"Heisenberg"; © Iko Freese/drama-berlin.de
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Renaissance-Theater - Simon Stephens: "Heisenberg"

Bewertung:

Der Abend ist zwar unterhaltsam und stellenweise gefühlvoll wäre – er bleibt jedoch zu flach ... und das Experiment verpufft.

Wenn ein Theaterstück den Titel "Heisenberg" trägt, geht man davon aus, dass hier das Leben und Wirken des deutschen Physikers und Nobelpreisträgers Werner Heisenberg verhandelt wird. Nicht so im Drama des Briten Simon Stephens: Sein Stück, das Antoine Uitdehaag am Renaissance Theater inszeniert hat, heißt zwar "Heisenberg", ist aber eine Liebesgeschichte zwischen einem älteren Herrn und einer mehr als 30 Jahre jüngeren Frau. Mit dem Titel will Stephens nahelegen, dass es sich um eine Versuchsanordnung, um ein Experiment handelt, wenn diese Figuren aufeinanderprallen.

Theoretischer Überbau

Vereinfacht gesagt besteht Heisenbergs Theorie darin, das Verhalten eines Teilchens als unberechenbar zu definieren: Sobald man sich auf einen Aspekt konzentriert, lässt man einen anderen aus den Augen – und schon hat sich das Teilchen in eine Richtung bewegt, die man nicht vorhergesehen hat. Diese Theorie nimmt Stephens' als Sinnbild für das Leben des Menschen an sich. Jede Szene entwickelt sich in eine Richtung, die man nicht hat kommen sehen. Das klingt nach großem theoretischen Überbau – man kann das Stück unter diesen Gesichtspunkten lesen, man muss es aber nicht.

Schräge Figuren

Die schrägen Figuren geben diese Lesart allerdings durchaus her. Sie stehen so diametral zueinander, wie in einer Screwball-Komödie – aus dieser Gegensätzlichkeit entwickelt sich eine gewisse Komik.

Georgie ist eine Amerikanerin Anfang 40, deren Geplapper einem ganz schön auf die Nerven geht. Da sie alle paar Minuten eine neue Geschichte erfindet, sollte man ihren Worten gar nicht erst über den Weg trauen. Eine verrückte, bunt schillernde, egoistische Person, bei der man nie weiß, ob man sie liebenswert oder intrigant finden soll.

Alex dagegen ist Ire, Mitte 70 und spricht mit kaum jemandem. Er hat sich in seinen täglichen Routinen seit Jahrzehnten eingerichtet, hat sein Leben immer allein verbracht, hadert damit aber wenig. Ein ruhiger, bodenständiger, etwas vereinsamter Typ. Während Georgie also immer in Bewegung ist, bleibt Alex gänzlich unbeweglich.

Skurrile Situationen

An einem Londoner Bahnhof treffen sie aufeinander. Die erste skurrile Situation: Georgie küsst Alex von hinten auf den Hals, weil sie ihn, wie sie sagt, mit ihrem Mann verwechselt hat. Ein paar Minuten später stellt sich heraus, dass ihr Mann längst tot ist, in der nächsten Szene offenbart sie, nie verheiratet gewesen zu sein. Sie stellt sich als Kellnerin vor, entpuppt sich dann aber als Schulsekretärin.

Alex hält Georgie in dieser ersten Begegnung für ziemlich durchgeknallt und lässt sie stehen. Sie findet jedoch die Metzgerei, in der er arbeitet, und verfolgt ihn geradezu. Einerseits ist Alex überfordert von dieser übergriffigen Frau, andererseits reißt sie ihn mit ihrem Charme, ihrer Offenheit völlig mit. Nach ihrer ersten gemeinsamen Nacht bittet sie ihn um 15.000 Pfund, um ihren Sohn in den USA zu suchen. Auch da fragt sich nicht nur Alex, sondern auch der Zuschauer: Stimmt diese Geschichte? Wie berechnend ist diese Frau eigentlich?

Bemerkenswerte Dialoge

"Heisenberg" definiert sich jedoch wenig über die Handlung. Die Dialoge sind das Bemerkenswerte – wie so oft bei angelsächsischen Autoren. Einerseits haben sie einen irren Witz, ein präzises Timing, andererseits offenbaren sie viele Zwischentöne der Figuren, immer klingt auch Trauer, Einsamkeit, Angst vor Zurückweisung durch. Dieser Balanceakt ist nicht leicht zu spielen.

Nicht spürbar

Susanna Simon und Walter Kreye gelingt es nicht ganz. Stephens' Experiment wird ja erst dann interessant, wenn sich die gegensätzlichen Elemente auf der Bühne aneinander entzünden, wenn sie Funken schlagen. Es muss etwas miteinander in Gang kommen. Bei Simon und Kreye ist die Anziehung nicht zu spüren. Wenn sie miteinander im Bett liegen, in diesem Fall ist das ein steriler weißer Quader, der auf der sonst leeren Bühne steht, knistert da so wenig wie zwischen Vater und Tochter. Und auch die Dialoge geraten zu einspurig. Die Angst vor dem Verlassenwerden, die ja auch in Georgie liegt, die Trauer über die Endlichkeit dieser Beziehung, erreicht einen kaum.

Die Kostüme, die die Figuren in oberflächliche Klischees kleiden, helfen da nicht gerade: Alex trägt hässliche Rentnerschuhe und eine opahafte, braun-wollene Schirmmütze, während Georgie mit buntem Leopardenlook, klimperndem Modeschmuck und billig glitzernder Handtasche von vorneherein als halbseiden und schräg denunziert wird. Nicht, dass der Abend nicht unterhaltsam und stellenweise gefühlvoll wäre – er bleibt jedoch zu flach. Und das Experiment verpufft.

Barbara Behrendt, kulturradio

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