie gespielt. Im Programmheft kann man als Grund dafür von einem Zerwürfnis der beiden Künstler lesen. Das mag so gewesen sein, aber man kann auch vermuten, dass die Stücke Rostropowitsch zu modern waren. Das ist eine Musiksprache: aphoristisch, oft brutal, provokant in ihrer Zerrissenheit, viele Gesten, sehr intensiv. Das aufzuführen, wäre damals in der Sowjetunion unter Umständen problematisch gewesen.

Die Präludien sind nicht nur im Original für Cello geschrieben – das hört man ihnen auch an. Ihr Charakter ist für ein tiefes, intensives, voluminöses Streichinstrument gedacht. Auffällig sind auch Zitate aus Cellokonzerten von Schumann und Schostakowitsch. Gidon Kremer, der die Stücke für Geige solo bearbeitet hat, gibt sich alle Mühe, seinem Instrument dieses Klangvolumen abzutrotzen – er schabt und sägt und steigert sich in eine Intensität, aber spürt: Es ist zu wenig. Das ist der Versuch einer Ehrenrettung, aber man hätte dafür dann doch einen Cellisten benötigt.

Weniger wäre mehr gewesen

Gidon Kremer nennt das ganze Projekt "Präludien zu einer verlorenen Zeit". Er hat den litauischen Fotografen Antanas Sutkus gebeten, dazu Arbeiten zu zeigen. Das sind alles Schwarz-Weiß-Fotografien, und Gidon Kremer schreibt zur Untermauerung im Programmheft fast märchenhaft von einem Staat und seinem Machthaber – gemeint ist die ehemalige Sowjetunion – und vom Verhältnis von Diktatur zu Kunst, die trotz allem die Menschen so zeigt, wie sie wirklich sind oder waren.

Auf den Fotos sieht man oft Menschn mit desillusionierten Gesichtern, trostlose Straßen, hässliche Gebäudekomplexe – auf Dauer kommt eine gewisse Monotonie auf. Vielleicht soll das mit dem Schicksal von Mieczysław Weinberg zusammengebracht werden, der in der Sowjetunion einen schweren Stand hatte. Fast hat man den Eindruck, dass Gidon Kremer gespürt hat, dass die Geigenfassung dieser Präludien nicht richtig aufgeht, und versucht, das durch diese Zusätze abzufedern. Letztlich ist jedoch eine konzeptionell überfrachtete Aufführung entstanden. Weniger wäre mehr gewesen.

Andreas Göbel, kulturradio

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