Heimathafen Neukölln: "Haroun und das Meer"
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Live- Graphic Novel - Heimathafen Neukölln: "Haroun und das Meer der Geschichten"

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Nicole Oder hat Slaman Rushdies Roman, der im Exil entstand, als Live-Graphic-Novel auf die Bühne gebracht.

Für seinen Roman "Die satanischen Verse" erhielt der Schriftsteller Salman Rushdie im Jahr 1989 vom damaligen iranischen Staatschef Khomenei per Fatwa ein Todesurteil. Angeblich sei das Buch islamfeindlich. Rushdie musste flüchten und sich verstecken. Im Exil schrieb er das Buch "Haroun und das Meer der Geschichten". Es kreist um einen berühmten Geschichtenerzähler, der plötzlich verstummt. Die Geschichte hat durchaus Parallelen zu Rushdies eigener Biografie.

Am Heimathafen Neukölln hat Nicole Oder den Roman als Live-Graphic-Novel auf die Bühne gebracht. Auf der Bühne stehen zwei Schauspieler und ein Musiker, auf der Laute, Trommel und Glockenspiel Arabisch anmutende Musik spielt. Eine Zeichnerin, Bente Theuvsen, sitzt am Bühnenrand vor zwei Overhead-Projektoren und malt live, was dann auf den drei weißen Bühnenwänden zu sehen ist.

Aus Tinte wird ein Bühnenbild

Ein paar Bilder sind auch vorgezeichnet, für schnelle Szenenwechsel. Theuvsen malt mit schwarzer Tinte und verschiedenen Pinseln und Spachteln. Manchmal verteilt sie auch Tinte auf der Folie und kratzt sie dann wieder frei. Sie malt zum Beispiel ein Bett, ein Bücherregal und ein Planetensystem. Die Zeichnungen übernehmen tatsächlich die Funktion des Bühnenbilds.

Es ist eine sehr freie Bearbeitung des Romans. Wenn man Salman Rushdies Buch mag, kann man damit Schwierigkeiten mit haben. Der Roman erzählt eine Geschichte, die einen Anker in der Realität hat, und von dort in eine Fantasiewelt abhebt, mit dem magischen Realismus eines Gabriel García Márquez, der Herzenswärme von Rafik Schami und der Fabulierlust aus 1001 Nacht: ein Kinder- und Jugendbuch, das man auch als Erwachsener mit Genuss liest.

Gestresster Berliner Kreativarbeiter

Die Regisseurin, Nicole Oder, will die Geschichte in die Gegenwart und von Indien nach Deutschland holen. Haroun ist hier kein elfjähriger Junge, sondern eine Teenagertochter und hauptsächlich mit ihrem Handy beschäftigt. Der Vater ist nicht der große Erzähler Rashid Khalifa wie im Roman, sondern ein gestresster Berliner Kreativarbeiter, dem zu allen Überfluss noch die Frau weggelaufen ist. Jetzt fällt ihm partout nichts mehr ein, was er seinen Auftraggebern vorlegen könnte.

Es geht also mit Alltagsproblemen los. Der Abend braucht eine Weile, bis er auf eine märchenhafte Ebene kommt. Diese Modernisierung wäre nicht nötig gewesen, denn Rushdies Geschichte ist so poetisch wie universell.

Zwei Schauspieler in verschiedenen Rollen

Die zwei Schauspieler übernehmen verschiedene Rollen. Tanya Erartsin spielt kurz mal die verschwundene Mutter, die ein wehmütiges türkisches Lied singt. Sonst spielt sie das Mädchen Haroun, das sich auf Rollschuhen auf die Reise macht, um den Erzählfluss des Vaters, die versiegte Quelle seiner Geschichten, wiederzufinden.

Alexander Ebeert verleibt sich virtuos sehr unterschiedliche Rollen ein: den überforderten Vater. Einen Wassergeist, der den ruppigen Charme und die markigen Sprüche eines Berliner Handwerkers hat. Und einen Jungen, dem Haroun auf ihrer Reise begegnet. Unbeholfen nähern die beiden sich an. Das hat nichts mehr mit dem Roman zu tun. Ist aber trotzdem ganz niedlich.

Das Stück richtet sich – anders als das Buch – nicht an Kinder und Jugendliche. Der Heimathafen hat ein erwachsenes Publikum im Blick; gespielt wird abends.

Atmosphärisches Spiel mit Licht und Schatten

Die Regisseurin Nicole Oder hat am Heimathafen schon öfter Live-Graphic-Novels inszeniert. Bei "Haroun und das Meer der Geschichten" funktioniert dieses Konzept ziemlich gut. Manchmal könnte das Timing noch präziser sein. Die Overhead-Folien mit den Bildern werden oft in Windeseile aufgelegt oder weggezogen, im Zusammenspiel mit der Musik und der Bewegung der Schauspieler. So entsteht ein sehr atmosphärisches Spiel mit Licht und Schatten.

Das Schöne ist, dass die Art, wie der Abend entsteht, so gut zum Thema passt. Die Zeichnungen sind flüchtig, filigran, ein Pinselstrich wird sofort wieder weggewischt. Das entspricht den Erzählungen des Vaters, die auch jeweils für den Moment eine Welt entstehen lassen.

Liebeserklärung an die Fantasie

Die Aktualisierung des Stoffes wäre nicht nötig gewesen. Aber Nicole Oder verfolgt ihre Interpretation konsequent. Am Ende weiß man weiß nicht, ob Haroun und ihr Vater die Wohnung überhaupt verlassen haben oder ob sich die ganze Reise nur im Traum abgespielt hat. Da ist sie dann doch noch, Rushdies Liebeserklärung an die Fantasie.

Mounia Meiborg, kulturradio

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