Grips Theater: "Faltet Eure Welt"
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Grips Theater - Faltet eure Welt

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Ein Stück Papier – mehr ist ein Reisepass eigentlich nicht. Aber nur, wenn man dieses Papier besitzt, kann man sich auf der Welt mehr oder weniger frei bewegen.

Am Berliner Grips Theater hat ein ägyptischer Origami-Künstler mit einer deutschen Regisseurin darüber nachgedacht, was Freiheit heute auf unterschiedlichen Erdteilen bedeutet. „Faltet eure Welt“ heißt das Stück für Jugendliche ab 14 Jahren.

Japanische Papier-Faltkunst mithilfe eines Ägypters auf eine deutsche Bühne gebracht – ein ungewöhnliches Projekt. Die Regisseurin Lydia Ziemke und der Origami-Künstler Ossama Helmy haben sich bei einem europäisch-arabischen Kultur-Austauschprogramm kennengelernt und dann, so erzählt es die Regisseurin, festgestellt, dass die Definitionen von Freiheit und Verantwortung im jeweiligen Heimatland ganz verschiedene sind. Dazu wollten sie arbeiten und haben in Workshops in Berlin und Alexandria ägyptische und deutsche Jugendliche zum Thema befragt, zudem Geflüchtete aus Syrien. Diese Texte sind, so heißt es zumindest, in das Stück eingeflossen.

Ein geschichtenfreier Abend

Geschichten von den Jugendlichen selbst werden jedoch nicht erzählt. Es ist überhaupt ein sehr geschichtenfreier Abend – die beiden Schauspieler und der Künstler sprechen auf der Bühne höchstens kleine Dialog-Fragmente. Die meiste Zeit aber postulieren sie ziemlich abstrakt, was das Wort "Freiheit" bedeuten kann: "Freiheit, das ist zu leben, wie ich möchte. Mich frei entfalten. Tragen, was ich will. Freiheit, das ist, nicht auf meine Eltern zu hören." Diese Sätze lesen die Schauspieler von kleinen Papierfliegern ab, die die Jugendlichen in den Workshops wohl mit ihren Freiheitsbegriffen versehen haben. Ganz klar wird das jedoch nicht.

Flieger vom Publikum

Die Bühne ist in weiß gehalten, hinten steht ein Haus, geformt aus einer Plastikplane. In der Mitte ein großer Tisch. Ein weißer Vorhang dient als Projektionsfläche – wenn die Spieler sich nicht gegenseitig übersetzen, wird hier Deutsch oder Arabisch übertitelt. Die beiden Schauspieler Esther Agricola und Jens Mondalski und der Origami-Künstler laufen zu Beginn hektisch von einer Seite zur anderen, während Sirenen und Elektro-Musik dröhnt. Sie sprechen davon, bei einer Demonstration auf einem großen Platz zu stehen und sich mit der Masse zu vereinen – eine Szene, die auf den Arabischen Frühling anspielt, der dann allerdings nicht weiter thematisiert wird. Zwei, drei Mini-Szenen werden fast pantomimisch angespielt: Eine Frau mit Kopftuch etwa wird von ihrem Vater gehindert, einen Mann zu küssen, der sich bekreuzigt.

Ansonsten bleibt das Stück mehr bei westlichen Freiheitsvorstellungen. Esther Agricola erzählt, dass Freiheit für sie bedeutet, zu lieben, wen sie möchte. Dazu faltet sie, da kommt das Origami ins Spiel, ein Herz, das sie ins Publikum verschenkt – nicht, ohne zu erwähnen, dass die eigene Freiheit an Grenzen stößt, wo sie die Freiheit des Gegenübers verletzt. Auch die Zuschauer werden eingebunden. Jeder faltet unter Anleitung einen Papierflieger und lässt ihn mit seiner Freiheitsdefinition beschriftet auf die Bühne segeln. Diese Sätze werden dann von den Spielern vorgelesen. Eine zwar äußerst didaktische, aber wirkungsvolle Methode, das Publikum ansatzweise ins Geschehen zu ziehen.

Wie eine auf die Bühne gestellte Schulbuchseite

Papierflieger basteln und Freiheit definieren – emotional bewegt verlässt diese Inszenierung wohl niemand. Der Abend fühlt sich an wie eine auf die Bühne gestellte Schulbuchseite – und es ist nicht das Origami, das ihn so papiern macht. Ziemke und Helmy möchten Freiheit als Begriff erklären, zeigen aber nicht, was dieser Begriff konkret bedeutet.

Das ist deshalb so schade, weil man aus den Gesprächen mit den Jugendlichen Spannendes hätte erfahren können und wollen: Wie begegnet ein 14Jähriger aus Berlin dem Freiheitsbegriff eines 14Jährigen aus Alexandria? Im Programmflyer ist zu lesen, es ginge um einen Jungen, der sich dem Druck der Familie widersetzt und Tischler wird anstatt Wirtschaft zu studieren. Und um ein Geschwisterpaar, das für die Revolution alles opfert und sich dabei selbst vergisst. Was auch immer mit diesen Geschichten während der Proben geschehen sein mag – auf der Bühne sind sie jedenfalls nicht zu sehen.

Ein einziger Moment bringt einem zumindest kurzzeitig die Freiheit und Unfreiheit von Menschen aus verschiedenen Ländern nah: Jens Mondalski erzählt, dass keiner weiß, ob die Vorstellungen von „Faltet eure Welt“ nächstes Jahr stattfinden, weil Ossama Helmy dafür in Ägypten bei der Deutschen Botschaft vorsprechen und ein neues Visum beantragen muss. Hier kommt endlich ein menschliches Schicksal ins Spiel – und ansatzweise auch der Pass, den das Programmheft als prominentes Beispiel für die Freiheit auf Papier ausweist. Das Verhältnis aber zwischen Freiheit und Verantwortung bleibt den Abend über so abstrakt wie ein Verfassungstext.

Barbara Behrendt, kulturradio

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